In den ersten Januartagen des Jahres 1971 wurde in Biberach ein Republikanischer Club gegründet. Der zweite RC, denn schon in den sechziger Jahren soll es, wie ich später erfuhr, einen für die Sechziger charakteristischen linksrepublikanischen Club gegeben haben. In Tübingen gab‘s einen, in Ulm, in Stuttgart, in anderen Städten Baden-Württembergs; in Berlin, Frankfurt, München... Etwas von den Bewegungen des linken Spektrums, die sich schon vor 1968 vor allem in den Universitätsstädten bemerkbar gemacht hatten, war offenbar schon damals auch in Biberach angekommen. In den Aktionen der APO meldeten sie sich dann auch in der oberschwäbischen Stadt unüberseh- und hörbar zu Wort und Bild. Bernd Häußler, zwei Jahre jünger als ich, wie wir bald feststellten, betreute die Kontaktadresse der örtlichen Gruppe des Verbands der Kriegsdienstverweigerer und hatte mir im Herbst 1970 die Adresse des Metzinger Rechtsanwalts Dr. Martin Bangemann gegeben. Ich brauchte für meinen Kriegsdienstverweigerungsprozeß vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen einen kompetenten Anwalt. Doch nicht B., sondern sein Kompagnon Gerhard Bansemer hatte meinen Fall übernommen, als Bernd mich am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Lindelestraße 2 abholte. Wir gingen über den verschneiten Gigelberg, durchs Tal und wieder hinauf auf den Mittelberg zu Ulrich Weitz in der Weißhauptstraße, denn Bernd hatte ihm von mir berichtet und nun sollten wir uns kennenlernen, weil wir vielleicht gemeinsam etwas für die linke Bewegung tun konnten. Ulrich W. war einer der unbotmäßigen Schüler des Wieland-Gymnasiums gewesen, die zum Kern der Biberacher APO gehört und in dieser Eigenschaft ein paar Ausgaben des hektographierten Blättchens „Venceremos“ veröffentlicht hatten, von denen eine, mit Artikeln über die Sexualmoral „der Herrschenden“, also aller Spießer, die Befreiung der fortschrittlichen Jugend davon, anarchomarxistischer Theorie (gewagte Mischung sowieso) und Phalli gefüllt, für Aufruhr nicht nur an der Schule, sondern auch in der ganzen Stadt gesorgt hatte. Ulrich war groß, etwas schlaksig, seine dichten Locken verbreiterten den Kopf, er trug eine Brille, zeichnete – wie an den Phalli zu sehen – hervorragend und fuhr mit einem Mofa durch die Stadt, auf dessen Gepäckständer ich dann mindestens einmal eines Nachts vom Mittelberg zum Lindele kutschiert wurde. Arztsohn. Ein Prozeß wegen Verbreitung unzüchtiger und pornographischer Schriften und dergleichen war gegen die Blattmacher angestrengt worden, der Rechtsanwalt Dr. Bangemann hatte ihn jedoch in allen Punkten für die Angeklagten gewonnen. Dieser gewonnene Prozeß, in dem die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung gegen Spießermoral und den Versuch, unliebsame politische Ansichten zu unterdrücken, verteidigt wurde, kann durchaus als der Beginn eines veränderten politisch-kulturellen Selbstverständnisses dieser Stadt gelten; auch das graue und beschauliche, von der ländlichen Umgebung stark geprägte Städtchen war vom mächtig über die „westlichen“ Staaten fegenden Zeitgeist angerührt und aufgeschreckt worden. (Der Anwalt Dr. B war jener Dr. B., der Bundeswirtschaftsminister, FDP-Vorsitzender, EU-Kommissar, Telekommunikationsgesellschaftsvorstand in Spanien wurde und das alles jetzt nicht mehr ist.)
Ich hatte mit der Biberacher APO nichts zu tun gehabt und erinnere mich, sie sogar ein wenig verspottet zu haben: „Die Opas von der Apo“. Aber dieses Sprüchlein entsprang meiner Vorliebe für Sprachspielerei und sollte kein Kommentar zur bekannten Losung „Trau keinem über dreißig“ sein.
Dabei waren die Leute der Biberacher APO auch nicht sehr viel älter als ich. Zwischen 1968 und 1970 hatte ich schon einiges an marxistischer Literatur gelesen, auch Lenin-Bände hatte ich mir während der Besuche 1968 und 1970 in der DDR, in Radeberg und Dresden, gekauft, nicht nur – rote, nicht blaue – Werke von Marx und Engels, und ich verstand mich also zu jenem Zeitpunkt, zu dem ich U.W. kennenlernte, als junger Intellektueller fast schon marxistisch-leninistischer Provenienz, der, wie es den schönen Maximen entsprach, nach der Lektüre solch wegweisender Schriften wie „Staat und Revolution“, „Was tun“, „Womit beginnen“, „Linksradikalismus – eine Kinderkrankheit im Kommunismus“ und anderer, von der Theorie zur Praxis kommen wollte. So kam es, daß ich im Januar 1971 zum vierköpfigen „Kader“ (dessen Chefideologe U.W. war) des neu gegründeten RC gehörte, der es sich zur Aufgabe machte, die schon versprengten Reste der Biberacher APO und „freie Linke“ wieder zu sammeln, um, dieses Mal auf eine wirkungsvollere Weise als die „zu spontane“ APO, „der Bewegung in Biberach“ zu neuem Aufschwung zu verhelfen, sie eigentlich erst in die richtigen Bahnen zu bringen.
Im Wirtschaftsgymnasium machte ich Abitur. Das interessierte mich wenig, das wurde abgehakt. Die Sitzungen des Kaders, in denen die Direktiven und die Taktik für die nächsten „Schritte“ festgelegt wurden, die Vollversammlungen, die Installierung von Arbeitskreisen waren aufregender und wichtiger. (Und davon bin ich noch heute überzeugt). Es gab, wie überall in den politischen Dingen, Fraktionen, verschiedene Ansichten über die wahre Theorie und ihre revolutionäre Umsetzung, es gab Kampfabstimmungen, Austritte, Enttäuschungen, Machtgehabe. Vor allem gab es im Sommer schon weniger aktive Mitglieder, die Arbeitskreise – in meinem lasen wir „Lohnarbeit und Kapital“ und „Lohn, Preis, Profit“, die klassische Einstiegslektüre für Anfänger in marxistischer politischer Ökonomie – wurden erst spärlicher, dann gar nicht mehr besucht, und in den Sommerferien geschah dann aus verständlichen Gründen überhaupt nichts mehr, denn der RC hatte vor allem Schüler und Studenten in seinen allmählich gelichteten Reihen, und natürlich fuhren auch die jungen Angestellten, es waren wenige, und die älteren Genossen, sie waren noch weniger, in den Urlaub. So hatte ich Zeit für’s Lesen. Arbeitete mich, mit spitzem Bleistift, der Anmerkungen und Unterstreichungen produzierte, in Wochen durch „Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie“ von Karl Heinrich Marx; den zweiten Band las ich zum Teil, den dritten kenne ich bis heute nicht. Einige dieser Freundschaften aus den kleinstadtrevolutionären Bemühungen jener Zeit hielten lange. Doch die politischen Ansichten differenzierten sich. H., Maoist, konnte sich mit der Tendenz des RC, zu einer revisionistischen Organisation zu werden, nicht abfinden. Er bestellte uns, nach Anfrage, ob Interesse bestünde, die Ausgewählten Werke des Großen Vorsitzenden Mao Tse-Tung, heute Mao Zedong genannt. Eine weibliche Person begehrte Auskunft, wie wir es mit Stalins Verbrechen hielten. Uli sagte, dazu würde ein Arbeitskreis, den ich leiten würde (davon wußte ich noch nichts), eingerichtet werden. Da war die Achillesferse jeder sozialistischen Politik berührt. Ich hatte von Dschugaschwili, der sich „der Stählerne“ nannte, etwas gelesen, mit Schaudern, eingedenk seiner Untaten und derer, die die „Säuberungen“, ein Begriff, der mir schon damals eher einer aus dem faschistischen Vokabular zu sein schien, überlebt hatten. Wir wußten einiges darüber, doch noch nicht alles. Der Stalinismus-Komplex, in seiner architektonischen Bedeutung innerhalb der kommunistischen Gedankengebäude wie in seiner psychologischen, wurde, was mir stets bewußt war, stets eher weiträumig umfahren, diente nicht der Sache, sich zu ausführlich mit ihm zu beschäftigen, wie wohl uns allen damals klar war, daß aus ihm die krankhaften Veränderungen wucherten, die alle Anstrengungen für eine sozialistische Gesellschaft zerstören könnten. Das Thema blieb, auch in den folgenden Jahren, auch nach Solschenizyns „Archipel Gulag“, dessen faktische Beweiskraft nicht widerlegt werden konnte, dessen antikommunistischen Motive jedoch zu offensichtlich schienen, als daß sie ernsthaft in die ständigen Diskussionen eingeflochten worden wären, tabu. Die Fehler Stalins waren auf dem XX. Parteitag der KPdSU verurteilt worden, damit waren diese Verirrungen (angeblich) besprochen und abgelegt; man rührte in den linken Gruppen nicht gern an dies Thema, von den maoistisch-stalinistischen Kleinparteien abgesehen, für die Stalin ein Held war, nicht nur der Sowjetunion, auch der Arbeiterklasse der ganzen bekannten Welt. Das fanden wir lächerlich. Der Arbeitskreis, der mir auch aus Gründen der Klärung des eigenen Standpunkts durchaus angenehm gewesen wäre, kam nicht zustande, und nach dem RC sowieso nicht mehr. Dann wurden aktuelle Dinge wichtiger.
