KD

3
Jan

3.1.2002

Ich habe seit langem die Vorstellung, die Winter seien in der Zeit der Kindheit und Adoleszenz länger, jedenfalls schneereicher, auch kälter, gewesen als in all den Jahren danach, aber jedem Älterwerdenden dürfte dieser Eindruck vertraut sein; die Vorkommnisse, Umgebungen und Dinge sind in ihrer damaligen Erscheinung wichtiger und intensiver – erschienen, als sie oder ihre vergleichbaren Ausformungen in späterer Zeit sich zeigten; aber bestimmte Orte beispielsweise, Straßen, Häuser, Stadtbereiche, waren, trotz mancher kleinen oder vielleicht sogar größeren Veränderung, ja doch im wesentlichen die gleichen geblieben, nur hatten sie sich von unserem Auge, von unseren tagtäglichen, alltäglichen Blicken in ihrer stets zur Verfügung stehenden Ansicht abnutzen lassen, an ihrer relativen Unverrücktheit – und ich meine das auch in einem zweiten, psychologischen Sinn – langweilte das Auge sich im Fortgang der Zeit, sie wurden profan, der heilige Schimmer des Unbekannten, neu Überwältigenden hatte Patina angesetzt und war eines Tages überhaupt verschwunden, und in irgendeiner Sekunde, im Vorübergehen und -sehen, kann einem das plötzlich bewußt werden, und man wundert sich ein bißchen erstens darüber, und zweitens, was man früher hier Interessantes wahrgenommen hat oder zu sehen glaubte.
Fiel, ich denke nun an Januarabende in den Jahren 1965 oder 1966, Schnee aus einem dunkelnden und dann schwarzen Winterhimmel, machte ich mich oben in der Wohnung im Haus an der Lindelestraße schon mit dem Gedanken vertraut, in einer Stunde, oder auch erst in zweien, je nachdem, wie dicht der Schnee fiel und wie hoch er liegen bliebe, die Schneeschippe aus dem Abstell- und Fahrradraum im Souterrain zu holen und die Gehwege, die am Grundstück Lindelestraße 2 vorbeiführten (und -führen), von der weißen zarten Masse, die oft eine erstaunlich zähe und widerstandsfähige Konsistenz hat, ein wenig zu befreien. Während dann die Flocken, vom Wind getrieben und vorangewirbelt, durch den gelblichen Lichtbereich unter den Straßenlaternen herabsanken, schob und schaufelte ich die kristallinen Flächen zusammen, schuf Bahnen und zu deren Seiten kleine Wälle, vom Gartentor hinunter zur Gartenstraße, und auf dem dortigen Gehwegstück entlang des auf einer Mauer stehenden Holzlattengartenzauns bis zu jener schmalen hölzernen Tür, hinter der ein ebenso schmaler, im Sommer regelmäßig von den daneben sich hinziehenden Johannisbeersträuchern überwucherter Weg zum Haus führte; diese untere Gartentür wurde aber so gut wie nie geöffnet, dieser Zugang war für die Bewohner nicht wichtig gewesen.
Die Gegend dort ist an sich schon ruhig, gehobene Wohnlage, würde ein Immobilienmakler dazu sagen. Im Winter gegen 19 Uhr, zumal in einem Sechzigerjahrewinter, wenn der Schnee schon seit Tagen lag und immer neuer Schnee sich noch dazulegte, war es oft fast still. Ich schob, schaufel-te, schwitzte hin und wieder, aber nicht sehr, unter der Kappe, sofern ich eine trug, und ich muß sagen, es gab Minuten, in denen diese kleine Räumtätigkeit mir sogar einen versteckten Spaß bereitete. Mit einem Gefühl der Befriedigung, das ich aber – schließlich war diese Arbeit doch nichts anderes als eine lästige Bürgerpflicht – nicht zu deutlich werden ließ, sah ich, auf die Schaufel gestützt oder ich hatte diese wie eine abgebrochene Standarte vor mir in den Schnee gerammt, auf die von mir geschaffenen Vertiefungen in der abendlich-nächtlichen nächsten Umgebung (während der Schneepflug sich allmählich in diesen Straßenbereich vorgefressen hatte) und versuchte abzuschätzen, ob der Schnee, der vielleicht noch immer aus der Schwärze, wie von Nirgendwo, herunterschwebte, diese Einfräsungen, über die achtlose Zeitgenossen trampelten, in die Stadt hinuntergehend oder aus ihr heraufkommend, wieder auffüllen würde. Sehr selten war es notwendig, noch einmal hinauszugehen und sie sozusagen nachzuziehen. Wenn aber dann, die Nacht war tiefer geworden, inzwischen die Wolken sich geleert hatten und fortgetrieben worden waren und der klare Winterhimmel, der, der hinter der Atmosphäre liegt, seinen Schmuck offenbarte, sah ich nicht nur einmal von diesem Ort der Erde, immer neu erstaunend, hinauf (oder hinunter) zu den anderen Sonnen, die sich in den Entfernungen der Schöpfung glitzernd zeigten.
- Sehr viel Sonne, Zyrrhuswolken in der Bläue des Äthers, unter der auch wattige Archipele dahindrifteten.
3.1 2002

