KD

4
Feb

4.2.2002

Meinen ersten literarischen Text, also Prosa, den ich selber als solchen betrachtete, schrieb ich entweder in der zweiten Jahreshälfte von 1967 oder in der ersten von 1968. Schon wieder diese ungenaue Zeitangabe! Aber Tagebuch führte ich damals noch nicht. Übrigens in allen Jahren danach, nachdem die Siebziger begonnen hatten, auch nur dann und wann. Aber jene Tagebuchaufzeichnungen waren noch kurz, Kürzel eigentlich; es steht fest, denn vor einigen Jahren, in Biberach, sah ich sie mir, denn es waren gar nicht so viele, einmal an: manches, was dort festgehalten ist, verbirgt sein Geschehen wohl für immer selbst vor mir, die Notizen bringen die Szenen nicht mehr ins Gedächtnis zurück; zumindest nicht so, daß mir noch erkennbar wäre, was denn sich zutrug, die Zusammenhänge und Hintergründe sind oft zu stenogrammartig, und mit so manchen Initialen, Abkürzungen schon dort und damals, auf daß ja niemand mich der Indiskretion beschuldigen könne, eines fernen Tages, wenn ... , sofern ... , an den ich aber doch dachte, kann ich selber nichts mehr anfangen, diese Leute, Bekannten, Freunde von früher werden einzelne Buchstaben bleiben, hinter denen ein Punkt gesetzt ist. Mit den meisten habe ich sowieso seit langem nichts mehr zu tun – nehme ich doch an, denn wie gesagt, ich habe Schwierigkeiten, den Initialen Personen zuzuordnen. Womöglich wäre es eines Tages dem einen oder anderen (andere waren auch dabei) dann gar nicht so unlieb, doch zu erkennen zu sein? Aber, um hier keine falschen Hoffnungen bei jenen zu wecken, die nicht dabei gewesen sein konnten: es sind nur Kneipenreflexionen und -beobachtungen, nichts von wirklicher Brisanz in gewisser Hinsicht und Bedeutung ist darunter, jedenfalls fast nicht; dachte ich damals.
Also die erste Geschichte, die ich im stillen für gelungen hielt, als sie fertig war, war ein Aufsatz – nein, so kann man das ja nicht sagen, obwohl das „Thema“ für andere in der Klasse vielleicht ein Aufsatzthema war. Das Thema ist mir entfallen, das gestellte. Ich schrieb eine Geschichte, in der jemand ein Restaurant betritt, sich umsieht, setzt und eine Fliege beobachtet, die sich mit einer Tasse anfreundet. Die Geschichte ging noch weiter, aber wie? (Alle Hefte aus den Realschuljahren sind mir abhanden gekommen.) Ich hatte beim Schreiben ein paar Sätze aus einem Science Fiction-Roman im Kopf, einen bestimmten Stil, den ich zu treffen versuchte. Es gelang mir recht gut. Ein paar Tage später, die Hefte waren noch nicht zurückgekommen, sagte mir der Realschuldirektor A., ein großer, schlanker, nervöser Mann, den wir als Klassenlehrer hatten und der bei jeder Gelegenheit „gemma, Kinder, gemma, gemma“, sagte, was uns sagte, daß auch er nicht im Schwabenland gebürtig war, während er vorn an seinem Lehrertisch Papiere sortierte und ich gerade vorbeiging und er mich anhielt, murmelnd, meine Geschichte sei sehr gut, und ein wohlwollender Blick kam zu mir herüber. Offensichtlich hatte der Deutschlehrer – viele Jahre konnte ich mich an seinen Namen erinnern, und gerade jetzt nicht – ihm den Text gezeigt. Das Lob freute mich, überraschte mich aber nicht sehr, denn ich wußte ja, daß mir die Geschichte gelungen war. Bei der Abschlußfeier der Klasse, mit der die Realschulzeit endete, bekam ich als Preis „Sämtliche Erzählungen“ von Hemingway. Hemingway – hatte meine short story die Wahl des Schulleiters auf diesen Autor fallen lassen? Die Kennzeichnung „Diedrich 6a“, mit Bleistift unten rechts auf das leere Vorderblatt neben dem Kartonumschlag geschrieben, steht da noch immer.
- Sonne, aber kühler als gestern und vorgestern.
4.2.2002