In einer Wohnung am Alten Postplatz traf sich im Sommer und Spätsom-mer 1971 nur noch der hartnäckige innerste Zirkel, und uns war klar, daß der Republikanische Club seine letzten Tage hatte. Durch meine Mitarbeit an einer gewissen Zeitschrift kannte ich Freunde in Düsseldorf, denen ich vom Niedergang des RC schrieb; diese Freunde waren Mitglieder der Deut-schen Kommunistischen Partei. Sie besuchten mich. Horst P. referierte vor einem kleinen Kreis in der Wohnung am Alten Postplatz. Während des Herbstes reifte in Uli und mir der Entschluß, in Biberach eine örtliche Gruppe der DKP einzurichten; auf jeden Fall eine Gruppe der SDAJ, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, die quer über die damalige Bundesrepublik, selbst in kleineren Städten, Zulauf hatte, zu gründen. Das wurde getan. Niemand von den übrig gebliebenen RC-Mitgliedern schloß sich dieser für Biberach schon wieder neuen linken Gruppe an. Noch nicht in Erscheinung getretene Interessenten wurden rekrutiert, neue Treffen anberaumt, im „Strauß“ an der Consulentengasse wurde bei Bier und Wein agitiert. Mit der Zeit entstand eine kleine, ziemlich stabile und organisationsbewußte Gruppe, über die zunächst ich residierte und in deren Angelegenheiten ich manchmal nach Ulm zum Bezirksvorstand und nach Stuttgart zum Landesvorstand fuhr. Die Mitglieder, die nach einem Jahr noch dabei waren, die blieben. Die Gruppe richtete auch einige größere Veranstaltungen aus – zum „Radikalenerlaß“ der SPD/FDP-Koalition, zum Putsch in Chile, bekannte linke Rockmusikgruppen wie „Hotzenplotz“ und „Volksmusik“ spielten auf –, bis auch sie sich, und die noch kleinere DKP-Gruppe, die sich parallel, aber mit fast identischer Personalstruktur, dazu bewegte, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als ich mich von beiden Organisationen schon distanziert hatte, aus der politischen und kulturellen Topographie Biberachs verabschiedete; zu einer Zeit, als ein allgemeines Abflauen des Interesses an sozialistischen Alternativen zu registrieren war, nicht zuletzt wegen der voluntaristischen Terroristenidiotie von RAF und Roten Zellen und der darauf reagierenden Staatshysterie mit ihrer Jagd auf „Sympathisanten“, zu denen auch ein Böll gezählt wurde, mit der Aufrüstung von Legislative, Judikative, Exekutive.
- Ein heller Sonnentag in Berlin, blau, Elfenbeinwolken in langen Strähnen, manchmal etwas hellgrau übertüncht.
2.1.2002
02.01.
Als ich noch in Biberach lebte, arbeitete ich viele Jahre, von 1981 bis 1997, als Filmvorführer im Kutter’schen Kinobetrieb, und auch an den Neujahrstagen ging ich am frühen Nachmittag durch die noch stille, von der feucht-fröhlichen Sylvesternacht erschöpfte Stadt vom Stadtteil Hühnerfeld an der südwestlichen Peripherie, an der die Felder und Wälder beginnen, zu denen ich von meinem Apartment im fünften Stock eines Wohnblocks hinaussah, über Straßen und Wege, die an Ein- und Mehrfamilienhäusern in großen und kleinen Gärten vorbeiführten. Auf den hohen oder niedrigen Hecken lag nun frischer Schnee oder Schneekrusten hatten sich ins Gesträuch eingefressen oder waren noch immer wintergrün und -braun geblieben. Ich ging hinunter ins Stadtinnere, zur Waldseer Straße und zur Saudengasse, wo die Kutter’schen Kinos stehen. Manche der Sylvesternächte dauerten auch für mich bis fast zum Morgen, doch Neujahr nach 14.45 Uhr war ich im Kino. In meinem Einzimmer-Apartment am Klauflügelweg hatte ich Ende der achtziger Jahre einige Male zu Sylvester Gäste, acht oder zehn Freunde, für mehr war kein Platz. Am Hl. Abend, eine Woche zuvor also, versammelte ich ebenfalls einen kleineren Kreis, zu dem auch an diesem Abend einige der Freunde gehörten, die die Woche darauf den späteren Sylvesterabend bei mir verbrachten, zum „Midnight Supper“, das Klaus Leupolz zubereitete, der am Hl. Abend früher als die anderen kam und mitbrachte, was er für‘s Kochen benötigte. An Sylvester gab es dann kein größeres Essen, nur Sandwiches und Snacks. Als nach zweimaligem Aussetzen dieser kleinen Tradition der Jahreswechsel von 1992 auf 1993 einmal mehr bei mir befeiert wurde, endete sie auch schon wieder.
Andere Gäste plauderten schon lebhaft, als Klaus L., Thomas G. und Jean Demélier um 23 Uhr eintrafen. Der Pariser Schriftsteller, den Beckett zehn Jahre lang, wie es hieß, finanziell unterstützt hatte, und wiederholt sagte D. „I got a jackett from Beckett“, war 1990 in Biberach aufgetaucht. Mario K. – er und ich hatten im Oktober 1989 gemeinsam eine Lesung mit musikalischer Begleitung in einem städtischen Veranstaltungsraum vor sehr zahlreich erschienenem Publikum bestritten – war Demélier während eines Besuchs bei einem Freund, dem Philosophieprofessor Scherer, dem Bruder des Filmregisseurs Eric Rohmer, begegnet und hatte ihm von Biberach erzählt. Eines Donnerstag abends waren beide ins Foyer des „Urania“-Kinos gekommen, in dem ich eben mit dem Austausch der Aushangfotos für die Schaukästen zur Saudengasse hin beschäftigt gewesen war; D., nicht mehr ganz nüchtern, hatte mir die Hand gedrückt, wobei er den Daumen an meinem Handrücken gerieben hatte, ein besonderer Gruß ..., und hatte mir als Zeichen seiner Sympathie, die er schon empfunden hatte, ein wenig mit seinen Schuhen auf meinen Schuhen herumgetreten, wobei er etwas sagte, das ich nicht verstand. Mario hatte entzückt gelacht und D. für sein etwas ungewöhnliches Verhalten entschuldigt. So mancher seltsame Vogel war mir schon begegnet, ich hatte gelächelt und gesagt, ich hätte nun leider gar keine Zeit, mit ihnen auf eine kleine Tour durch das Biberacher Nachtleben zu gehen. Als der Kinobesitzer ins Foyer gekommen war, um bei den an den Programmwechseltagen üblichen Dekorationsarbeiten mitzuhelfen, was in der Regel dann der Fall war, wenn seine vielfältigen Verpflichtungen als Vorsitzender der Gilde deutscher Filmkunsttheater und als Mitglied diverser Prämien und Förderungen vergebender Gremien ihn nicht aus dem Haus geführt hatten, hatten K. und D. sich in aufgeräumter Stimmung verabschiedet; man würde sich ja bald sehen. Man hatte sich oft gesehen. D., ein großer Liebhaber von Biddies und Whisky, sprach beidem zu, hatte zuvor auch einiges konsumiert. Wir tranken beide Whisky, er fragte mich, ob mir die Bücher von Bruce Chatwin vertraut seien, ich verneinte. Er wollte mehr über einen meiner Freunde wissen, von dem er den Eindruck gewonnen habe, daß er womöglich schwul sein könnte, ich entgegnete, das könne man vielleicht annehmen, aber meine Meinung dazu sei eine andere. Wieder war er ganz begeistert von Biberach und von dem Kreis, in den er Zugang gefunden hatte. Er packte unvermittelt meinen Kopf mit beiden Händen und sagte emphatisch: „You are a wonderful man.“ Er wußte, daß mein Interesse an ihm rein intellektueller Art war und daß mir, wie ihm, nur junge Männer gefielen; das Kompliment ließ ich mir nun aber gefallen. Ich wandte mich anderen Gesprächen zu. Als draußen die ersten Raketen ihre bunten Fächer in der kalten Nacht entfalteten, trat D. hinaus auf meinen Balkon und zündete kleine Böller. Schmunzelte, fand, es sei lustig, ich aber kann Sylvesterschießereien auf den Tod nicht leiden. Ich war Gastgeber und ließ ihn gewähren. Eine halbe Stunde danach sprang er plötzlich auf, eilte wieder auf die Balkontür zu, die wegen des Zigarettenrauchs etwas geöffnet war und ich begriff schnell, was er im Sinn hatte, rief ihm nach: „Go to the toilet!“ Er übergab sich über die Balkonbrüstung. Es war Sylvester, es war ihm peinlich, er entschuldigte sich murmelnd („The rain will wash it down“), ich meinte, es sei nicht so tragisch, wußte aber, daß Unannehmlichkeiten nicht mehr abzuwenden waren. Meine Partylust war beeinträchtigt, ich ließ mir jedoch nichts anmerken. Die letzten Gäste gingen nach vier Uhr, Jean Demélier schlief seit Stunden auf meinem Bett in der Ecke; nach dem Vorfall war er nicht mehr lange auf den Beinen geblieben. Den Rest der Nacht und die Vormittagsstunden lag ich unter einer Decke auf dem alten Sofa.
Beunruhigt, aber äußerlich cool, machte ich gegen zwölf Uhr ein frugales Frühstück. M. Demélier, Gallimard-Autor, saß groß und hager vor meinem kleinen Holztisch mit der quadratischen Platte, sein Jackett, nicht das von Beckett, hing von den knochigen Schultern, sein sensibles langes Gesicht mit der gebogenen Nase über den dünnen Lippen, das von halblangem Künstlerhaar eingerahmt wurde, wenn er den raubvogelartigen Kopf nach vorne neigte, zeigte einen bekümmerten Ausdruck, als ich ihm sagte, daß ich keinen Kaffee hätte, nur Tee. Er klagte in englischen Worten – in unserem „Kreis“ bediente man sich eher dieser Sprache –, wie er aufwachen solle. Damals war er zweiundfünfzig Jahre alt. Draußen herrschten Minusgrade. Ich schlug vor, mit einem Taxi hinunter ins Stadtzentrum, zu Klaus Leupolz, zu fahren, er lehnte das aber ab. Spazieren wollte er, durch den frischen sonnigen Neujahrstag, um klarer im Kopf zu werden. Dagegen war schlecht etwas einzuwenden. Ich betrat den Balkon, ganz bewußt, nicht; es ließ sich jedoch nicht vermeiden, daß der Blick durch das breite Fenster und die Balkontür auf die angeschwärzte Innenwand des Balkons, auf dem ein paar alte Zeitungsstapel aufgeschichtet waren, fiel.