2
Jan

2.1.2002

In den ersten Januartagen des Jahres 1971 wurde in Biberach ein Republikanischer Club gegründet. Der zweite RC, denn schon in den sechziger Jahren soll es, wie ich später erfuhr, einen für die Sechziger charakteristischen linksrepublikanischen Club gegeben haben. In Tübingen gab‘s einen, in Ulm, in Stuttgart, in anderen Städten Baden-Württembergs; in Berlin, Frankfurt, München... Etwas von den Bewegungen des linken Spektrums, die sich schon vor 1968 vor allem in den Universitätsstädten bemerkbar gemacht hatten, war offenbar schon damals auch in Biberach angekommen. In den Aktionen der APO meldeten sie sich dann auch in der oberschwäbischen Stadt unüberseh- und hörbar zu Wort und Bild. Bernd Häußler, zwei Jahre jünger als ich, wie wir bald feststellten, betreute die Kontaktadresse der örtlichen Gruppe des Verbands der Kriegsdienstverweigerer und hatte mir im Herbst 1970 die Adresse des Metzinger Rechtsanwalts Dr. Martin Bangemann gegeben. Ich brauchte für meinen Kriegsdienstverweigerungsprozeß vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen einen kompetenten Anwalt. Doch nicht B., sondern sein Kompagnon Gerhard Bansemer hatte meinen Fall übernommen, als Bernd mich am zweiten Weihnachtsfeiertag in der Lindelestraße 2 abholte. Wir gingen über den verschneiten Gigelberg, durchs Tal und wieder hinauf auf den Mittelberg zu Ulrich Weitz in der Weißhauptstraße, denn Bernd hatte ihm von mir berichtet und nun sollten wir uns kennenlernen, weil wir vielleicht gemeinsam etwas für die linke Bewegung tun konnten. Ulrich W. war einer der unbotmäßigen Schüler des Wieland-Gymnasiums gewesen, die zum Kern der Biberacher APO gehört und in dieser Eigenschaft ein paar Ausgaben des hektographierten Blättchens „Venceremos“ veröffentlicht hatten, von denen eine, mit Artikeln über die Sexualmoral „der Herrschenden“, also aller Spießer, die Befreiung der fortschrittlichen Jugend davon, anarchomarxistischer Theorie (gewagte Mischung sowieso) und Phalli gefüllt, für Aufruhr nicht nur an der Schule, sondern auch in der ganzen Stadt gesorgt hatte. Ulrich war groß, etwas schlaksig, seine dichten Locken verbreiterten den Kopf, er trug eine Brille, zeichnete – wie an den Phalli zu sehen – hervorragend und fuhr mit einem Mofa durch die Stadt, auf dessen Gepäckständer ich dann mindestens einmal eines Nachts vom Mittelberg zum Lindele kutschiert wurde. Arztsohn. Ein Prozeß wegen Verbreitung unzüchtiger und pornographischer Schriften und dergleichen war gegen die Blattmacher angestrengt worden, der Rechtsanwalt Dr. Bangemann hatte ihn jedoch in allen Punkten für die Angeklagten gewonnen. Dieser gewonnene Prozeß, in dem die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung gegen Spießermoral und den Versuch, unliebsame politische Ansichten zu unterdrücken, verteidigt wurde, kann durchaus als der Beginn eines veränderten politisch-kulturellen Selbstverständnisses dieser Stadt gelten; auch das graue und beschauliche, von der ländlichen Umgebung stark geprägte Städtchen war vom mächtig über die „westlichen“ Staaten fegenden Zeitgeist angerührt und aufgeschreckt worden. (Der Anwalt Dr. B war jener Dr. B., der Bundeswirtschaftsminister, FDP-Vorsitzender, EU-Kommissar, Telekommunikationsgesellschaftsvorstand in Spanien wurde und das alles jetzt nicht mehr ist.)
Ich hatte mit der Biberacher APO nichts zu tun gehabt und erinnere mich, sie sogar ein wenig verspottet zu haben: „Die Opas von der Apo“. Aber dieses Sprüchlein entsprang meiner Vorliebe für Sprachspielerei und sollte kein Kommentar zur bekannten Losung „Trau keinem über dreißig“ sein.