3
Feb

3.2.2002

Vorgestern, nach dem Schreiben der Notiz, fiel mir doch noch das Wort für jenen Fahrradteil hinter dem Sattel ein: Gepäckständer. Ich war schon leicht beunruhigt, daß es mir abhanden gekommen sein sollte, aber das Wort „Gepäckständer“ gehört eben zu denen, die ich nie brauche; womit sich zeigt, daß mit dem Nichtstun sich auch der Wortschatz verringert. –
Biberach war nie eine der traditionellen Fasnet-Städte des schwäbischen Oberlands und der alemannischen Region gewesen. In Biberach fanden und finden die tollen Tage nicht im Februar, sondern Ende Juni oder Anfang Juli statt, je nachdem, wie das Schützenfest, das „Biberacher Kinder- und Heimatfest“, im jeweiligen Jahr festgelegt ist. Erst ab den achtziger Jahren wurden ein paar Maskengruppen (oder wie die Leute von den „Kampagnen“ das nennen) aufgebaut, die mit anderen aus der Umgebung in einem Umzug durch die Gassen ziehen. Ich sah ihn mir nie an, vermute aber, daß er anders als die in den Fasnet-Hochburgen kümmerlich daher schleicht. Aber bitte. Die Biberacher Geschäftswelt nimmt den Faschingsdienstag jedoch seit jeher als Gelegenheit wahr, die Läden zu schließen, so daß die ganze Stadt, insbesondere die Innenstadt, wie ausgestorben wirkt, denn gerade am tollsten aller tollen Tage bemerkt man in Biberach nach wie vor – und das ist die spezielle Fasnetstradition – nichts von anberaumten Närrischkeiten, und nur Narren würden auf die Idee kommen, an diesem Tag etwas einkaufen oder auf den Ämtern erledigen zu wollen. Insofern verbindet diese Tradition sich mit der der wirklichen Biberacher Ausgelassenheit im Sommer, am „Schützendienstag“ ebenfalls alles dicht zu machen, jedenfalls nachmittags, denn auch an diesem Tag glaubt man sich gegen sechzehn Uhr auf dem Marktplatz im Zentrum eines von einer rätselhaften Seuche heimgesuchten Orts. Aber so ganz ohne Zeichen ihrer landesweiten Herrschaft im Ländle zu hinterlassen ging die Fasnet auch in früheren Jahrzehnten nicht an Biberach vorüber. Immer gab es beispielsweise die „Kinderfasnet“ in der alten Gigelberghalle, wo sich an einem Nachmittag die Jüngsten tummelten und in ihre Heldinnen- und Helden- oder einfach nur Lieblingsrollen schlüpften. Bunt sah das aus. Ich weiß es, weil ich mehr als einmal in jenen Jahren an jenen Nachmittagen von der Lindelestraße kommend an dieser Halle vorbeiging, denn dieser Weg war für mich der schnellste und idyllischste zum Marktplatz, und ringsherum strömten Kinder heran oder sie traten aus dem Halleneingang heraus, schreiend, aber vor Vergnügen und Aufregung, johlend; die bunten Kleider und Hüte, die Phantasiekostümchen belebten die in manchen Jahren schneeig-weiße, in anderen fad-winterbraune Platzszenerie.
Auch ich war in solchen Tagen einmal ein dreizehnjähriger Revolverheld. Meine unmäßige Western-Lektüre hatte mich dazu gebracht, mir gleich drei Spielzeugrevolver vom irgendwie zusammengesparten Taschengeld – für sowas gibt man eben in solchen Jahren sein bißchen Geld aus – zu kaufen, natürlich samt Halster... In die Trommeln dieser Waffen wurden kleine Ringe mit ebenso kleinen flachen Kapseln eingelegt; betätigte man den Abzug, schoß man, drehte sich, wie es nun mal das Prinzip eines Revolvers auch andernorts ist, die Trommel, der Hahn hob sich und schlug auf die vor ihn transportierte Kapsel, der Schuß knallte. Nun fällt mir ein, daß nur zwei dieser Knarren (selbstverständlich war einem versierten Karl May- und Western-Leser der Unterschied zwischen den Pistolen- und Revolverarten, ja –namen bestens bekannt) mit diesen roten Ringen bestückt wurden. Das dritte dieser halbrealistischen Mordwerkzeuge funktionierte mit kleinen Papierrollen, die, jeweils eine natürlich, in eine Kammer eingelegt wurden. Auf diesen Röllchen waren hintereinander runde „Sprengsätze“ aufgebracht; sie knallten schwächer als die der Ringe. War der Schuß gefallen, verbreitete sich vor der Nase der Geruch verbrannten Pulvers, westernmäßig.
Ein kurioses Foto, aufgenommen von meiner Mutter, zeigt einen mädchenhaften hochgewachsenen Knaben, angetan mit Skihosen (ich fuhr mein Leben lang nicht Ski), einem Pullover und einer Schiebermütze, der die Rechte auf den umgeschnallten Colt im Halfter stützt. Sehr stilgerecht. (Es gab tatsächlich Nachmittage, und nicht nur in der Faschingszeit, in denen ich, Klaus allein zu Haus, das „schnelle Ziehen“ übte.) In diesem Aufzug, es war aber sehr wahrscheinlich an einem anderen Tag, nicht an dem der fotografischen Dokumentation meiner Männlichkeitsphantasie, ging ich über den Gigelberg, denn die Kinderfasnet fand, aus welchem Grund auch immer, damals im Kolpinghaus statt. Kaum hatte ich den Saal mit all den Cowboys, Prinzessinnen, Rittern und was die Mythologien sonst noch so hergaben betreten, hatte ich sofort das starke Empfinden, am ganz falschen Ort zu sein, bekam einen roten Kopf (das geschah mir in meinem Leben nur sehr selten) und kehrte sozusagen auf dem Stiefelabsatz um. Draußen auf der Straße „schnallte ich ab“, entkleidete mich der fragwürdig gewordenen Waffenzier, steckte den Colt in eine Hosentasche, knüllte den Gurt mit dem Halfter so zusammen, daß er unter die Jacke paßte, und trollte mich nach Hause. Es war mir alles sehr peinlich. Es war mein erster und letzter Auftritt bei der Fasnet. Western las ich noch. In einem Karton auf dem Dachboden fristeten die Waffen eine Zeitlang ein allmählich immer unbeachteteres Dasein; ich weiß nicht, wohin sie eines Tages verschwanden.
- Wieder ein Tag, als würde der Frühling schon hinter den nächsten Tagen warten.
3.2.2002