Wir zogen unsere Jacken an und gingen durch die Kälte den Hügel hinunter, Richtung Marktplatz und Justinus-Heinrich-Knecht-Straße. D. freute sich: „Everything is so clean, in Paris it’s always dirty.“ Ich wollte ihn nicht konsternieren und vermied es auch aus eigenem Interesse an einer ausgeglichenen Seelenlage, auf die nächtliche Begebenheit anzuspielen. Auch bei Leupolz, wo ich ein Glas Weißwein trank, wurde das, was in den Jahren danach "Deméliers Kotzen“ genannt wurde, nicht angesprochen. Schließlich war es Zeit für mich, im Kino den ersten Arbeitstag des Jahres 1993 zu absolvieren.
Am nächsten Tag wagte ich einen Blick auf die Vorderfront des Gebäudes zu werfen. Deutlich auch aus der Entfernung sichtbar rannen braune Streifen an den Balkonwänden bis zu der vom zweiten Stock herunter, die exakt auf meinem Balkon im fünften begannen. Der unterste war unbefleckt geblieben. Mit kalter Wut im Bauch rief ich, bevor ich zur Arbeit ging, L. an, er solle auf D. einwirken, mir für die Hausverwaltung eine Erklärung zu schreiben, obwohl ich doch genau wußte, daß ich mich mit solch einem Wisch höchstens lächerlich machen konnte. Wer würde die phantastische Geschichte, ein französischer Schriftsteller habe vom Balkon gekotzt, glauben? War doch der Penner vom fünften Stock selber. Jetzt kommt der mit diesem Scheiß daher. Wie ich bald danach in mir erforschte, war es mir in diesem Augenblick des Zorns auch gar nicht so sehr darauf angekommen, der Hausverwaltung mit diesem Zettel unter der Nase herumwedeln zu können, sondern darum, D., dessen Art mir schon etwas an den Nerven zupfte, zu etwas zu bringen, was ihm gewiß schwer fallen würde. So war es dann auch. Er weigerte sich, mir ein paar Worte in die Hand zu geben. „What he wants is an autograph.“ D. war sehr überzeugt davon, daß nach seinem Tod, der zweifellos nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würde, Gallimard alsbald eine Gesamtausgabe auf den Markt werfen würde, um noch einmal kräftig Geld mit ihm zu verdienen, und überhaupt würde dann alles von seiner ringgezierten Hand ziemlich wertvoll sein. Wir wußten schon, daß der Verlag seine Bücher zwar in der Backlist hatte, er dort aber nicht mehr veröffentlichte und in Paris fast nur auf Ablehnung stieß; was wir natürlich bedauerten, uns jedoch, je länger er bei uns weilte, nicht unverständlich blieb. Für mich folgten peinliche Augenblicke vor den Wohnungstüren der anderen Stockwerke. Ein paar Tage danach gab Klaus Leupolz mir den Demélier-Brief. Ich war erstaunt. Als man eines Nachmittags, nach einer Woche oder auch zweien, auseinanderging, denn wir saßen weiterhin zusammen, gab ich D. seinen Brief ungeöffnet zurück. Ich sagte ihm, daß ich ihn doch nicht brauchen würde. Kommentarlos steckte er ihn ein. Dritten gegenüber hatte er mich eines kleinbürgerlichen Verhaltens und der Doppelzüngigkeit bezichtigt, weil ich mich erdreistet hatte, mich zu echauffieren und zum Zeitpunkt des Geschehens doch geäußert hätte, es wäre nichts.
Im März 1993 stellte er in der Galerie Gallus an die fünfzig seiner Bilder, die er aus Paris geholt hatte, aus. In seiner Rede vor dem zahlreich aufmarschierten Vernissagenpublikum – ein großer Artikel mit Foto war in der Schwäbischen Zeitung gedruckt worden, der Kulturdezernent Dr.Biege sagte an diesem Abend nebenbei, „Monsieur Demélier ist der intelligenteste Schnorrer, der mir je begegnet ist“ – sprach der Lyriker Werner Dürrson von ihm als einem letzten poète maudit. Da ist was dran, dachte ich und sah mich um. In den sechziger Jahren hatte sich in diesem hallenartigen ersten Stock einer der Verkaufsräume des alten „Schleehauf“-Kaufhauses befunden, in dem meine Mutter über Jahre, genau in diesem Raum, als Verkäuferin gearbeitet hatte.
Nach der Vernissage versammelte sich einiges Volk im Gasthaus „Grüner Baum“ und Dürrson, Freund D.s seit gemeinsamen Jahren in Poitiers, der mit seiner Begleiterin, die stets in Schwarz gewandet war, und sein Erscheinungsbild war ohne den violetten Seidenschal, den er auch im Sommer lose um den Hals trug, nicht komplett, mir gegenüber saß, wandte sich ihr zu und sagte: „Bei KD darf man über den Balkon kotzen.“
Zwischen Klaus L. und Jean D. entwickelten sich ebenfalls Animositäten, verursacht durch D.s herrisch-herrschaftliches Verhalten, was dazu führte, daß Leupolz mit ihm nicht mehr viel zu tun haben wollte, und er hatte D. doch 1992 auf Wieland, Christoph Martin, aufmerksam gemacht. Im Sommer 1992 hatte D. mit wachsendem Vergnügen Wielands „Geschichte der Abderiten“ in einer französischen Ausgabe von 1826 oder 1816 gelesen, jedenfalls frühes 19. Jahrhundert. Der Kulturdezernent hatte D. mit Geld und kostenlosem Logis in einem städtischen Apartment versorgt. Als Gegenleistung für diese Gaben „transponierte“ er, vom Deutschen ins Französische übersetzen konnte er nicht, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig war, „Die Geschichte der Abderiten“ aus ihrem Achtzehnhundert-nochwas-Text in das Literaturfranzösisch der Spätmoderne.
Als das Werk Fortschritte machte, wurde allmählich daran gedacht, es zu verlegen, in Frankreich, und als Druckkostenbeitrag eine Summe von der Robert Bosch-Stiftung erbeten, die auch kam. Das Manuskript – war es in Biberach schon in vollem Umfang fertiggestellt worden? – schickte Demélier später in Frankreich und Belgien herum, keiner aber hatte Interesse an Wieland. In den Briefen an L. beklagte er sich über die Uneinsichtigkeit der Verleger. Ich nehme an, es ist nichts daraus geworden. Statt der nicht sehr umfangreichen Briefe kamen zwei oder drei Postkarten in Briefumschlägen aus Paris, in denen die Hoffnung zwischen den Zeilen stand, noch einmal, sei es von L., sei es von Seiten der Stadt (wo L. sich vielleicht wieder hätte verwenden können ...?) eingeladen zu werden. Die Aufenthalte in Biberach hatten ihm Geld eingebracht und er hoffte wohl auf mehr. Eine Existenz als freier Schriftsteller ist immer prekär, wir verstanden ihn gut, unternahmen aber nichts zu seinen Gunsten, auch nicht, als er über seine Gesundheit lamentierte. „I want to die in the woods of Biberach“.
Es war wohl 1995, als mit solcher Post auch etwas für mich dabei war: eine seiner kleinformatigen Zeichnungen, die er, wie er anläßlich der Ausstellung gesagt hatte, in Paris für neunhundert Franc verkaufe. Ein paar seiner Bil-der, ob kleine, ob größere, ist mir nicht bekannt, hängen ja im Centre Pompidou. Übrigens hatte er in der Ausstellungszeit in Biberach nichts verkauft; nur von einem meiner Bekannten in der Schwulengruppe, wohin ich ihn ein halbes Jahr zuvor mitgenommen hatte, obwohl ich die Gruppe nie aufsuchte, für eine Auftragsarbeit ein Honorar, und wie mir T., der Auftraggeber, später sagte, in ordentlicher Höhe, erhalten. „Der soll mal lernen, wie man sich benimmt“, sagte T., einer der Organisatoren sowohl der 1. Schwul-Lesbischen Kulturtage in Biberach im Jahr 1991 wie auch der 2. im Jahr 1995 (als ich eine Lesung, in nicht ganz optimaler Kooperation mit dem Freiburger Chor „Queerflöten“, beisteuerte), „wir sind nicht so traurig, daß er nun fort ist.“ „Don’t touch me“, habe ihm einer der Jungs bedeuten müssen. Da bedauerte ich D. doch. Die aus Paris geschickte Zeichnung nahm ich gerne an und betrachtete sie nicht nur als Entschädigung für einen Teil der Kosten, die 1993 anfielen. Denn ein halbes Jahr nach dem Vorfall, im Juli 1993, rückten die Fassadenmaler an. Bei der Begutachtung des zu Erledigenden konnte ich sie davon überzeugen, daß ich nicht in der Lage sei, den Aufbau eines Außengerüstes hinauf bis zum fünften Stock zu zahlen. Sie zogen skeptische Mienen, „hoffentlich geht der Wind nicht so stark“, als sie eine Restaurierung der streifenverzierten Außenwände der Balkone von innen, von den Balkonen aus, ins Auge faßten. Ich hatte dafür zu sorgen, daß die betroffenen Wohnungen zugänglich waren. Die Bewohner mußten anwesend sein. Vom Mittag bis zum Abend. Sie waren es. An einem sonnenbeschienenen, nicht allzu windigen Freitag rückten die Maler an. Während sie von Wohnung zu Wohnung stapften, ihre Farbkübel auf hastig ausgelegtes Zeitungspapier wuchteten und zu streichen begannen, stellte ich mich draußen auf die Straße und fotografierte, wie sie strichen. Ich nannte die Fotos „Die Demélier-Aktion“.
Auf Klaus Leupolz‘ Initiative hin wurde die Hälfte der Malerkosten vom Freundeskreis aufgebracht, „to prevent“, wie er zwischen anderem in einem Brief an D. schrieb, „KD from jumping down the balkony“, und so war die Ankunft der Zeichnung wohl wirklich als Wiedergutmachung zu verstehen, und als Signal, die Beziehungen wieder fortzusetzen. Das unterblieb. Mein Freund Leupolz ist tot. Er würde es mißbilligen, wüßte er, daß ich wieder Kontakt zu D. aufnehmen wollte. Bis zum Umzug nach Berlin hing die Zeichnung an der Wand, seitdem ist sie in einer der unausgepackten Kisten geblieben.