Dabei waren die Leute der Biberacher APO auch nicht sehr viel älter als ich. Zwischen 1968 und 1970 hatte ich schon einiges an marxistischer Literatur gelesen, auch Lenin-Bände hatte ich mir während der Besuche 1968 und 1970 in der DDR, in Radeberg und Dresden, gekauft, nicht nur – rote, nicht blaue – Werke von Marx und Engels, und ich verstand mich also zu jenem Zeitpunkt, zu dem ich U.W. kennenlernte, als junger Intellektueller fast schon marxistisch-leninistischer Provenienz, der, wie es den schönen Maximen entsprach, nach der Lektüre solch wegweisender Schriften wie „Staat und Revolution“, „Was tun“, „Womit beginnen“, „Linksradikalismus – eine Kinderkrankheit im Kommunismus“ und anderer, von der Theorie zur Praxis kommen wollte. So kam es, daß ich im Januar 1971 zum vierköpfigen „Kader“ (dessen Chefideologe U.W. war) des neu gegründeten RC gehörte, der es sich zur Aufgabe machte, die schon versprengten Reste der Biberacher APO und „freie Linke“ wieder zu sammeln, um, dieses Mal auf eine wirkungsvollere Weise als die „zu spontane“ APO, „der Bewegung in Biberach“ zu neuem Aufschwung zu verhelfen, sie eigentlich erst in die richtigen Bahnen zu bringen.
Im Wirtschaftsgymnasium machte ich Abitur. Das interessierte mich wenig, das wurde abgehakt. Die Sitzungen des Kaders, in denen die Direktiven und die Taktik für die nächsten „Schritte“ festgelegt wurden, die Vollversammlungen, die Installierung von Arbeitskreisen waren aufregender und wichtiger. (Und davon bin ich noch heute überzeugt). Es gab, wie überall in den politischen Dingen, Fraktionen, verschiedene Ansichten über die wahre Theorie und ihre revolutionäre Umsetzung, es gab Kampfabstimmungen, Austritte, Enttäuschungen, Machtgehabe. Vor allem gab es im Sommer schon weniger aktive Mitglieder, die Arbeitskreise – in meinem lasen wir „Lohnarbeit und Kapital“ und „Lohn, Preis, Profit“, die klassische Einstiegslektüre für Anfänger in marxistischer politischer Ökonomie – wurden erst spärlicher, dann gar nicht mehr besucht, und in den Sommerferien geschah dann aus verständlichen Gründen überhaupt nichts mehr, denn der RC hatte vor allem Schüler und Studenten in seinen allmählich gelichteten Reihen, und natürlich fuhren auch die jungen Angestellten, es waren wenige, und die älteren Genossen, sie waren noch weniger, in den Urlaub. So hatte ich Zeit für’s Lesen. Arbeitete mich, mit spitzem Bleistift, der Anmerkungen und Unterstreichungen produzierte, in Wochen durch „Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie“ von Karl Heinrich Marx; den zweiten Band las ich zum Teil, den dritten kenne ich bis heute nicht. Einige dieser Freundschaften aus den kleinstadtrevolutionären Bemühungen jener Zeit hielten lange. Doch die politischen Ansichten differenzierten sich. H., Maoist, konnte sich mit der Tendenz des RC, zu einer revisionistischen Organisation zu werden, nicht abfinden. Er bestellte uns, nach Anfrage, ob Interesse bestünde, die Ausgewählten Werke des Großen Vorsitzenden Mao Tse-Tung, heute Mao Zedong genannt. Eine weibliche Person begehrte Auskunft, wie wir es mit Stalins Verbrechen hielten. Uli sagte, dazu würde ein Arbeitskreis, den ich leiten würde (davon wußte ich noch nichts), eingerichtet werden. Da war die Achillesferse jeder sozialistischen Politik berührt. Ich hatte von Dschugaschwili, der sich „der Stählerne“ nannte, etwas gelesen, mit Schaudern, eingedenk seiner Untaten und derer, die die „Säuberungen“, ein Begriff, der mir schon damals eher einer aus dem faschistischen Vokabular zu sein schien, überlebt hatten. Wir wußten einiges darüber, doch noch nicht alles. Der Stalinismus-Komplex, in seiner architektonischen Bedeutung innerhalb der kommunistischen Gedankengebäude