2
Feb

2.2.2002

Das samstägliche Gepolter und vergnügte Gehüpfe der Kinder in der Wohnung über der, die ich gemietet habe, bringt mir etwas in den Sinn, das Frau H. mir erst im vergangenen Jahr 2001 während eines Besuchs bei ihr auflachend wieder sagte: „Ihr hend so tobt, daß die Frau Wieland in der unteren Wohnung zu deiner Mutter gesagt hat, wenn die Kinder da sind, wackeln bei mir die Kronleuchter, und als deine Mutter das dann euch g‘sagt hat, habt ihr noch viel wilder herumg‘hüpft und herumg‘stampft.“ Mit „ihr“ waren ihre drei Kinder und ich gemeint, die wir, im Alter von vier, fünf, sechs Jahren (auch früher, auch später), oft zusammen spielten. Von der bedauernswerten Frau W. – wer weiß, vielleicht war sie ja über fünf Ecken mit dem Biberacher Dichter Christoph Martin Wieland verwandt – habe ich kein Bild im Kopf; ich habe aber ein Foto, auf dem ich neben dem Pudel von Frau W. im Gras des Gartens, pausbäckig, fünf Jahre alt, eher jünger, sitze; der Pudel, sitzend, neben mir ist so groß wie ich. Ist es ein Pudel, war der Hund ein Pudel? Ich müßte jetzt das Foto hervorkramen, um die Möglichkeit, daß er ein Spaniel war, auszuschließen. Meine Mutter hatte in meiner Kindheit manchmal von dem „schönen“ Hund gesprochen, der in ihrer Kindheit in Schlesien auf dem Hof war und der, nachdem er sich schlimm verletzt hatte – nein, aus Unachtsamkeit bei Feldarbeiten verletzt wurde, erschossen werden mußte, und sie erzählte, wie traurig sie gewesen sei. Vielleicht war dieser Hund ein Spaniel gewesen, denn wieso fällt mir nun diese Hunderasse sofort ein, wo ich mich in ihnen überhaupt nicht gut auskenne? (Einen Dackel erkennt man freilich immer – auch in menschlicher Gestalt.) Was war jenes Pudels Kern, welche Wahrheit kam in ihm an mich heran? Mephistophelisches? Ich müßte nachdenken, bleibe aber auch hier im Konjunktivischen, weil es bequemer ist. Wollte er, stumm und milde neben mir in eine Zukunft blickend, mir verständlich machen – wenn auch erst nach Jahrzehnten, in jener Zeit, in die er blickte, im Jetzt –, daß ich schon noch selbst erfahren würde, was ich seiner Herrin antat? Müßte ein kluger Hund gewesen sein.
- Sehr sonniger, fast frühlingshafter 2. Februar. Vor den Cafés saßen Leute. Schöne Abendrotwolken.
2.2.2002 (!)

31
Jan

31.1.2002

Während meine Mutter und ich durch den feuchten Abend hinüber in die Lindelestraße gingen, dachte ich: „Ich kann noch nicht sterben, ich bin doch erst elf Jahre alt.“ Es war ein Gefühl in mir ähnlich dem, das in den halbwachen Schlafwandlerminuten in mir aufkam, ein Gefühl von Unwirklichkeit und Verlorenheit. Aber so schnell, wie die Krise entstanden war, so rasch flaute sie ab; die Atompilze wuchsen nicht in den Himmel; aber keine Sorge .
Als ich am Morgen des 23. Novembers 1963 meine naßgeregnete Jacke im Klassenzimmer der Mittelschule auszog – in jenem Gebäude, das hinter dem, das „Ochsenhauser Hof“ genannt wird, stand – und die ersten Worte mit Mitschülern wechselte, erfuhr ich, daß Kennedy am Tag zuvor erschossen worden war. Es ließ mich novemberkühl. Ich war kein Heldenverehrer des strahlenden Präsidenten. Ich erinnere mich an diesen Augenblick nur, weil ich all die Jahre danach immer die nasse Jacke und den verregneten Morgen noch spürte; ich vermute, wäre der Nach-Attentatstag ein sommerlicher Tag gewesen, wäre dieser Vormittag längst im Schutt jener Tage versunken. Erst im Zusammenhang mit dem sinnlich-haptischen Gefühl der nassen Jacke an den Fingern hatte dieser Tag die Chance, aufbewahrt zu bleiben; Regen war für mich immer eine eindrücklichere Naturerscheinung als stilles Sonnenlicht. Sonne: Dur, Regen: Moll; Moll ist meine Tonart. Die „Fox-Tönende-Wochenschau“ im Kino zeigte in den Wochen danach immer wieder – ich hatte meine Liebe für’s Kino entdeckt und ging in Filme, die anzusehen „ab 12 Jahren“ erlaubt war – Aufnahmen des weltgeschichtlichen Vorfalls. Wer erschoß Kennedy? Der den Vietnamkrieg erst so richtig zum Laufen gebracht hatte und nicht die Lichtgestalt war, als die er bestaunt wurde. (Das kann in Berlin nur jemand schreiben, der kein Berliner ist.) Lee Harvey Oswald, der bald selber dran glauben mußte? Eines der bestgehüteten Geheimnisse und Verbrechen der Vereinigten Staaten.
Zwischen diesen Geschehen starb der „gute Papst“ Johannes XXIII. im Juni 1963. Auch dieser Tod konnte mich nicht beeindrucken, war er aus meiner evangelischen Sicht doch nur für die Katholiken von Bedeutung. Mein Freund H. und ich, diese Erinnerung habe ich daran, kurvten mit unseren Fahrrädern ein bißchen auf der Probststraße und vor dem K.‘schen Lebensmittelladen auf und ab und quatschten davon, etwas Despektierliches, Gerede von Jungs in solchem Alter. Ich erinnere mich an einen sonnigen Spätnachmittag, wir hockten auf Fahrrädern und redeten dummes Zeug.
- Zunächst: grau. Im späteren Vormittag kam dann der Schein der Sonne durch die graue Schicht, der schien..., aber nicht lange. Donner, Blitz und Hagel. Ein Gewitterregenguß. Danach für einige Zeit wolkenloser blauer Himmel, bald zogen große weiße Wolken dahin. Es wurde wieder trüber, aber kein Regen mehr. Wind streunte durch die Topographie.
31.1.2002