Die Maler an jenem Tag aber strichen mit einer Farbe, deren Tönung nicht genau jene des Originalanstrichs war, die „Übermalung“ ist heller; oder dunkler? Noch immer zu sehen. Auch andernorts sind sie zu finden, die Spuren. Letztes Jahr, 2001, entdeckte ich sie in Werner Dürrsons Gedichtesammlung „Pariser Spitzen“. Der Vorfall auf meinem Balkon, bon, gab Anlaß zu dichterischer production. Vielleicht aber gehören ja diese Gepflogenheiten zu Monsieurs traditionellen Sylvesterbräuchen. Das Gedicht geht so:
„Wohin denn ich –
Freund Demélier
als Maler und Poet
nicht ohne
wars ihm zuviel
der nie genug bekam
zur Not das Beste –
kotzte Punkt zwölf
in der Sylvesternacht
vom Dachstock über
sämtliche Balkone“
- Der heutige Tag hing steingrau in der steinernen Stadt. Minus 3 Grad Celsius.
1. Januar 2002
01.01.
Eine dieser Erinnerungen halte ich für die bedeutsamste; bedeutsam deswegen, weil sie mir heute sagt, daß schon in jenem zarten Alter eine zwar noch unklare, aber doch deutlich empfundene Gefühlsregung sich bemerkbar machte: die Zuneigung zu Jungs und nicht die zu Mädchen, ist die, daß ich an einem jener Abende, in denen das "Wölflingsleben", wie es unter Jungen nun einmal vorkommt, in eine spielerische Rauferei überging, von einem um ein Jahr Jüngeren zu Boden gerungen wurde, unsportlich, wie ich war, wobei R. M auf mich in zwei oder drei Sekunden den Eindruck machte, als meine er diese scherzhafte Jungenrauferei plötzlich ernst, denn sein Gesichtsausdruck war der eines zufriedenen Siegers geworden, was freilich auch bei „Unernst“ vorkommt, aber das störte mich mit einem Mal unangenehm, denn ich mochte ihn ziemlich (was er nie erfuhr) und ich wollte, wie ich mir eingestand, während ich mich aufrappelte, von jemandem, für den ich solche Empfindungen hatte, nicht auf diese Weise übertrumpft werden. R besuchte, nachdem er in der gleichen Grundschulklasse wie ich gewesen war, das Wieland-Gymnasium, ich inzwischen die Mittelschule, und wegen der verschiedenen Schulen, aber auch, weil uns das Pfadfindertum allmählich langweilig und nicht mehr altersgerecht erschien, verlor man sich in den folgenden Jahren aus den Augen. R. aber war mit T.F., der am Wolfgangsberg neben dem Kindergarten, in dem wir alle – und von daher kannten wir uns schon – gehockt und uns mit Spielen die früheste Zeit vertrieben hatten, wohnte, befreundet, der auch zu meinen bevorzugten Altersgenossen zählte; die beiden waren enger befreundet als ich mit ihnen, und in dieser Konstellation der Freundschaftsverhältnisse war ich mit T. besser befreundet als mit R., was ich, als wir noch Umgang miteinander hatten, stets ein wenig bedauerte, denn ich fand ihn richtig nett; ich glaube, ich war ein bißchen verliebt in ihn, was ich allerdings empört von mir gewiesen hätte, wäre jemand – aber wer auch hätte das sein sollen? – mir damit gekommen. Aus oben erwähntem Grund. R. hatte die Angewohnheit, mich ein bißchen von oben herab zu behandeln, er nahm mich, wir waren zwölf und dreizehn Jahre alt, nicht ganz ernst, auch das gefiel mir nicht und trug dann bestimmt dazu bei, daß die Wege sich trennten. Mit T. war der Umgang unkomplizierter. Oft mimten wir bei ihm im Garten, bewaffnet mit Bambusstöcken, die er eines Tages irgendwo im elterlichen Haus gefunden hatte, degenfechtende Musketiere oder Ritter; manchmal saßen wir auch in einem Raum, den ich nun als zum Souterrain gehörig (befand sich daneben nicht die Garage?) einordne und spielten das japanische Go-Spiel. Ich verlor fast immer; wie auch in den Unterhaltungsbrettspielen. Vor allem bei "Monopoly", das Helmut K. und ich einige Jahre danach häufig spielten. Zur Kohle, zum Zaster, zur Penunze, zu „Stutz“, zu Geld fand ich nie eine einträgliche Einstellung... Aber die Freundschaft mit Tilmann versandete auch. Gut ein Dutzend Jahre danach, als ich im „Strauß“ saß, hörte ich von jemandem, R. sei in Köln ansässig und dort Buchhändler geworden.
6.12.2000
11.12.
Die zweite dieser bleibenden Erinnerungen führt in einen Abend zurück, in dem die „Wölflinge“ eine so genannte Nachtwanderung als „Mutprobe“ zu bestehen hatten. Wo sie begann, liegt in der Dämmerung des Vergessens, aber es war schon dunkel, als wir, weit hinten im Wolfental, in diesen Wald hineingingen, der sich dort, von der Stadt aus betrachtet rechts des Bächleins, das dort durchs Tal rinnt, entlang zieht, bis er gegenüber des Kreiskrankenhauses endet. Ein Weg schlängelt sich durch dieses Gehölz, auf dem wir, ausgerüstet mit Taschenlampen, voranschritten, in Erwartung der mit vagen Andeutungen, die uns in Spannung versetzen sollten, angekündigten unvorhergesehenen Vorfälle, die uns aber schon vor Beginn dieses nächtlichen Spaziergangs einige Bemerkungen entlockt hatten, aus denen wir uns gegenseitig vergewisserten, daß diese Mutprobe doch uns nicht angemessen sei und etwas lächerlich war; gleichwohl waren wir tatsächlich gespannt, welchen Humbug sich die zwei, drei Älteren, die Gruppenleiter, einfallen lassen würden.
Die Strahlen der Taschenlampen beleuchteten den stockdunklen Pfad. Hin und wieder erschallten von irgendwo aus dem Wäldchen dumpfe Laute, die uns wohl erschrecken sollten, und zweimal „geisterte“ jemand neben uns; für uns, die wir rasch die Taschenlampen auf dieses „Gespenst“ oder diesen „Waldmenschen“ richteten, aber, dank der raschen Geschicklichkeit dessen, der dort herumgespensterte, unsichtbar. Gegen Ende des Weges, als wir schon durch die Äste und Zweige ferne Lichter der Häuser und Laternen blitzen sahen, hing einer dieser „Angsteinflößer“ plötzlich über uns in den Ästen, mit, wenn ich das jetzt auch nicht mit genauer Sicherheit sagen kann, zwei oder drei Wassereimern, die neben ihm in das Geäst hineingehängt worden waren und mit deren Inhalt wir zu guter Letzt noch hätten überschüttet werden sollen, aber da wir diesen „Waldgeist“ mit Hilfe unserer Taschenlampen rechtzeitig entdeckt hatten, wurde daraus nichts.
Johlend und spottend forderten wir den dort oben Turnenden auf, herunterzusteigen, und lachend zogen wir alle hinaus aus diesem nicht allzu viel Angst einflößenden Abenteuer.
2.12.2000
11.12.
Wenn ich mich nicht täusche und ich wüßte heute niemanden, den ich fragen könnte, so wurde ich im letzten Jahr meiner Grundschulzeit Anfang der Sechziger zu so einem "Wölfling". In jenem Jahr fand der Unterricht in einem Kellerklassenzimmer, so muß man diesen Ort wohl bezeichnen, der Pflugschule in der Wielandstraße, die damals "meine" Grundschule war, statt; durch einen langen Gang erreichten Schüler wie Lehrer eine kleine Treppe mit nur drei oder vier Stufen, hinter der das Klassenzimmer lag. (Eine meiner frühesten Erinnerungen an die ersten Schuljahre ist die, daß ich auf die Frage des damaligen Lehrers, Herr B., einem in jenen Tagen zur Korpulenz neigenden Mann zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahr, was ich – er fragte reihum – in den letzten Tagen gelesen hätte, antwortete, meine Lektüre sei das dicke Lexikon, das meine Mutter gekauft hatte, gewesen; ich hatte Wörter konsumiert. Der Lehrer schmunzelte, als er das hörte und ließ auch eine lobende Bemerkung fallen, während ich – dieses Klassenzimmer befand sich in einem der oberen Stockwerke des hohen Gebäudes – durchs Fenster auf die Häuser und den Hang, der sich gegenüber der Pflugschule Richtung Birkenharder Straße zieht, sah. Das war gewesen, bevor der Unterricht im Keller war; war er bei Frau K. aber gar nicht.)
Wie lange gefiel mir mein christliches Pfadfinderleben? Im 14. Lebensjahr wohl verlor ich dann das Interesse. Die Vorleseabende in der "Bärenfalle" oder einem der anderen mit reichlich zerschlissenem Mobiliar ausgestatteten Räume, in denen wir von Mowgli und Balu, dem Tiger Shir Kahn, der Schlange Kah, dem Affenkönig King Louis hörten, wechselten sich mit den Abenteuern in freier Wildbahn ab, aber fanden nicht auch sie vor allem im Kopf statt?
Einmal waren wir auf "Schnitzeljagd", aber was da gejagt und gesucht und vermutlich auch gefunden wurde, ist mir entschwunden, am Nachmittag und frühen Abend eines Martinimarkt-Novembertages und ich sehe uns wieder durch die grauen Gassen der Innenstadt, an einem typisch grauen Herbsttag, schleichen und hetzen, mit einer Phantasiewelt im Kopf, wie man sie so intensiv und wichtig nur in solchen Jungenjahren erleben kann. Auch in den späteren Jahren entwickeln wir hin und wieder blühende Szenarien, nicht zuletzt deshalb, weil wir uns immer eine Fluchtmöglichkeit aus dem für unzureichend empfundenen Stand der Dinge offen halten wollen, aus denen wir – manchmal gar nicht so ungern, denn unsere Träumereien verlangten von uns ja, würden wir sie tatsächlich zu einer künftigen Wirklichkeit werden lassen, ein gehöriges Stück Zusatzarbeit und auch das Zurücklassen von vielem, was unser bisheriges Leben war und ist, was die allermeisten, der sich in diesen Phantasmen Ergehenden aufgrund des unerbittlich agierenden Alltags dann doch nur noch als eine weitere Zumutung ansehen und vermeiden, – in unsere vorhandene Erfahrungswelt der altvertrauten Straßen, Gassen und Seelenzustände mit dem bedauernd-gelassenen Gefühl eines wenigstens halbwegs auf seine Kosten gekommenen Ausflüglers zurück gleiten.
23.11.2000
11.12.