wie in seiner psychologischen, wurde, was mir stets bewußt war, stets eher weiträumig umfahren, diente nicht der Sache, sich zu ausführlich mit ihm zu beschäftigen, wie wohl uns allen damals klar war, daß aus ihm die krankhaften Veränderungen wucherten, die alle Anstrengungen für eine sozialistische Gesellschaft zerstören könnten. Das Thema blieb, auch in den folgenden Jahren, auch nach Solschenizyns „Archipel Gulag“, dessen faktische Beweiskraft nicht widerlegt werden konnte, dessen antikommunistischen Motive jedoch zu offensichtlich schienen, als daß sie ernsthaft in die ständigen Diskussionen eingeflochten worden wären, tabu. Die Fehler Stalins waren auf dem XX. Parteitag der KPdSU verurteilt worden, damit waren diese Verirrungen (angeblich) besprochen und abgelegt; man rührte in den linken Gruppen nicht gern an dies Thema, von den maoistisch-stalinistischen Kleinparteien abgesehen, für die Stalin ein Held war, nicht nur der Sowjetunion, auch der Arbeiterklasse der ganzen bekannten Welt. Das fanden wir lächerlich. Der Arbeitskreis, der mir auch aus Gründen der Klärung des eigenen Standpunkts durchaus angenehm gewesen wäre, kam nicht zustande, und nach dem RC sowieso nicht mehr. Dann wurden aktuelle Dinge wichtiger.
In einer Wohnung am Alten Postplatz traf sich im Sommer und Spätsom-mer 1971 nur noch der hartnäckige innerste Zirkel, und uns war klar, daß der Republikanische Club seine letzten Tage hatte. Durch meine Mitarbeit an einer gewissen Zeitschrift kannte ich Freunde in Düsseldorf, denen ich vom Niedergang des RC schrieb; diese Freunde waren Mitglieder der Deut-schen Kommunistischen Partei. Sie besuchten mich. Horst P. referierte vor einem kleinen Kreis in der Wohnung am Alten Postplatz. Während des Herbstes reifte in Uli und mir der Entschluß, in Biberach eine örtliche Gruppe der DKP einzurichten; auf jeden Fall eine Gruppe der SDAJ, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, die quer über die damalige Bundesrepublik, selbst in kleineren Städten, Zulauf hatte, zu gründen. Das wurde getan. Niemand von den übrig gebliebenen RC-Mitgliedern schloß sich dieser für Biberach schon wieder neuen linken Gruppe an. Noch nicht in Erscheinung getretene Interessenten wurden rekrutiert, neue Treffen anberaumt, im „Strauß“ an der Consulentengasse wurde bei Bier und Wein agitiert. Mit der Zeit entstand eine kleine, ziemlich stabile und organisationsbewußte Gruppe, über die zunächst ich residierte und in deren Angelegenheiten ich manchmal nach Ulm zum Bezirksvorstand und nach Stuttgart zum Landesvorstand fuhr. Die Mitglieder, die nach einem Jahr noch dabei waren, die blieben. Die Gruppe richtete auch einige größere Veranstaltungen aus – zum „Radikalenerlaß“ der SPD/FDP-Koalition, zum Putsch in Chile, bekannte linke Rockmusikgruppen wie „Hotzenplotz“ und „Volksmusik“ spielten auf –, bis auch sie sich, und die noch kleinere DKP-Gruppe, die sich parallel, aber mit fast identischer Personalstruktur, dazu bewegte, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als ich mich von beiden Organisationen schon distanziert hatte, aus der politischen und kulturellen Topographie Biberachs verabschiedete; zu einer Zeit, als ein allgemeines Abflauen des Interesses an sozialistischen Alternativen zu registrieren war, nicht zuletzt wegen der voluntaristischen Terroristenidiotie von RAF und Roten Zellen und der darauf reagierenden Staatshysterie mit ihrer Jagd auf „Sympathisanten“, zu denen auch ein Böll gezählt wurde, mit der Aufrüstung von Legislative, Judikative, Exekutive.
- Ein heller Sonnentag in Berlin, blau, Elfenbeinwolken in langen Strähnen, manchmal etwas hellgrau übertüncht.
2.1.2002