30
Jan

30.1.2002

Drei andere von den politischen Ereignissen der sechziger Jahre erinnere ich noch gut: die Kuba-Krise 1962, der Tod des Papstes Johannes XXIII. im Sommer 1963, die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963.
Die Kuba-Krise, der Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen dem „Freien Westen“ und der Sowjetunion unter der Führung des Generalsekretärs des ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Chruschtschow (der vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit seinem Schuh aufs Rednerpult eindrosch, um seiner Meinung mehr Nachdruck zu verleihen), war meine erste Erfahrung, daß auch die große weite Stuyvesant-Welt nicht so stabil war, wie man als Elfjähriger meinen durfte..
An einem der Abende dieser bedrohlichen Tage sahen meine Mutter und ich im Fernsehgerät von Frau H. am Krummen Weg Bilder, Berichte und Kommentare zur Lage. Ich begriff sehr wohl, daß sich die Welt in einer ernsten Situation befand: wenn die Russen – in der Regel wurde von den „Russen“ und nicht von den „Sowjets“ gesprochen – ihre auf Kuba heimlich aufgestellten Atomraketen, die auf Nordamerika zielten, nicht entfernten, würde es vielleicht einen Atomkrieg geben, in dem auch Deutschland untergehen könnte, weil es auf der Seite der Amerikaner stand. Frau H. und meine Mutter machten ernste Gesichter. Ich sah auf die Flugzeuge, die im Bildschirm vorüber zogen. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich.
- Ein ruhiger Spätjanuartag, mit mildem, dünnem Sonnenlicht.
30.1.2002