Ich war ein ruhiges und ernstes Kind. Was mich nicht daran hinderte, mit Spielgefährten – denen aus der Schule und aus der Nachbarschaft – übliche Kinderspiele zu spielen. Gar so viele kann ich mir aber nicht mehr vor die Augen bringen; jedenfalls nicht aus der Zeit etwa vor dem zehnten, elften Lebensjahr. Wie hießen die Spiele, und wo fanden sie statt? Ich trieb mich, gemeinsam mit anderen oder allein, in der Garten- und Probststraße herum, auch auf dem Lindele. Oft zog ich in den Wintern den gedrungenen Schlitten die Lindelestraße hinauf, an Nachmittagen und bis in die Abende hinein, um von ganz oben bäuchlings die Straße hinunterzuflitzen, über die Schneeschanzen jagend, die Helmut K. und ich zuvor in die Strecke „eingebaut“ hatten; das sind einige der lebendigsten Erinnerungen an jene Jahre. Auch in dem lang gestreckten Wäldchen, das sich am Hang entlang der Gaisentalstraße bis zum Grünen Weg fast zieht, schlichen wir herum, oft schon nach Schulschluß. (Ich wurde in der Pflugschule, eine der Hauptschulen, unterrichtet, bis ich zur Realschule überwechselte, die im ehemaligen Wieland-Gymnasium an der Ecke Wieland- und Gymnasiumstraße untergebracht war, heute "Ochsenhauser Hof", und der hintere Teil des Gebäudes wurde in den siebziger Jahren abgerissen.) Fantasierten uns in eine Jungenwelt der Abenteuer hinein. Manchmal auch fuhr ich, häufig mit meinem Kinder- und Jugendfreund Helmut, dessen Eltern zuerst in der Gartenstraße (in den Fünfzigern), später in der Probststraße ein Lebensmittelgeschäft hatten, mit dem Fahrrad über die dort von Unkraut, Gebüsch und Zweigen an manchen Stellen fast überwucherten schmalen Trampelpfade, die irgendwer in irgendwelchen Jahren zuvor ausgetreten hatte; man fuhr da hin und her und wußte gar nicht so genau, warum. Manches Vergnügen läßt sich nicht erklären; man fühlt nur eine Stimmung, ein unbestimmtes Gefühl in sich, das einen auf sanfte Weise anreizt und in Bewegung setzt; auch in geistigen Dingen ist es oft so.
Während eines Sommers (oder waren es mehrere?), als die sechziger Jahre begannen, waren auch die Gärten der Familien K. und R., deren Häuser an der Gartenstraße liegen, damals jedenfalls lagen, unsere Spielplätze. Wilde Cowboys waren wir und und schossen mit Spielzeugpistolen um Häuser- und Heckenecken.
Noch als Grundschüler war ich bei den Pfadfindern Mitglied geworden und bekam eines Tages, in den Räumen an der Rückseite des evangelischen Ge-meindehauses an der Waldseer Straße, die im Souterrain liegen und die sich mit "Bärenfalle" und anderen phantasievollen Bezeichnungen aus Kiplings "Dschungelbuch", das an den wöchentlichen Abenden eifrig (vor)gelesen wurde, schmückten, ein blaues Hemd, ein ebensolches Halstuch und – einen Dolch ausgehändigt.
25.10.2000
11.12.
Wegen Erlebnissen, die ich weder damals kannte noch heute kenne, auch nie mehr erfahren werde, hatte die Großmutter in manchen Nächten einen schlechten Schlaf. Dann, von Albträumen gequält, schrie sie oft auf oder stöhnte laut. Mein Bett stand an der Ostwand des Schlafzimmers, in der ein kleines Fenster über mir Licht hereinließ, und Dunkelheit, wenn auch ein dünner Vorhang vor ihm hing, nur durch den kleinen schmalen Gang, der eben nur die Länge der Betten hatte, getrennt, daneben, und ich schrak in solchen Nächten dann auf und hörte, herzklopfend, wie meine Mutter, die im anderen Bett des Doppelbettes (das freilich für andere Verhältnisse gedacht gewesen war) lag, meine Großmutter, ihre Mutter, zu beruhigen versuchte; sie am Arm oder an der Schulter rüttelte, auf daß die Großmutter aus ihrem schlechten Traum erwache und danach ruhig weiterschlafen könne. Übrigens setzte sich, in den Jahren, als meine Großmutter schon tot war, dieses nächtliche Albtraumverhalten auch bei meiner Mutter fort, und es war dann an mir, denn noch immer schlief ich in diesem Schlafzimmer, nur daß nun das Bett zwischen dem meiner Mutter und dem meinen leer war, meine Mutter mit lauten Rufen aufzuwecken und in die Wirklichkeit zurückzubringen. Aber mancher Traum ist so stark und realistisch, daß der Träumende gut annehmen kann, der Traum sei das wirkliche Geschehen, denn auch im Traum ist man sich seines Körpers und seiner Gedanken durchaus vollkommen bewußt, ja, sie gehorchen dem Willen, über den man als Träumender, der sich nicht als solcher wahrnimmt, verfügt, oft auf seltsame Weise viel besser und effektiver als in der "Wirklichkeit".
Meine Großmutter starb am 25. Dezember 1961 an einer verschleppten Lungenentzündung. Ich war zehn Jahre alt. Es war ein trüber Heiliger Abend gewesen, in einer Atmosphäre von Hoffen und Bangen. Am späteren Vormittag des 25. Dezembers wurde der Krankheitsverlauf dramatisch; die Dres. D..., die in der Waldseer Straße ihre Praxis hatten, eilten in die Wohnung; eine verhaltene Hektik entstand, die Doktoren verschwanden im Schlafzimmer, die Tür zum großen Zimmer – das inzwischen wir bewohnten, denn mein Erzeuger hatte sich Ende der fünfziger Jahre in einem anderen Stadtteil ein Haus gebaut, in dem er mit seiner „Tusnelda“, wie meine Mutter sie nannte, lebte – schloß sich hinter ihnen.
K., der achtzehn- oder neunzehnjährige Sohn einer Bekannten meiner Mutter, Frau P., die unweit in einer anderen Straße wohnte, war erschienen, um mich in deren Haus mitzunehmen, um mich von der ernsten Situation abzulenken. Wir spielten Brettspiele, sofern das Erinnerungsvermögen mich jetzt nicht trügt, meine Gedanken schweiften freilich hinüber in "unser" Haus, in dem meine Oma mit dem Tod rang, und es mag sein, daß ich hin und wieder etwas abwesend wirkte. Am späteren Nachmittag ging ich nach Hause. Es war wohl angerufen worden; die R.s, die seit einigen Jahren mit im Haus wohnten, hatten ein Telefon, wir nicht..
Beim Eintreten in die Wohnung wußte ich sofort, daß das Schreckliche geschehen war. Aber ich war wie abwesend. Meine Mutter weinte. Sie und eine andere Person (Frau H.?) führten mich in das Schlafzimmer, in dem die tote Großmutter lag. Die Ärzte waren gegangen. Ich war sehr traurig.
Die Tote wurde für eine knappe Woche im vormaligen Wohnzimmer aufgebahrt. Der Pfarrer kam, Gebete wurden gesprochen. Meine Mutter weinte oft, dann wurde sie von der gebremsten Geschäftigkeit der Trauerwoche beansprucht. Buchsbäumchen verströmten am offenen Sarg ihren Geruch der Sterblichkeit, Blumen und Gebinde häuften sich auf den Stühlen. Kondolierende kamen, gingen, Türen öffneten, schlossen sich, aus ernsten Gesichtern wurden halblaute Worte gemurmelt. Meine Mutter trug schwarz. Abends wurde die Tür dann geschlossen. Sie hatte eine geriffelte Milchglasscheibe in ihrem oberen Teil, und so sah ich jedes Mal, wenn ich auf dem Weg durch den Flur zur Küche ging (wenn mein scheuer Blick sich zu jener Tür wandte), das todesbleiche, undeutlich umrissene Gesicht der Großmutter hinter dieser Scheibe.
Noch Jahre danach zeichnete mir die Erinnerung diesen spukhaften Fleck in diese Scheibe, wenn ich an der Tür vorüberging oder sie öffnete. Das Zimmer, in dem es noch nach der Bestattung nach Tod gerochen hatte, wurde dann für Jahre nur als Abstellraum und Rumpelkammer benutzt; ich hatte mich geweigert, diesen Raum zu meinem Kinder- und Jugendzimmer zu machen. Erst in einem Alter, wo andere junge Männer schon lange ihre eigene "Bude" hatten, zog ich schließlich, nach Renovierungsarbeiten, die ich zum Teil selber erledigte, ein. In so manchen Nächten, als ich im Bett, das nun längs der Nordwand des Hauses aufgestellt war, lag, sah ich neben mir, ein sekundenlanger Schemen, der das Gedächtnis verließ, diesen Sarg stehen.
16.10.200
11.12.
Die Kindheit liegt als langer dunkler Traum zurück, aus dem sich wenige Bildersequenzen zeigen. Leider ist die erste davon vage und unscharf, und das ist wohl aus dem Schrecken, den jenes Erlebnis mir verursachte, zu erklären; jene, als ich vielleicht fünf Jahre alt war, als meine Eltern sich eines Abends stritten. Ich hatte wohl etwas Lautes gehört, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte und tappte dann in den Wohnungsflur hinaus. (Alle die Jahre, die ich in jenem Haus lebte, bewohnten wir – meine Mutter, mein Erzeuger, der aber ein separates Zimmer hatte, das größte der Wohnung, das in meinem Kinderbewußtsein als wie außerhalb der Wohnung liegend einen besonderen Ort einnahm, ab Mitte der fünfziger Jahre auch meine Großmutter, ich – immer den ersten Stock des Hauses, der von außen wie das zweite Stockwerk wirkte, weil die untere Wohnung so sehr Hochparterrre war, daß man denken konnte, sie läge im ersten Stock.) Im Flur schrie mein Erzeuger lautstark auf meine verschüchterte, von all den Enttäuschungen mitgenommene Mutter ein, riß dann mit einem Ruck die Hutablage der Garderobenvorrichtung von der Wand und schleuderte sie von sich, wüste Worte ausstoßend. Das Vorhaben, sich scheiden zu lassen, das mein Erzeuger inzwischen betrieb, und dessen Verlauf sich für ihn ungünstig entwickelt hatte, war vermutlich der Grund für den nächtlichen Wutausbruch gewesen. (Er verlor später den Prozeß.) Ich stand im Flur und sagte ernsthaft zu diesem Mann, der meine Mutter auf solche Weise, und nicht zum ersten Mal, beschimpfte: "Du darfst meine Mama nicht töten."