1
Jan

1. Januar 2002

Als ich noch in Biberach lebte, arbeitete ich viele Jahre, von 1981 bis 1997, als Filmvorführer im Kutter’schen Kinobetrieb, und auch an den Neujahrstagen ging ich am frühen Nachmittag durch die noch stille, von der feucht-fröhlichen Sylvesternacht erschöpfte Stadt vom Stadtteil Hühnerfeld an der südwestlichen Peripherie, an der die Felder und Wälder beginnen, zu denen ich von meinem Apartment im fünften Stock eines Wohnblocks hinaussah, über Straßen und Wege, die an Ein- und Mehrfamilienhäusern in großen und kleinen Gärten vorbeiführten. Auf den hohen oder niedrigen Hecken lag nun frischer Schnee oder Schneekrusten hatten sich ins Gesträuch eingefressen oder waren noch immer wintergrün und -braun geblieben. Ich ging hinunter ins Stadtinnere, zur Waldseer Straße und zur Saudengasse, wo die Kutter’schen Kinos stehen. Manche der Sylvesternächte dauerten auch für mich bis fast zum Morgen, doch Neujahr nach 14.45 Uhr war ich im Kino. In meinem Einzimmer-Apartment am Klauflügelweg hatte ich Ende der achtziger Jahre einige Male zu Sylvester Gäste, acht oder zehn Freunde, für mehr war kein Platz. Am Hl. Abend, eine Woche zuvor also, versammelte ich ebenfalls einen kleineren Kreis, zu dem auch an diesem Abend einige der Freunde gehörten, die die Woche darauf den späteren Sylvesterabend bei mir verbrachten, zum „Midnight Supper“, das Klaus Leupolz zubereitete, der am Hl. Abend früher als die anderen kam und mitbrachte, was er für‘s Kochen benötigte. An Sylvester gab es dann kein größeres Essen, nur Sandwiches und Snacks. Als nach zweimaligem Aussetzen dieser kleinen Tradition der Jahreswechsel von 1992 auf 1993 einmal mehr bei mir befeiert wurde, endete sie auch schon wieder.

Andere Gäste plauderten schon lebhaft, als Klaus L., Thomas G. und Jean Demélier um 23 Uhr eintrafen. Der Pariser Schriftsteller, den Beckett zehn Jahre lang, wie es hieß, finanziell unterstützt hatte, und wiederholt sagte D. „I got a jackett from Beckett“, war 1990 in Biberach aufgetaucht. Mario K. – er und ich hatten im Oktober 1989 gemeinsam eine Lesung mit musikalischer Begleitung in einem städtischen Veranstaltungsraum vor sehr zahlreich erschienenem Publikum bestritten – war Demélier während eines Besuchs bei einem Freund, dem Philosophieprofessor Scherer, dem Bruder des Filmregisseurs Eric Rohmer, begegnet und hatte ihm von Biberach erzählt. Eines Donnerstag abends waren beide ins Foyer des „Urania“-Kinos gekommen, in dem ich eben mit dem Austausch der Aushangfotos für die Schaukästen zur Saudengasse hin beschäftigt gewesen war; D., nicht mehr ganz nüchtern, hatte mir die Hand gedrückt, wobei er den Daumen an meinem Handrücken gerieben hatte, ein besonderer Gruß ..., und hatte mir als Zeichen seiner Sympathie, die er schon empfunden hatte, ein wenig mit seinen Schuhen auf meinen Schuhen herumgetreten, wobei er etwas sagte, das ich nicht verstand. Mario hatte entzückt gelacht und D. für sein etwas ungewöhnliches Verhalten entschuldigt. So mancher seltsame Vogel war mir schon begegnet, ich hatte gelächelt und gesagt, ich hätte nun leider gar keine Zeit, mit ihnen auf eine kleine Tour durch das Biberacher Nachtleben zu gehen. Als der Kinobesitzer ins Foyer gekommen war, um bei den an den Programmwechseltagen üblichen Dekorationsarbeiten mitzuhelfen, was in der Regel dann der Fall war, wenn seine vielfältigen Verpflichtungen als Vorsitzender der Gilde deutscher Filmkunsttheater und als Mitglied diverser Prämien und Förderungen vergebender Gremien ihn nicht aus dem Haus geführt hatten, hatten K. und D. sich in aufgeräumter Stimmung verabschiedet; man würde sich ja bald sehen. Man hatte sich oft gesehen. D., ein großer Liebhaber von Biddies und Whisky, sprach beidem zu, hatte zuvor auch einiges konsumiert. Wir tranken beide Whisky, er fragte mich, ob mir die Bücher von Bruce Chatwin vertraut seien, ich verneinte. Er wollte mehr über einen meiner Freunde wissen, von dem er den Eindruck gewonnen habe, daß er womöglich schwul sein könnte, ich entgegnete, das könne man vielleicht annehmen, aber meine Meinung dazu sei eine andere. Wieder war er ganz begeistert von Biberach und von dem Kreis, in den er Zugang gefunden hatte. Er packte unvermittelt meinen Kopf mit beiden Händen und sagte emphatisch: „You are a wonderful man.“ Er wußte, daß mein Interesse an ihm rein intellektueller Art war und daß mir, wie ihm, nur junge Männer gefielen; das Kompliment ließ ich mir nun aber gefallen. Ich wandte mich anderen Gesprächen zu. Als draußen die ersten Raketen ihre bunten Fächer in der kalten Nacht entfalteten, trat D. hinaus auf meinen Balkon und zündete kleine Böller. Schmunzelte, fand, es sei lustig, ich aber kann Sylvesterschießereien auf den Tod nicht leiden. Ich war Gastgeber und ließ ihn gewähren. Eine halbe Stunde danach sprang er plötzlich auf, eilte wieder auf die Balkontür zu, die wegen des Zigarettenrauchs etwas geöffnet war und ich begriff schnell, was er im Sinn hatte, rief ihm nach: „Go to the toilet!“ Er übergab sich über die Balkonbrüstung. Es war Sylvester, es war ihm peinlich, er entschuldigte sich murmelnd („The rain will wash it down“), ich meinte, es sei nicht so tragisch, wußte aber, daß Unannehmlichkeiten nicht mehr abzuwenden waren. Meine Partylust war beeinträchtigt, ich ließ mir jedoch nichts anmerken. Die letzten Gäste gingen nach vier Uhr, Jean Demélier schlief seit Stunden auf meinem Bett in der Ecke; nach dem Vorfall war er nicht mehr lange auf den Beinen geblieben. Den Rest der Nacht und die Vormittagsstunden lag ich unter einer Decke auf dem alten Sofa.