29
Jan

29.1.2002

Die Reisen in den poststalinistischen deutschen Sozialismusversuch hatten übrigens nichts dazu beigetragen, daß ich mich dem Marxismus in seiner im „Westen“ wieder interessant gewordenen Variante näherte, nach dem Jahr 1968. Das, was ich während jener Besuche und Reisen durch die Deutsche Demokratische Republik sah und hörte, ab dem Jahr 1963 (auch in den fünfziger Jahren fuhren wir, meine Mutter und ich, mehrmals in die „Ostzone“, nach Fischbach hinter Dresden) hatte mir eher den Eindruck vermittelt, in solch einem Land nicht leben zu wollen. 1963 konnten mir die weltgeschichtlichen Hintergründe noch nicht viel sagen, obwohl ich einiges aufgeschnappte, natürlich aus Verwandtenmund; 1968 war das anders. 1968 fuhren wir zu Ostern nach Radeberg, zur Konfirmation meiner Kusine, die Familie Sommer wohnte zu dieser Zeit seit ein paar Jahren dort. Ich hatte Gelegenheit, die Ghettoaufstände in den USA und das Attentat auf Rudi Dutschke im DDR-Fernsehen sehen zu können; nicht alles, was gesagt wurde, fand ich falsch. In der Schule hatte ein kleiner Kreis von Schülern so nebenbei mit einem der Lehrer über die APO diskutiert, mir ist so gut wie nichts davon im Gedächtnis geblieben, es muß mir also relativ unwichtig vorgekommen sein, aber die Zeitungen waren voll damit, jeden Tag las ich zuhause die „Schwäbische“, so rauschte das nicht alles an mir vorüber. Ich war dreizehn gewesen, als die Politik mich erreicht hatte.
Kaum waren wir aus der DDR zurück, fand in Biberach ein zweites Ereignis statt, das mein geschärftes Interesse auf sich zog: der Wahlkampfauftritt des Kanzlers Kiesinger, einer politischen Figur, die vordem Ministerpräsident von Baden-Württemberg gewesen war und, noch weiter zurückgesehen, als NSDAP-Mitglied einen Stuhl im Propagandaministerium des zur Hölle gefahrenen Dr. Goebbels besessen hatte. Einer jener in der Wolle gefärbten Nazis, die überall in Staat, Wirtschaft, Justiz, Presse saßen; seit 1945, ca., Demokraten. Die Außerparlamentarische Opposition, unter anderem deswegen notwendig geworden, weil die innerparlamentarische, damals von der SPD gebildet, nicht in der Lage war, ihre Aufgabe sinnvoll zu erfüllen, richtete sich 1968 ff. ja nicht nur gegen die Nazi-Väter und deren Verbrechen in Auschwitz und im Krieg, nicht nur gegen den „imperialistischen Krieg der USA in Vietnam“, sondern nicht weniger gegen die Verabschiedung der sogenannten Notstandsgesetze durch das mehrheitlich konservativ-reaktionäre Parlament
Am 22. April 1968 also leuchtete der oberschwäbische Himmel in frühjährlichem hellen Blau, aus dem ein freundliches Sonnenlicht schien, weiße Wölkchen zogen langsam über Biberach; und ich nahm, als ich die Wohnung verließ, den „Instamatic“-Fotoapparat (in der damals modischen Form eines kleinen Quaders), der in einem schwarzen Lederetui steckte, mit, denn ich versprach mir auf der Wahlkundgebung des Bundeskanzlers Dr. Kiesinger nicht nur beträchtlichen Auflauf, sondern auch etwas Aufruhr; ich hatte den Gedanken, die Ahnung, daß es vielleicht etwas zu fotografieren geben könnte. Von der Wielandstraße kommend betrat ich die schmale Königgasse, an deren vorderem Ausgang ich schon die Menschenmasse auf dem Marktplatz sehen konnte. Als ich dort ankam, in gespannter Erwartung, was geschehen würde, stellte ich mich zunächst, um einen Überblick zu gewinnen, an den Rand des Bürgersteigs, an die Ecke jenes Hauses, in dem ein paar Jahre danach die einzige Spielhalle (mit Flippergeräten etc.) der Stadt im Halbsouterrain eingerichtet sein sollte, in der ich – niemand weiß, was die Zukunft bringt – dann so manche Stunde an Flipper und Tischfußballgestell verbringen sollte. Vor mir, neben mir rumorte die angesammelte Bevölkerung mit dumpfem Murmeln, erstreckt sich links und rechts über fast den ganzen Marktplatz. Vor der Unteren Schranne, dem massigen, entlang der Schrannenstraße sich ziehenden mehrgeschossigen Fachwerkbau aus spätmittelalterlicher Zeit (befand sich an diesem Tag schon die Stadtbücherei in ihm?), war ein Rednerpult aufgestellt worden, und ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob der Bundeskanzler schon redete, als plötzlich inmitten der dicht stehenden Ansammlung ein Sprechchor anhub: „Wir sind eine kleine radikale Minderheit! ... Keine Notstandsgesetze!“ Ein politisch’ Lied, in den Ohren der allermeisten Anwesenden ein garstig‘ Lied wurde von der Gruppe der jungen Männer und Frauen, die jetzt auch Transparente und rote Kreuze empor hielten, nach der Melodie des „Maikäferliedes“, oder wie es offiziell im deutschen Liedgut genannt wird, angestimmt, nur waren seine Zeilen verändert worden: „Maikäfer flieg, in Vietnam da ist Krieg .../ ... Ein sanftes Ruhekissen/ ist unsre CDU.“ Unruhe entstand, das Volk schien nicht einverstanden zu sein. Meine Spannung wuchs, ich öffnete die Lederhülle um den Fotoapparat und machte das erste Foto, vom Dr. Kiesinger, der, durch die Menge vor mir getrennt, hinter dem Rednerpult zu schreien und zu gestikulieren begann, nachdem diese Aufnahme im Kasten war. In der Menge entstand nun heftige Bewegung, die sich um die Gruppe der Protestierer, die ich jetzt als die Biberacher APO zum ersten Mal auftreten sah, konzentrierte.
Sie skandierte tapfer ihr Mißfallen an der CDU und an den geplanten Notstandsgesetzen, die einen Verlust von Bürgerrechten im Falle des äußeren und inneren „Notstands“ vorsahen. (Die tatsächlich schon bestehenden politischen und gesellschaftlichen Notstände fielen allerdings nicht darunter.) Ein Handgemenge bahnte sich an. Ich drängelte mich zwischen den Leuten, die aus Treue zur CDU und aus Neugier auf den Marktplatz herbeigeströmt waren, hindurch, um näher an das sich schnell entwickelnde Geschehen vorzudringen, den Fotoapparat klickbereit in der Rechten. Etwas Geschubse und Geschiebe, dann gelang es mir, zwei, drei Aufnahmen zu schießen, eben als die Rauferei ihren Höhepunkt erreichte, die roten Kreuze schwankten, niedergerissen, zerbrochen wurden. Aus Zufall bannte ich auf’s Bild, wie Eckhart Leupolz, der mir völlig fremd war (in späterer Zeit kannte ich ihn nur als „Ekke“, hatte aber keinen Umgang mit ihm), sich in der Masse etwas duckte, mit einem schnellen Blick die Lage sondierte. „Warum keine Notstandsgesetze?!“, rief der Kanzler in höchster Erregung über die wogenden Köpfe. „Wenn ich dieses Geschrei höre, wenn ich dieses Geschrei höre, dann weiß ich, wie notwendig die Notstandsgesetze sind!“ So abrupt wie die handgreifliche Auseinandersetzung begonnen hatte endete sie auch schon wieder, hatte sich der schlägernde Teil der Masse etwas beruhigt. Geschmeidig schlängelte ich mich aus dem Sympathisantenumfeld der CDU zurück auf den Bürgersteig. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Redner, der noch immer aufgebracht seine Weisheiten von sich gab. Ich suchte mit den Blicken die Protestgruppe, von der ich aber nun nichts mehr sah und vernahm, ihre Transparenten und Kreuze waren in der Menge, aus der heraus „mal aufgeräumt“ worden war, untergegangen; oder wie war das? Ich kann mich jetzt nicht erinnern, nach dem Tumult, der für einige aus der APO-Gruppe durchaus schmerzhaft gewesen war (wie ich lange Zeit danach hörte), noch eine nennenswerte „Störung“, wie es dann im Polizeibericht vermutlich hieß, wahrgenommen zu haben. Ich habe aber deutlich vor Augen, wie ich diesen Ort noch während der vom CDU-Kanzler fortgesetzten Rede verließ, sein Gequatsche ging mir etwas auf die Nerven, mir so meine Gedanken machte, in denen für die APO Biberach eine kleine Sympathie aufkam, für den Mut, vor der Übermacht des Gegners nicht zurückgeschreckt zu sein, den Mund aufgemacht und die Stellung so gut es ging gehalten zu haben. Über den Gigelberg schlenderte ich nach Hause, machte von seiner Höhe aus noch zwei Fotos vom Stadtkern, der sich darunter zusammendrängte (als habe das Städtchen doch plötzlich etwas Angst vor diesen völlig ungewohnten Worten und Taten seiner Jugend bekommen), wo allerdings vom geplatzten Auftritt des Dr. K., der mitten in seiner oberschwäbischen, von den Zumutungen der Zeitläufte unangefochten geglaubten Parteilandschaft, in Anwesenheit von Presse und Fernsehen, in peinlicher Weise Kontra bekommen hatte, das in den folgenden Tagen landes-, gar bundesweit registriert wurde, sonst nichts zu sehen und zu hören war; die Idylle schien unberührt zu sein.
Die Fotos, die mir, eingekeilt zwischen wütenden Kiesinger-Fans, gelungen waren (und offensichtlich, wie die Jahre ergaben, die einzigen von diesem Handgemenge sind), schenkte ich viele Jahre später einem der beiden Protagonisten des Protests, dem Kunstmaler Martin Heilig, für sein Archiv. Vor einiger Zeit ließ ich, hier in Berlin, wieder Abzüge von den Negativen, die etwas sehr Positives, eigentlich, zeigen, machen. Einige Zeit nach diesem Apriltag im Jahr 1968 besuchte ich in der Aula des Wieland-Gymnasiums eine Veranstaltung der linken Szene, dort am Büchertisch erwarb ich das Kommunistische Manifest. Es war mein erster Blick in die marxistische Theorie.
- Wie war das Wetter heute? Grau und unauffällig; gar nicht so kalt.
29.1.2002