Ich erinnere mich genau, wie ich dann, jahrelang, manchmal zur Stunde, in der sich jener Vorfall ereignet hatte (das erfuhr ich freilich erst als Erwachsener von Frau H.), in somnambulem Zustand aufstand und wie aus der Welt gerückt im Schlafzimmer, in dem auch meine Mutter und Großmutter nächtigten, aber auch in anderen Teilen der Wohnung herumirrte. Zwar hatte ich in solchen Zuständen, in denen ich zu schweben schien, als hätte ich keinen Boden unter den Füßen, oder in denen ich sofort, im nächsten Augenblick, in unergründliche Tiefen stürzen würde, was mir heftige Angst einflößte, die besorgten Stimmen meiner Angehörigen durchaus gehört und ich sagte wohl auch etwas zu ihnen, aber eine Verbindung zwischen ihnen und mir und in ungekehrter Richtung ließ sich nicht richtig herstellen. Frau H., jene Schwäbin, die, trotz einer Freundschaftskrise, die meine Mutter in den späten sechziger Jahren hatte heraufziehen lassen, dennoch ihre treue Freundin geblieben war – und wie oft hatte ich als Kind, aber manchmal noch als Jugendlicher von dreizehn oder vierzehn Jahren, an ihrem Mittagstisch in der "Eßdiele" gesessen, mit ihren Kindern, den Töchtern E. und F., dem Sohn H., die mir gleichaltrig waren! –, sagte mir in den Neunzigern, meine Mutter habe es abgelehnt, mich von einem Psychologen behandeln zu lassen; aus Gründen, die man, bedenkt man die Stigmatisierung seelisch-psychischer Auffälligkeiten, gut nachvollziehen kann und wofür ich ihr im Nachhinein wahrscheinlich dankbar sein kann.
Vom Leben meiner Großmutter weiß ich fast nichts. Sie und ihr Mann – der erste oder der zweite? – besaßen einen Hof in Niederschlesien und einen Kolonialwarenladen. Ihr erster Mann, Hoffmann, habe sich in jüngeren Jahren oft in Italien aufgehalten, wie mir erst kürzlich eine meiner Tanten Auskunft gegeben hat. (Ihr Vater und der meiner zweiten Tante G. war der zweite Mann meiner Großmutter gewesen, auch das habe ich erst in Berlin erfahren. Ich wußte nie, daß meine Tanten Stiefschwestern meiner Mutter waren. Wie wenig man als Kind gesagt bekommt.) Ich habe eine Fotografie (eine von sehr vielen aus einer Vergangenheit, die stumm für mich bleibt, weil ich weder die Personen, die auf ihnen sich präsentieren, noch irgendwelche Geschichten dazu kenne), die ihn in einem gutgeschnittenen Anzug, mit breitkrempigem Strohhut und einem eleganten Stöckchen in einer Hand zeigt. Kaufmann sei er gewesen und er sei auch herumgekommen, in Italien soll er gewesen sein, wie Frau H. mir einmal gesagt hat, er habe sich – ich weiß nicht wann, warum, nie hätte meine Mutter davon zu mir gesprochen – das Leben genommen. Meine Großmutter war mittel-groß, in ihren letzten Jahren füllig, mit einem runden Gesicht und langen schwarzen Haaren (mischte sich nicht auch etwas Grau hinein?), die sie oft zusammengerollt und -gesteckt trug. Ich kann mich nur an wenige Szenen mit ihr erinnern. Eine davon ist die, in der sie mir (im kleinen Zimmer, das erst Jahre später mein Zimmer werden sollte) beim Schreiben der ersten Buchstaben und Wörter half. Ich sehe mich am großen Tisch sitzen und in linierte Din-a-4-Hefte As, Bs, Fs, Rs, eben alle Buchstaben hineinschreiben; ab und zu mißglückte einer, der durchgestrichen wurde, daneben setzte ich das selbe Zeichen in einem neuen Versuch. Mit sanften Worten begleitete die Großmutter diese ersten Ausgestaltungen der Schriftsprache. Bestimmt hatte ich mir die Buchstaben laut vorgesagt, während ich sie malte.
Eine andere Begebenheit, eine, die mir aufgrund wieder eines Schreckens im Gedächtnis blieb, war ihr Ohnmachtsanfall am oberen Ende einer Treppe in einer düsteren Gastwirtschaft – lag sie in der Ehinger-Tor-Straße? –, die wir eben hinaufgestiegen waren, um eine Veranstaltung des "Bundes der Vertriebenen", in dem meine Mutter Mitglied war und einige Jahre danach auch das Ehrenamt der Kreiskassiererin innehatte, zu besuchen. Entsetzt hatte meine Mutter aufgeschrieen, andere Leute, die sich auf dem Flur befanden, gingen aufgeregt hin und her, bückten sich zu meiner Großmutter hinunter, und wegen der allgemeinen Bestürzung und auch weil Mama in Tränen aufgelöst war, vergoß auch ich, weil das Wort "sterben" von irgendwo, halb geflüstert, halb erstickt, an meine Ohren gelangt war, Tränen. Jemand nahm mich zur Seite, während meine Oma, die ich ja gern hatte, aufgerichtet wurde und sich wieder, erwacht aus der Bewußtlosigkeit, besser fühlte. Mich aber hatte eine schlimme Vorahnung gestreift: die Ahnung, daß meine Großmutter sterben könnte, ja sterben würde, und vielleicht würde es gar nicht mehr so lange dauern, bis diese Ungeheuerlichkeit wahr werden würde. Auch merkte ich meiner Mutter an, daß sie ebenfalls von diesem Gedanken plötzlich erfaßt worden war, und dies verstärkte meine minutenlange Verstörung. Ich hatte mich aber bald wieder, wie alle Beteiligten, gefangen; und wie jener Abend dann noch verlief, kann ich nicht sagen, die folgenden Umstände liegen hinter einem Vorhang des Vergessens.
15.10.2000
11.12.
Hier stockte ich nun vor einem Monat schon, das Niederschreiben dieser Notizen und generell alles Schreiben war wieder fragwürdig bis zur Lächerlichkeit geworden, und der Grund dafür lag nicht nur in der Überlegung, die sich schon einer Gewißheit näherte – und sie nähert sich noch immer jener an –, ob es nicht völlig unnütz und wegen meiner fast schon sehr feststehenden Überzeugung, daß ich ein unbedeutendes und langweiliges, ja vertanes Leben geführt habe, nahezu albern sei, meine bisherige Lebenszeit durch punktuelle Introspektionen noch aufwerten zu wollen, ihr noch Wichtigkeit darüber zu pudern, einen Sinn herauszufischen, der alles erträglicher werden ließe, sondern eben auch in der, ob man mit solchen Auskünften über sich und solchen Ausführungen auch über die Umstände und Einfassungen, in denen das Leben seinen Raum und seine Zeit gehabt hat, und in denen bewegen sich nun einmal auch die anderen Menschen, mit denen man zu tun bekommen hat und die nicht immer erfreut sind, wenn ihr Anteil an der Innen- und Außenwelt des Reflektierenden öffentlich wird, überhaupt irgendjemanden zu interessieren vermag.
Ich schreibe dennoch, wenn auch mit einer Selbstüberwindung. Aus der sich vielleicht eine Legitimation für das Vorhaben ableiten läßt, denn diese zaghafte Überwindung der Zweifel und der Unlust, vor allem sich selbst Auskunft zu erteilen, sich in den Tiefen der abgelebten Jahre wieder zu begegnen, Launen, Ängsten, Hoffnungen, Illusionen, Versäumnissen, lachhaften Augenblicken, allen diesen Vergeblichkeiten, denen man dann auch, letztlich, so wenig hinterher trauert, so könnte man denken, daß man eines Tages, eines Jahrs sich kaum noch sicher ist, sie als solche einmal empfunden zu haben, aber auch gelungenen Zuständen – die es doch auch gab! – eine Beschreibung oder Schilderung zukommen zu lassen, spräche durchaus davon, doch einen Sinn, und sei er noch so verkümmert, darin zu finden? Die Selbstüberwindung, die sich hier in unregelmäßig wiederkehrenden anstrengenden Übungen in Sätzen zeigen wird, die Geschehenes und das, was nicht geschah, nur gewünscht oder gedacht war, speichern sollen; aus dem Neuronenarchiv geholt als kommunikative Zeichen; Pixel, die auf diesem Interface erscheinen, aufscheinen.
"Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, daß sich nun nicht mehr viel ändern kann. Es ließe sich sogar behaupten, daß sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, daß alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können; die Ereignisse sind ja zum wenigsten von ihnen selbst ausgegangen, meistens hingen sie von allerhand Umständen ab, von der Laune, dem Leben, dem Tod ganz anderer Menschen, und sind gleichsam bloß im gegebenen Zeitpunkt auf sie zugeeilt." (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, S. 130/131, Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg, 59.- 62. Tausend Dezember 1969, Dünndruckausgabe)
7./8.10.2000
11.12.