Beunruhigt, aber äußerlich cool, machte ich gegen zwölf Uhr ein frugales Frühstück. M. Demélier, Gallimard-Autor, saß groß und hager vor meinem kleinen Holztisch mit der quadratischen Platte, sein Jackett, nicht das von Beckett, hing von den knochigen Schultern, sein sensibles langes Gesicht mit der gebogenen Nase über den dünnen Lippen, das von halblangem Künstlerhaar eingerahmt wurde, wenn er den raubvogelartigen Kopf nach vorne neigte, zeigte einen bekümmerten Ausdruck, als ich ihm sagte, daß ich keinen Kaffee hätte, nur Tee. Er klagte in englischen Worten – in unserem „Kreis“ bediente man sich eher dieser Sprache –, wie er aufwachen solle. Damals war er zweiundfünfzig Jahre alt. Draußen herrschten Minusgrade. Ich schlug vor, mit einem Taxi hinunter ins Stadtzentrum, zu Klaus Leupolz, zu fahren, er lehnte das aber ab. Spazieren wollte er, durch den frischen sonnigen Neujahrstag, um klarer im Kopf zu werden. Dagegen war schlecht etwas einzuwenden. Ich betrat den Balkon, ganz bewußt, nicht; es ließ sich jedoch nicht vermeiden, daß der Blick durch das breite Fenster und die Balkontür auf die angeschwärzte Innenwand des Balkons, auf dem ein paar alte Zeitungsstapel aufgeschichtet waren, fiel.

Wir zogen unsere Jacken an und gingen durch die Kälte den Hügel hinunter, Richtung Marktplatz und Justinus-Heinrich-Knecht-Straße. D. freute sich: „Everything is so clean, in Paris it’s always dirty.“ Ich wollte ihn nicht konsternieren und vermied es auch aus eigenem Interesse an einer ausgeglichenen Seelenlage, auf die nächtliche Begebenheit anzuspielen. Auch bei Leupolz, wo ich ein Glas Weißwein trank, wurde das, was in den Jahren danach "Deméliers Kotzen“ genannt wurde, nicht angesprochen. Schließlich war es Zeit für mich, im Kino den ersten Arbeitstag des Jahres 1993 zu absolvieren.

Am nächsten Tag wagte ich einen Blick auf die Vorderfront des Gebäudes zu werfen. Deutlich auch aus der Entfernung sichtbar rannen braune Streifen an den Balkonwänden bis zu der vom zweiten Stock herunter, die exakt auf meinem Balkon im fünften begannen. Der unterste war unbefleckt geblieben. Mit kalter Wut im Bauch rief ich, bevor ich zur Arbeit ging, L. an, er solle auf D. einwirken, mir für die Hausverwaltung eine Erklärung zu schreiben, obwohl ich doch genau wußte, daß ich mich mit solch einem Wisch höchstens lächerlich machen konnte. Wer würde die phantastische Geschichte, ein französischer Schriftsteller habe vom Balkon gekotzt, glauben? War doch der Penner vom fünften Stock selber. Jetzt kommt der mit diesem Scheiß daher. Wie ich bald danach in mir erforschte, war es mir in diesem Augenblick des Zorns auch gar nicht so sehr darauf angekommen, der Hausverwaltung mit diesem Zettel unter der Nase herumwedeln zu können, sondern darum, D., dessen Art mir schon etwas an den Nerven zupfte, zu etwas zu bringen, was ihm gewiß schwer fallen würde. So war es dann auch. Er weigerte sich, mir ein paar Worte in die Hand zu geben. „What he wants is an autograph.“ D. war sehr überzeugt davon, daß nach seinem Tod, der zweifellos nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würde, Gallimard alsbald eine Gesamtausgabe auf den Markt werfen würde, um noch einmal kräftig Geld mit ihm zu verdienen, und überhaupt würde dann alles von seiner ringgezierten Hand ziemlich wertvoll sein. Wir wußten schon, daß der Verlag seine Bücher zwar in der Backlist hatte, er dort aber nicht mehr veröffentlichte und in Paris fast nur auf Ablehnung stieß; was wir natürlich bedauerten, uns jedoch, je länger er bei uns weilte, nicht unverständlich blieb. Für mich folgten peinliche Augenblicke vor den Wohnungstüren der anderen Stockwerke. Ein paar Tage danach gab Klaus Leupolz mir den Demélier-Brief. Ich war erstaunt. Als man eines Nachmittags, nach einer Woche oder auch zweien, auseinanderging, denn wir saßen weiterhin zusammen, gab ich D. seinen Brief ungeöffnet zurück. Ich sagte ihm, daß ich ihn doch nicht brauchen würde. Kommentarlos steckte er ihn ein. Dritten gegenüber hatte er mich eines kleinbürgerlichen Verhaltens und der Doppelzüngigkeit bezichtigt, weil ich mich erdreistet hatte, mich zu echauffieren und zum Zeitpunkt des Geschehens doch geäußert hätte, es wäre nichts.