27
Jan

27.1.2002

Die erste Begegnung mit „utopischen Romanen“ hatte ich schon als Zehn-jähriger gehabt, 1961, als mein Halbbruder Hartmut D. mir den Roman „Gast im Weltraum“ von Stanislaw Lem schenkte, bevor er – die Mauer durch Berlin stand bereits – nach Potsdam zurückkehrte. Er hatte für einige Zeit in Biberach bei unserem Vater in dessen Haus gewohnt und bei „Kaltenbach & Voigt“ in Biberach und Leutkirch gearbeitet; gelegentlich hatte er Ärger mit unserem Erzeuger, denn er war lebenslustig und ein „Halbstarker“ und daran litt wohl, wenn auch nicht allzu häufig, die Arbeit in Biberach und Leutkirch. Nach einem Motorradunfall hatte er sich die halblangen Haare – das war vor der Beatles-Ära – silbern färben lassen, es wirkte fast wie weiß, man bedauerte ihn, denn für diese plötzliche Änderung der Haarfarbe gab es für die Leute, wie ich hörte, nur eine Erklärung: der Schock durch den Unfall ...
Diesen Roman von Lem und zwei andere, sowjetische, „Zukunftsromane“, die er vermutlich von einem Aufenthalt in der DDR, von einem Besuch bei seiner Mutter in Potsdam nach Biberach mitgenommen hatte, drückte er mir als Abschiedsgeschenk in die Hand und verschwand für lange Zeit hinter dem „Eisernen Vorhang“, bis dieser sich hob. Ich las ein Weniges, legte das Buch aber immer wieder zur Seite, erst 1964 schmökerte ich darin längere Passagen. Im Oktober 1975 drückte ich Stanislaw Lem, in meiner Eigenschaft als Redakteur der „Science Fiction Times“, die er las, vor einer Koje auf der Frankfurter Buchmesse die Hand. Eigenartigerweise verlor ich in den Wochen danach mein Interesse an der Science Fiction, was mir erst später auffiel, und diese Begegnung markierte, noch seltsamer, auch das Ende meiner linksradikalen Aktivitäten, denn zwei Wochen danach ließ ich Studium und politische Gruppen und SF hinter mir und kehrte nach Biberach in die Kleinstadtbohème zurück. Dennoch begann ein neuer Lebensabschnitt. Dieser Zusammenhang erscheint mir keineswegs zu konstruiert, denn das Lesen von „utopischen Romanen“, von „Zukunftsromanen“, von Science Fiction, führte am Ende der sechziger Jahre auf geradem Weg zu den Marx‘schen Schriften, zum Blochschen Utopismus (wenn zu dem auch erst Anfang der Siebziger) und zur DKP; war doch Horst P., der 1971 zur Agitation nach Biberach kam, ebenfalls Science-Fiction-Leser und -Autor und Mitglied der „Science Fiction Times“-Redaktion. (Übrigens ist er nun seit Jahrzehnten einer der bekanntesten deutschen Übersetzer und Schriftsteller dieser manchmal unterschätzten Literatursparte.)
- Um 10.30 Uhr schnelljagende, sehr dünne Faserwolken, das Blau der Atmosphäre nicht zu hell, nicht zu dunkel; in der Mittagsstunde legte sich eine graue Schicht unter das Blau, blaue Flecken in den Lücken des Grauen. Bis weit in den Vormittag hinein hatte es geregnet, dann den ganzen Tag und Abend nicht mehr.
27.1.2002