Die Dinge haben nicht aufgehört, uns die Vergangenheit zu erzählen. Ein Blick auf sie genügt, einen schmalen Spalt in der Zeitwand öffnen – denn häufig ist es nur ein Spalt, keine große Öffnung, die uns auch vielleicht schon zuviel zeigen würde ... – und in einen Lebenszustand (unabhängig von der Stelle in dieser Wand) sehen zu können, in dem wir uns einmal, mit anderen Gedanken, mit Glück oder Unglück, keineswegs so selbstverständlich bewegt hatten, wie wir das bisher gedacht oder wenigstens doch, von einem als lebensnützlich sich darstellenden Sinn geleitet, erhofft hatten. Natürlich könnte man einwenden, diese Gegenstände, die uns mit unserem früheren Selbst verbinden würden, seien einfach nur stumme Sachen und mit keinerlei eigener Ausstrahlung ausgestattet, die ein Öffnen der Zeitwand erlaubte, und nur unsere längst feststehende Absicht, uns erinnern zu wollen, verleihe ihnen nun im Ansehen nur eine gewisse Fähigkeit, den Einblick ins Frühere deutlicher und genauer ausgestalten zu können. Das gelte, dürfte zudem hinzugefügt werden, übrigens auch für alle Gegenstände, große, kleine, für Häuser, Straßen, Plätze, Berge, Seen und so fort, auf denen niemals zuvor, vor der dann irgendwann doch stattfindenden Gelegenheit, unser Auge ruhte oder, was unserer Zeit das angemessenere Wort wäre: über das dann ein flüchtiger Blick nur huschte. Denn auch diese uns bisher unbekannten Dinge und Gegebenheiten forderten ja, kaum daß wir ihrer ansichtig würden, den oftmals nahezu zwanghaften Drang, uns erinnern zu wollen, welcher Zeitepoche beispielsweise jenes Gebäude, jene Vase oder dieses Auto da zuzuordnen sei, heraus; freilich müßte im Hintergrund eines solchen Einordnenerinnerns Geschmack, zumindest ein Quantum Wissen still das seine dazutun, was nicht immer der Fall ist, und dann ergeben sich Unstimmigkeiten in dem herauf geholten Bild, von Peinlichkeiten zu schweigen. Aber wenn wir diesen Einwand gelten ließen und unsere Wahrnehmung nur danach ausrichteten, würden wir dann bald nicht nur statt einer Milchkanne nur deren Blech, statt eines uns wegen seines unberührten Alters oder seiner neuen Extravaganz auffallenden Gebäudes nur dessen Steine, Mauern, das Glas und statt eines elegant gefaßten Edelsteins nur dessen Kohlenstoffexistenz sehen? Eine Ahnung von einem schöneren menschlichen Dasein – und auf nichts sind wir mehr angewiesen – wispert uns zu, auch und gerade den in so unzähliger Vielgestalt vorkommenden Dingen eine mal kaum spürbare, ein anderes Mal sogar fast schockhafte Intensität ihres Vorhandenseins zuzugestehen; eine Aura; Magie.
6./7.9.2000
11.12.
Ich schaue, am späten Abend, durch die Glasscheiben des Wohnzimmerschranks – dessen Anblick mir seit frühester Kindheit vertraut ist – und betrachte die Gegenstände, die dort auf dem obersten Glasregal stehen: eine alte großvolumige dunkelbraune Blechtasse; eine mit Silberrahmen eingefaßte Fotografie, auf der ich ein weißes Hemd, einen ärmellosen grauen Pullover, einen Schulranzen und in den Händen diese große Tüte, die man zur Einschulung bekommt, trage; einen früher sehr oft, inzwischen seit vielen Jahren nie mehr benutzten silbergrauen Meßbecher der Marke "Luchs", in dem innen rundum die Meßwerte für verschiedene Lebensmittel angegeben sind; die ebenfalls graue Blechmilchkanne, mit der ich am Ende der fünfziger Jahre die Milch vom Milchmann geholt hatte, der mit seinem Lieferwagen durch die Straßen gefahren war und ein bestimmtes Klingelzeichen hatte ertönen lassen; eine kleinere, hellgrüne, wobei das Hellgrün eher ein wenig bläßlich zu sein scheint, Blechtasse mit rotem Griff und ebensolchem Rand, auf der eine "ländliche Szene" mit einer Geiß, die einen Knaben umwirft (im Hintergrund ein Haus, das zwischen angedeutetem Buschwerk und Bäumen einen Bauernhof darstellen soll), aus der ich als kleiner Junge wohl getrunken habe (eine genaue Erinnerung daran scheint jetzt nicht auf), ein zweiter, hellgrau-metallen schimmernder 0,5l-Meß-becher mit einem Durchmesser von 7,5 cm.
5.9.2000
11.12.
Im Haus Lindelestraße 2 wohnten meine Mutter und ich bis zum Oktober 1975. Ich war 24 Jahre alt, als wir von dort in ein Neubaugebiet, "Hühnerfeld", am südwestlichen Stadtrand gelegen, umzogen, in eine Drei-Zimmer-Wohnung, die vom städtischen Liegenschaftsamt verwaltet wurde. Der Auszug aus diesem Haus, das nach dem Ersten Weltkrieg als Förstereihaus eines der ersten Gebäude gewesen war, die dort am Südhang des Lindele, jenem höchsten Hügel der Stadt, gebaut worden waren und das nach der Förstertochter später "Villa Erlenmayer" genannt worden war, fiel meiner Mutter sehr schwer; ich hingegen fühlte eher Erleichterung, der "alten Hütte" Lebewohl sagen zu können, denn allmählich hatten mich die größeren und kleineren Unzulänglichkeiten des Altbaus, an dem der ockerfarbene Verputz seit Jahren schon bröckelte und dessen Dach nicht nur an einer Stelle – eine davon befand sich über meinem Zimmer – undicht war, so daß schon einmal in den sechziger Jahren Regenwasser, damals im Wohnzimmer, seinen unregelmäßig geformten Kreis an die Zimmerdecke zeichnen konnte, zu stören begonnen. Der Umzug in eine Neubauwohnung mit Zentralheizung, von meiner Mutter immer wieder aufs neue beklagt, war aber nun nicht mehr zu verhindern. Der neue Besitzer – einigen Entscheidungsbefugten der Stadt Biberach, die die Immobilie vom alten Hauseigentümer geerbt hatte, war es günstig erschienen, sie dem damals neu bestallten Stadtbaudirektor K. zu verkaufen – hatte seit dem Sommer im Hochparterre und Keller des Hauses mit einiger Rücksichtslosigkeit gewerkelt. Zuweilen kroch die Wut in mir hoch, wenn der Lärm das erträgliche Maß längere Zeit überschritten hatte, doch obwohl ich, trotz meiner Erziehung zu Höflichkeit und Zurückhaltung, keinesfalls auf den Mund gefallen war, wenn der geneigte Leser versteht was ich meine..., und diesbezüglich auch während meines nicht freiwilligen Aufenthalts bei der Bundeswehr hinzugelernt hatte..., hielt mich der Gedanke an eine durch meine Intervention noch unerquicklichere Situation, unter der die kränkelnde Mutter zusätzlich gelitten hätte, vor einem Gang nach unten zurück.
Aber – am Umzugstag war ich dann nicht dabei, ein Drama für meine Mutter, und ich mußte meine Absicht tagelang verteidigen. Wegen eines Buchprojekts beim S. Fischer Verlag, das in schwierige Gewässer geraten war, hatte ich unbedingt zur Frankfurter Buchmesse zu fahren, die zeitgleich begann. Zwei Tage lang verstaute ich meine Dinge, überließ Uwe W., dem befreundeten Inhaber eines "Informationsbüros", das er im Erdgeschoß des Hauses Karpfengasse 24 in der Innenstadt betrieb, stapelweise gesammelte Ausgaben von "Spiegel", "Konkret", "Zeit" und "Frankfurter Rundschau", die wir aus meinem Zimmer zu seinem Auto trugen, mit dem er, Bernd H. und ich einen Tag später nach Frankfurt fuhren. Auf der Autobahn bei Kirchheim/Teck flog ein Stein, vom Reifen eines überholenden PKWs nach hinten geschleudert, in die Windschutzscheibe seines kleinen NSU-Gefährts; die zerbröselte, wir kamen mit dem Schrecken noch einmal davon. Es dauerte fast zwei Stunden, bis eine Werkstatt in Kirchheim eine neue Scheibe eingesetzt hatte und wir die Fahrt fortsetzen konnten. (In den achtziger und neunziger Jahren war W. Redakteur einer Reutlinger Zeitung, sogar in leitender Position, Mitte der neunziger Jahre starb er an Krebs.) – Als wir zurückkamen und Uwe mich zur neuen Wohnung chauffierte, spürte ich doch etwas Wehmut, wie ich mir eingestehen mußte, denn mir wurde die Zeitzäsur klar: Kindheit und die längste Zeit meiner Jugend lagen hinter mir.
28.8.2000
11.12.
Meine Mutter war als Erna Hoffmann in Hirschrode, einem Dorf in Niederschlesien, das zum Kreis Großwartenberg gehörte, geboren und aufgewachsen. Im Jahre 1939 hat es etwas über dreihundert Einwohner. In jener Zeit wurde auch der Name des Dorfes in „Klenowe“ geändert. Das Geburtsjahr meiner Mutter war das Jahr 1922, der Geburtstag der 21. Februar. Mir sagte sie, irgendwann in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, der Standesbeamte habe das Geburtsdatum falsch eingetragen, in Wahrheit sei sie am 22. Februar geboren worden; sie bedauerte manchmal, ihren ersten Tag auf dem Planeten nicht mit "22.2.22" angeben zu können; die Zahlenkombination hätte ihr gut gefallen und anderen eine gewisse Exklusivität signalisiert; auch sie war von kleinen Eitelkeiten nicht frei.
Mein Vater Friedrich Diedrich, zweiter Vorname Adolf, geboren am 31. Oktober 1909, stammte aus Göttingen. Sein Beruf als Werkzeugmacher, dann Werkmeister, führte ihn zunächst nach Potsdam, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Biberach. Kennen gelernt hatten sie sich – aber das sollte ich erstaunt erst im Sommer 2000, als ich schon eineinhalb Jahre in Berlin lebte und zum ersten Mal einige Papiere, die ich von meiner Mutter noch hatte, durchsah, feststellen – in Berlin; 1945, nach dem Krieg. Mein Erzeuger – das Wort "Vater" kam mir für Jahrzehnte nur zögerlich über die Lippen – hatte noch in erster Ehe gelebt; weshalb ich einen um zehn Jahre älteren Halbbruder, Hartmut, habe.
Meine Mutter und mein Vater waren, wie ich auch erst in Berlin, in diesem Sommer des Jahres 2000, von der Schwäbin, Frau H., erfahren habe, und meine Tante R. hat es mir einige Tage danach bestätigt, Cousine und Cousin..."Auch in den Königshäusern", so habe meine Mutter einmal, wie Frau H., noch immer amüsiert, mir gesagt hat, gemeint, "heiratet man so eng."
Mein Vater hatte zwei Brüder, die ich zuletzt bei seinem Begräbnis, das ich kühl gestimmt hinter mich brachte, Ende August 1977, sah. Überhaupt ist mir meine Verwandtschaft väterlicherseits bis zur Stunde rätselhaft geblieben. Ich erinnere mich aber deutlich an meinen Besuch in Göttingen als Vierzehnjähriger. In den väterlichen Genealogien kannte ich mich nie aus, nie bestand eine engere Beziehung zu ihnen; seit 23 Jahren ist sie ganz abgebrochen.