Im März 1993 stellte er in der Galerie Gallus an die fünfzig seiner Bilder, die er aus Paris geholt hatte, aus. In seiner Rede vor dem zahlreich aufmarschierten Vernissagenpublikum – ein großer Artikel mit Foto war in der Schwäbischen Zeitung gedruckt worden, der Kulturdezernent Dr.Biege sagte an diesem Abend nebenbei, „Monsieur Demélier ist der intelligenteste Schnorrer, der mir je begegnet ist“ – sprach der Lyriker Werner Dürrson von ihm als einem letzten poète maudit. Da ist was dran, dachte ich und sah mich um. In den sechziger Jahren hatte sich in diesem hallenartigen ersten Stock einer der Verkaufsräume des alten „Schleehauf“-Kaufhauses befunden, in dem meine Mutter über Jahre, genau in diesem Raum, als Verkäuferin gearbeitet hatte.

Nach der Vernissage versammelte sich einiges Volk im Gasthaus „Grüner Baum“ und Dürrson, Freund D.s seit gemeinsamen Jahren in Poitiers, der mit seiner Begleiterin, die stets in Schwarz gewandet war, und sein Erscheinungsbild war ohne den violetten Seidenschal, den er auch im Sommer lose um den Hals trug, nicht komplett, mir gegenüber saß, wandte sich ihr zu und sagte: „Bei KD darf man über den Balkon kotzen.“

Zwischen Klaus L. und Jean D. entwickelten sich ebenfalls Animositäten, verursacht durch D.s herrisch-herrschaftliches Verhalten, was dazu führte, daß Leupolz mit ihm nicht mehr viel zu tun haben wollte, und er hatte D. doch 1992 auf Wieland, Christoph Martin, aufmerksam gemacht. Im Sommer 1992 hatte D. mit wachsendem Vergnügen Wielands „Geschichte der Abderiten“ in einer französischen Ausgabe von 1826 oder 1816 gelesen, jedenfalls frühes 19. Jahrhundert. Der Kulturdezernent hatte D. mit Geld und kostenlosem Logis in einem städtischen Apartment versorgt. Als Gegenleistung für diese Gaben „transponierte“ er, vom Deutschen ins Französische übersetzen konnte er nicht, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig war, „Die Geschichte der Abderiten“ aus ihrem Achtzehnhundert-nochwas-Text in das Literaturfranzösisch der Spätmoderne.

Als das Werk Fortschritte machte, wurde allmählich daran gedacht, es zu verlegen, in Frankreich, und als Druckkostenbeitrag eine Summe von der Robert Bosch-Stiftung erbeten, die auch kam. Das Manuskript – war es in Biberach schon in vollem Umfang fertiggestellt worden? – schickte Demélier später in Frankreich und Belgien herum, keiner aber hatte Interesse an Wieland. In den Briefen an L. beklagte er sich über die Uneinsichtigkeit der Verleger. Ich nehme an, es ist nichts daraus geworden. Statt der nicht sehr umfangreichen Briefe kamen zwei oder drei Postkarten in Briefumschlägen aus Paris, in denen die Hoffnung zwischen den Zeilen stand, noch einmal, sei es von L., sei es von Seiten der Stadt (wo L. sich vielleicht wieder hätte verwenden können ...?) eingeladen zu werden. Die Aufenthalte in Biberach hatten ihm Geld eingebracht und er hoffte wohl auf mehr. Eine Existenz als freier Schriftsteller ist immer prekär, wir verstanden ihn gut, unternahmen aber nichts zu seinen Gunsten, auch nicht, als er über seine Gesundheit lamentierte. „I want to die in the woods of Biberach“.