25
Jan

25.1.2002

Noch einmal zur Karl May-Lektüre und gleichzeitig in die DDR in der Mitte der sechziger Jahre, ins Karl May-Museum nach Radebeul bei Dresden, wo May in seinen späteren Jahren in einem Haus mit dem Namen „Villa Shatterhand“ gewohnt hatte.
An einem trüben Sommertag, es muß 1963 gewesen sein, und ich habe während einer langen Zeit angenommen: 1964, während der Ferien, die ich mit meiner Mutter zum größten Teil in Fischbach, jenem Dorf hinter Dresden, verbrachte, nahm ich an einer Besichtigung dieser Wohnstätte des Fabulierers teil, durch zwei oder drei Räume wurden wir geführt. Im etwas leiernden Tonfall solcher Damen erklärte die ältliche Kulturfrau, obwohl dieser schreibende Karl nicht zu den sozialistischen Klassikern gerechnet wurde und wird, und sein Werk und dessen Rezeption in jungen Jungenköpfen nur geduldet statt gefördert wurde, mit einiger Sachkenntnis und vorurteilslos Mays Wohn- und Lebensverhältnisse und ein paar Zusammenhänge mit seinen Romanen; freilich im Schnellverfahren, mehr wurde auch nicht erwartet. Bärentöter und Henrystutzen prangten an der Wand, auch ein indianischer Federschmuck, der kaum vom Stamme der Apatschen war. Ein schwerer Schreibtisch, Utensilien, vielleicht sogar original, aber so genau nahm ich es nicht. Allein die Tatsache, daß in diesen nicht sehr großen Räumen derjenige hin- und hergegangen war und einige der Bücher, deren Geschichten sich in meinem Kopf tummelten, geschrieben hatte, war beeindruckend genug. (Es war ein regnerischer Tag, und durch das dumpfe Tageslicht vor den Fenstern, das die Räume nur halb erhellte, wirkte das 19. Jahrhundert-Mobiliar noch altmodischer, noch verstaubter.) Andererseits war ich nicht naiv genug, um alles ehrfurchtsvoll anzustaunen; längst wußte ich: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi und alle anderen waren weder durch den Wilden Westen noch durchs wilde Kurdistan geritten. Ich besah mir alles, und so viel war es überhaupt nicht, mit einer Spur von Belustigung in den Gedanken. Trotz des Wissens um die wahren Umstände dieser Abenteuerproduktion fühlte ich Genugtuung, diesen Ort gesehen und in meinen Expertenkenntnissen zugelegt zu haben. Leider las keiner meiner (wenigen) Freunde Karl May, so konnte ich mich zuhause nicht, wie ich mir beim Hinausgehen bedauernd sagen mußte, mit diesem Besuch im Heim eines weitberühmten Schriftstellers hervortun. Überhaupt fanden die Freunde es unverständlich, die Ferien in einem Land zu verbringen, das „Ostzone“ genannt wurde; dort konnte es nichts geben, dort herrschten böse Leute, was konnte man dort Spannendes erleben? Ich erzählte so gut wie nie von diesen Reisen und wurde auch nicht gefragt. Die „Ostzone“ war für junge Oberschwaben auf nicht ganz erklärliche Weise weiter fort als irgend ein anderes Land – eines, das eigentlich nur im Fernsehen vorkam, und auch die Erwachsenen interessierte es nicht. In diesen jungen Wahrnehmungssystemen hatte ich einige Zeit außerhalb des Bekannten und Gewünschten verbracht, außerhalb jeglichen Interessengebietes sozusagen, und es war wohl doch ein wenig erstaunlich, daß ich am Ende der Ferien wieder ganz normal zurück in der Lindelestraße war.
- Angenehmer Sonnentag am Vormittag, aber kalt. Ab Mittag graue Wolkenschichten, dazwischen Sonnenlicht, der Wind kräftig, später nachlassend.
25.1.2002

22
Jan

22.1.2002

Eine dieser Erinnerungen halte ich für die bedeutsamste; bedeutsam deswegen, weil sie mir heute sagt, daß schon in jenem zarten Alter eine zwar noch unklare, aber doch deutlich empfundene Gefühlsregung sich bemerkbar machte: die Zuneigung zu Jungs und nicht die zu Mädchen, ist die, daß ich an einem jener Abende, in denen das "Wölflingsleben", wie es unter Jungen nun einmal vorkommt, in eine spielerische Rauferei überging, von einem um ein Jahr Jüngeren zu Boden gerungen wurde, unsportlich, wie ich war, wobei R. M auf mich in zwei oder drei Sekunden den Eindruck machte, als meine er diese scherzhafte Jungenrauferei plötzlich ernst, denn sein Gesichtsausdruck war der eines zufriedenen Siegers geworden, was freilich auch bei „Unernst“ vorkommt, aber das störte mich mit einem Mal unangenehm, denn ich mochte ihn ziemlich (was er nie erfuhr) und ich wollte, wie ich mir eingestand, während ich mich aufrappelte, von jemandem, für den ich solche Empfindungen hatte, nicht auf diese Weise übertrumpft werden. R besuchte, nachdem er in der gleichen Grundschulklasse wie ich gewesen war, das Wieland-Gymnasium, ich inzwischen die Mittelschule, und wegen der verschiedenen Schulen, aber auch, weil uns das Pfadfindertum allmählich langweilig und nicht mehr altersgerecht erschien, verlor man sich in den folgenden Jahren aus den Augen. R. aber war mit T.F., der am Wolfgangsberg neben dem Kindergarten, in dem wir alle – und von daher kannten wir uns schon – gehockt und uns mit Spielen die früheste Zeit vertrieben hatten, wohnte, befreundet, der auch zu meinen bevorzugten Altersgenossen zählte; die beiden waren enger befreundet als ich mit ihnen, und in dieser Konstellation der Freundschaftsverhältnisse war ich mit T. besser befreundet als mit R., was ich, als wir noch Umgang miteinander hatten, stets ein wenig bedauerte, denn ich fand ihn richtig nett; ich glaube, ich war ein bißchen verliebt in ihn, was ich allerdings empört von mir gewiesen hätte, wäre jemand – aber wer auch hätte das sein sollen? – mir damit gekommen. Aus oben erwähntem Grund. R. hatte die Angewohnheit, mich ein bißchen von oben herab zu behandeln, er nahm mich, wir waren zwölf und dreizehn Jahre alt, nicht ganz ernst, auch das gefiel mir nicht und trug dann bestimmt dazu bei, daß die Wege sich trennten. Mit T. war der Umgang unkomplizierter. Oft mimten wir bei ihm im Garten, bewaffnet mit Bambusstöcken, die er eines Tages irgendwo im elterlichen Haus gefunden hatte, degenfechtende Musketiere oder Ritter; manchmal saßen wir auch in einem Raum, den ich nun als zum Souterrain gehörig (befand sich daneben nicht die Garage?) einordne und spielten das japanische Go-Spiel. Ich verlor fast immer; wie auch in den Unterhaltungsbrettspielen. Vor allem bei "Monopoly", das Helmut K. und ich einige Jahre danach häufig spielten. Zur Kohle, zum Zaster, zur Penunze, zu „Stutz“, zu Geld fand ich nie eine einträgliche Einstellung... Aber die Freundschaft mit Tilmann versandete auch. Gut ein Dutzend Jahre danach, als ich im „Strauß“ saß, hörte ich von jemandem, R. sei in Köln ansässig und dort Buchhändler geworden.
6.12.2000)
- Bis in den Nachmittag dünnes Sonnenlicht. Deutlich mildere Luft. Abends manchmal Regen.
22.1.2002