Meine Mutter und ihre beiden Schwestern R. und G. waren auf einem 40-Morgen-Hof im Dorf Hirschrode aufgewachsen, zu dem ein Ladengeschäft samt Gastwirtschaft gehört hatte. Mir war es immer kaum vorstellbar, daß meine Mutter in ihrer Kindheit und Jugend noch auf einem Bauernhof gelebt hatte, denn ich bin im Lauf des Lebens kein Landfreund geworden. Eine Wiese dieses Hofs habe, wie eine meiner Tanten, die beide in Radeberg in Sachsen leben, mir gesagt hat – so östliches Blut kreist also in meinen Adern, was mir erst jetzt richtig bewußt wird! – , an die polnische Grenze gereicht, ein Bach war die Grenze des Deutschen Reiches zu Polen hin; der Hof habe ja im damaligen "Warthegau" gelegen; der hatte in Hitlers Reich seine Sonderbedeutung: Aus dem deutschen Schlesien und Polen war dieser „Gau“ nach dem Überfall auf Polen, dem Kriegsbeginn, zusammengesetzt worden. Schon sehr bald fanden hier, im polnischen Teil, die ersten Nazi-Greuel statt. Dieser Hof wurde durch den deutschen Krieg verloren. Meine Großmutter, die in zweiter Ehe den Namen Gasa getragen hatte – dieser zweite Mann kam im Krieg um, der zweite Mann, den sie auf gewaltsame Weise verlor, kein Wunder, daß sie nervenkrank war –, meine Mutter und ihre Geschwister und der Knecht Josef flohen in einem von Pferden gezogenen, mit einer Plane überdachten Wagen vor den nachrückenden Soldaten der Roten Armee Richtung Westen. In Fischbach östlich von Dresden endete die Flucht, als einer der sowjetischen Soldaten ihnen das letzte Pferd ausspannte...
Bis 1964 wohnte meine Tante R. mit ihrer Familie auf einem ehemaligen Förstergut in dem Dorf Fischbach, vielleicht zwanzig Kilometer, es können auch mehr sein, von Dresden entfernt. Als Knabe brachte ich dort ein paar Sommerferien zu; wenigstens gute Teile davon. 1970 war ich für 23 Jahre zum letzten Besuch in Sachsen, in Radeberg, wo die Verwandtschaft inzwischen lebte. Der Zwinger zu Dresden, Dampferfahrten auf der Elbe ... Wanderungen durch das Elbsandsteingebirge der Sächsischen Schweiz, zur Festung Königstein... kleine Fahrten nach Stolpen, nach Meißen, zu anderen Orten…Auf dem Rücksitz des Motorrads von Onkel H., Tante R.s Mann, sauste ich in Bautzen an jenem schwarzgrauen Gemäuer vorbei, am Gefängnis, am berüchtigten Stasi-Knast, wie „Onkel“ H. mir sagte. Vom Sozialismus war meine Verwandtschaft enttäuscht. Zehn Jahre später, als wir in Biberach bei Falk B. Wolf Biermanns Platten hörten, baute sich diese Trutzburg von Gebäude vor mir auf, als der dissidentische Sänger tönte:
„Und schön’re Löcher gibt es auch, als das Loch von Bautzen!“
27.8./12.9.2000
11.12.
(Am 8. Januar 1953 lag ein Kind im Schnee und schrie. Ein Jahr, fünf Monate und einen Tag alt war das Kind. Dieses Kind war ich. An diesem Tag fiel der Schnee heftig über die Stadt Biberach, die in Oberschwaben an und um das Flüßchen Riß, ein breiterer Bach eigentlich nur, lag und liegt; die Flocken sanken um das Haus am unteren Ende der Lindelestraße, die zum höchsten Hügel im Norden der städtischen Topographie führt, in den winterlichen Garten, der das Haus umgab, und auf mich, das Kind, das an der Nordseite jenes Hauses schrie. Eine Frau, knapp über das dreißigste Jahr inzwischen gekommen, dünn, hackte Brennholz zu Holzscheiten klein. Am Tag zuvor war dieses Brennholz in groben Stücken vom Bürgerheim geliefert worden; nun wurde es, in Mühe und Erschöpfung, von meiner Mutter auf einem kniehohen alten Holzstumpen zerkleinert. In einem Haus auf der anderen Seite der Straße, gegenüber, stand in jenen Minuten eine andere, um einige Jahre jüngere Frau, eine Schwäbin, am Fenster, sah die holzhackende Frau im anderen Garten, hörte das Kind schreien, auf das die Flocken sich legten, dachte: Der Frau muß doch geholfen werden, sie müht sich ja ab mit ihrer letzten Kraft, und das Kind liegt im Schnee. Sie ging hinüber, sprach meine Mutter an: "Grüß Gott, ich wohn' da drüben und hab Ihnen zugesehen, wenn Sie wollen, können Sie zu mir rüberkommen." Sie nahm das Kind auf, während sie das sagte. So begann die Freundschaft zwischen der Niederschlesierin und der Oberschwäbin.
26.8.2000
11.12.
Auch ich hatte ab dem zehnten Lebensjahr meine Karl May-Phase und es dauerte seine Zeit, bis ich alles durch hatte. Nicht alle May-Romane besitze ich, las jedoch alle Bände des Sachsen, nicht nur die Winnetou- und Old Shatterhand-, die Kara Ben Nemsi- und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abbul Abbas Ibn Hadschi David Al Gossarah -Abenteuer, sondern auch die Kolportage-Geschichten, die ihrerseits kleine Zyklen bilden, teilweise in imaginären deutschen Landen und Ländern beginnen und ihre teutschen Helden irgendwo in Mexiko, China und anderswo entlang reiten, -segeln, -kämpfen lassen, bis die Schurken ins Gras beißen und die Guten obsiegen. Die späten mystizistischen, in denen Old Shatterhand und Kara Ben Nem-si nebst Mitstreitern und Ehefrauen – in beiden Handlungswelten wird ja zuweilen auf die jeweils andere verwiesen und es ist bekannt, daß der zentrale Held eigentlich Schriftsteller ist, was an der Schmetterhand verwundert – in die „dark and bloody grounds“ und in den Vorderen Orient reisen, „Im Reich des Silberlöwen“ sich aufhalten, erstaunten einen dann Vierzehnjährigen etwas, und die christlich-verquasten Botschaften, die sie verkünden wollen, und die Errichtung eines kitschigen Denkmals für Winnetou – „Charly, Winnetou ist ein Christ ...“ flüstert er noch zum ewigen Abschied in „Winetou III“– waren wegen der plötzlichen Fremdheit, die sie in das gewohnte Erzähl- und Rezeptionsmuster einfließen ließen, auch eine nicht uninteressante Lektüre. Arno Schmidts „Sitara und der Weg dorthin“, in dem er Mays verkappte Schwulitäten genüßlich ans Licht zieht, wie ich vor dreißig oder mehr Jahren erfuhr, las ich nie; daß Winnetou eine schwule Figur war, ist, das hatte man später von ferne geahnt, im Alter von elf und zwölf Jahren aber nicht; so mancher heutige Dreizehnjährige würde da wohl hellsichtiger sein, wenn er noch Karl May läse.
An Weihnachten 1962 hatte ich mit meiner Mutter einen kleinen Kampf auszufechten, denn im „Filmtheater“ wurde der erste Karl May-Film, „Der Schatz im Silbersee“, gezeigt, und den wollte, nein, mußte ich natürlich un-bedingt sehen, aber ein Jahr zuvor, am zweiten Weihnachtstag, war meine Großmutter gestorben, und meine Mutter hielt es für pietätlos und unmöglich, daß ich an diesem Tag ins Kino gehen wollte. Hatte ich mich durchgesetzt oder sah ich den Film doch an einem anderen Tag der Weihnachtsferien? Es war ein Erlebnis, jene Helden, die ich mir bisher in der Phantasie vorgestellt hatte, nun verkörpert vor mir zu sehen; gleichzeitig verglich ich die Figuren, auch die der nachfolgenden in diesen Filmen von Harald Reinl, produziert von Horst Wendtland, doch mit denen, die sich in meiner Vorstellungswelt versammelt hatten, und ich gab dieser den Vorzug. Heute tun es Kinder, die sich „Harry Potter“ ansehen, nicht anders. Diese Karl May-Taschenbücher kaufte ich mir, zum Geburtstag oder zu Weihnachten, das eine oder andere auch einmal zwischendurch, oft von Geld, das mein Erzeuger, für den in diesem Zusammenhang das Wort „Vater“ vielleicht eine gewisse Berechtigung bekommt, mir schenkte; oder wir trafen uns vor der Buchhandlung „Weichhardt“ in der Bürgertumstraße, damals noch auf der linken Seite, wenn man vom Marktplatz her kommt, gingen hinein und ich durfte mir drei Taschenbücher aussuchen, die ich ziemlich schnell ausgewählt hatte, denn ich wußte ja, wo ich weiter lesen wollte. Es kam vor, daß mein Vater mich dann in seinem Fiat vor’s Haus brachte; anschließend fuhr er zu seinem am Hagenbucher Weg.
Eine andere Möglichkeit, die Lektürekenntnisse zu komplettieren, bestand darin, daß ich mir in der Katholischen Leihbücherei im Keller des Kolpinghauses Bände für eine Woche oder zwei auslieh. Ich war evangelisch, aber was störte es mich, bei den Katholischen das zu holen, was ich lesen mußte? Wenn meine Mutter in den Sonntagsgottesdienst gegangen war, setzte ich mich auf’s Fahrrad und sauste über den Gigelberg hinunter in die Kolpingstraße, lieh die Bücher aus, radelte geschwind zurück und war längst wieder zuhause, als die Mutter wieder kam. Ich glaube, sie erfuhr nie etwas davon, oder doch? Dann hatte ich die dort verfügbaren Bände gelesen, das Fahrrad blieb Sonntagvormittag im Abstellraum.
- Regen, sehr fein, Nieselregen.
21.1.2002
11.12.
K.D. Diedrich widmete das Buch "Die Biberacher Zeit"
Klaus Leupolz.
11.12.