Es war wohl 1995, als mit solcher Post auch etwas für mich dabei war: eine seiner kleinformatigen Zeichnungen, die er, wie er anläßlich der Ausstellung gesagt hatte, in Paris für neunhundert Franc verkaufe. Ein paar seiner Bil-der, ob kleine, ob größere, ist mir nicht bekannt, hängen ja im Centre Pompidou. Übrigens hatte er in der Ausstellungszeit in Biberach nichts verkauft; nur von einem meiner Bekannten in der Schwulengruppe, wohin ich ihn ein halbes Jahr zuvor mitgenommen hatte, obwohl ich die Gruppe nie aufsuchte, für eine Auftragsarbeit ein Honorar, und wie mir T., der Auftraggeber, später sagte, in ordentlicher Höhe, erhalten. „Der soll mal lernen, wie man sich benimmt“, sagte T., einer der Organisatoren sowohl der 1. Schwul-Lesbischen Kulturtage in Biberach im Jahr 1991 wie auch der 2. im Jahr 1995 (als ich eine Lesung, in nicht ganz optimaler Kooperation mit dem Freiburger Chor „Queerflöten“, beisteuerte), „wir sind nicht so traurig, daß er nun fort ist.“ „Don’t touch me“, habe ihm einer der Jungs bedeuten müssen. Da bedauerte ich D. doch. Die aus Paris geschickte Zeichnung nahm ich gerne an und betrachtete sie nicht nur als Entschädigung für einen Teil der Kosten, die 1993 anfielen. Denn ein halbes Jahr nach dem Vorfall, im Juli 1993, rückten die Fassadenmaler an. Bei der Begutachtung des zu Erledigenden konnte ich sie davon überzeugen, daß ich nicht in der Lage sei, den Aufbau eines Außengerüstes hinauf bis zum fünften Stock zu zahlen. Sie zogen skeptische Mienen, „hoffentlich geht der Wind nicht so stark“, als sie eine Restaurierung der streifenverzierten Außenwände der Balkone von innen, von den Balkonen aus, ins Auge faßten. Ich hatte dafür zu sorgen, daß die betroffenen Wohnungen zugänglich waren. Die Bewohner mußten anwesend sein. Vom Mittag bis zum Abend. Sie waren es. An einem sonnenbeschienenen, nicht allzu windigen Freitag rückten die Maler an. Während sie von Wohnung zu Wohnung stapften, ihre Farbkübel auf hastig ausgelegtes Zeitungspapier wuchteten und zu streichen begannen, stellte ich mich draußen auf die Straße und fotografierte, wie sie strichen. Ich nannte die Fotos „Die Demélier-Aktion“.

Auf Klaus Leupolz‘ Initiative hin wurde die Hälfte der Malerkosten vom Freundeskreis aufgebracht, „to prevent“, wie er zwischen anderem in einem Brief an D. schrieb, „KD from jumping down the balkony“, und so war die Ankunft der Zeichnung wohl wirklich als Wiedergutmachung zu verstehen, und als Signal, die Beziehungen wieder fortzusetzen. Das unterblieb. Mein Freund Leupolz ist tot. Er würde es mißbilligen, wüßte er, daß ich wieder Kontakt zu D. aufnehmen wollte. Bis zum Umzug nach Berlin hing die Zeichnung an der Wand, seitdem ist sie in einer der unausgepackten Kisten geblieben.

Die Maler an jenem Tag aber strichen mit einer Farbe, deren Tönung nicht genau jene des Originalanstrichs war, die „Übermalung“ ist heller; oder dunkler? Noch immer zu sehen. Auch andernorts sind sie zu finden, die Spuren. Letztes Jahr, 2001, entdeckte ich sie in Werner Dürrsons Gedichtesammlung „Pariser Spitzen“. Der Vorfall auf meinem Balkon, bon, gab Anlaß zu dichterischer production. Vielleicht aber gehören ja diese Gepflogenheiten zu Monsieurs traditionellen Sylvesterbräuchen. Das Gedicht geht so:

„Wohin denn ich –
Freund Demélier
als Maler und Poet
nicht ohne
wars ihm zuviel
der nie genug bekam
zur Not das Beste –
kotzte Punkt zwölf
in der Sylvesternacht
vom Dachstock über
sämtliche Balkone“

- Der heutige Tag hing steingrau in der steinernen Stadt. Minus 3 Grad Celsius.

1. Januar 2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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