21
Jan

21.1.2002

Die folgenden - früher entstandenen - Texte hat K.D.Diedrich ebenfalls dem 21.1.2002 zugeordnet. Einen weiteren früheren Text sortierte er zum Folgetag, der diese Klammer schließt.. - og
(Am 8. Januar 1953 lag ein Kind im Schnee und schrie. Ein Jahr, fünf Monate und einen Tag alt war das Kind. Dieses Kind war ich. An diesem Tag fiel der Schnee heftig über die Stadt Biberach, die in Oberschwaben an und um das Flüßchen Riß, ein breiterer Bach eigentlich nur, lag und liegt; die Flocken sanken um das Haus am unteren Ende der Lindelestraße, die zum höchsten Hügel im Norden der städtischen Topographie führt, in den winterlichen Garten, der das Haus umgab, und auf mich, das Kind, das an der Nordseite jenes Hauses schrie. Eine Frau, knapp über das dreißigste Jahr inzwischen gekommen, dünn, hackte Brennholz zu Holzscheiten klein. Am Tag zuvor war dieses Brennholz in groben Stücken vom Bürgerheim geliefert worden; nun wurde es, in Mühe und Erschöpfung, von meiner Mutter auf einem kniehohen alten Holzstumpen zerkleinert. In einem Haus auf der anderen Seite der Straße, gegenüber, stand in jenen Minuten eine andere, um einige Jahre jüngere Frau, eine Schwäbin, am Fenster, sah die holzhackende Frau im anderen Garten, hörte das Kind schreien, auf das die Flocken sich legten, dachte: Der Frau muß doch geholfen werden, sie müht sich ja ab mit ihrer letzten Kraft, und das Kind liegt im Schnee. Sie ging hinüber, sprach meine Mutter an: "Grüß Gott, ich wohn' da drüben und hab Ihnen zugesehen, wenn Sie wollen, können Sie zu mir rüberkommen." Sie nahm das Kind auf, während sie das sagte. So begann die Freundschaft zwischen der Niederschlesierin und der Oberschwäbin.
26.8.2000

Meine Mutter war als Erna Hoffmann in Hirschrode, einem Dorf in Niederschlesien, das zum Kreis Großwartenberg gehörte, geboren und aufgewachsen. Im Jahre 1939 hat es etwas über dreihundert Einwohner. In jener Zeit wurde auch der Name des Dorfes in „Klenowe“ geändert. Das Geburtsjahr meiner Mutter war das Jahr 1922, der Geburtstag der 21. Februar. Mir sagte sie, irgendwann in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, der Standesbeamte habe das Geburtsdatum falsch eingetragen, in Wahrheit sei sie am 22. Februar geboren worden; sie bedauerte manchmal, ihren ersten Tag auf dem Planeten nicht mit "22.2.22" angeben zu können; die Zahlenkombination hätte ihr gut gefallen und anderen eine gewisse Exklusivität signalisiert; auch sie war von kleinen Eitelkeiten nicht frei.
Mein Vater Friedrich Diedrich, zweiter Vorname Adolf, geboren am 31. Oktober 1909, stammte aus Göttingen. Sein Beruf als Werkzeugmacher, dann Werkmeister, führte ihn zunächst nach Potsdam, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Biberach. Kennen gelernt hatten sie sich – aber das sollte ich erstaunt erst im Sommer 2000, als ich schon eineinhalb Jahre in Berlin lebte und zum ersten Mal einige Papiere, die ich von meiner Mutter noch hatte, durchsah, feststellen – in Berlin; 1945, nach dem Krieg. Mein Erzeuger – das Wort "Vater" kam mir für Jahrzehnte nur zögerlich über die Lippen – hatte noch in erster Ehe gelebt; weshalb ich einen um zehn Jahre älteren Halbbruder, Hartmut, habe.
Meine Mutter und mein Vater waren, wie ich auch erst in Berlin, in diesem Sommer des Jahres 2000, von der Schwäbin, Frau H., erfahren habe, und meine Tante R. hat es mir einige Tage danach bestätigt, Cousine und Cousin..."Auch in den Königshäusern", so habe meine Mutter einmal, wie Frau H., noch immer amüsiert, mir gesagt hat, gemeint, "heiratet man so eng."
Mein Vater hatte zwei Brüder, die ich zuletzt bei seinem Begräbnis, das ich kühl gestimmt hinter mich brachte, Ende August 1977, sah. Überhaupt ist mir meine Verwandtschaft väterlicherseits bis zur Stunde rätselhaft geblieben. Ich erinnere mich aber deutlich an meinen Besuch in Göttingen als Vierzehnjähriger. In den väterlichen Genealogien kannte ich mich nie aus, nie bestand eine engere Beziehung zu ihnen; seit 23 Jahren ist sie ganz abgebrochen.
Meine Mutter und ihre beiden Schwestern R. und G. waren auf einem 40-Morgen-Hof im Dorf Hirschrode aufgewachsen, zu dem ein Ladengeschäft samt Gastwirtschaft gehört hatte. Mir war es immer kaum vorstellbar, daß meine Mutter in ihrer Kindheit und Jugend noch auf einem Bauernhof gelebt hatte, denn ich bin im Lauf des Lebens kein Landfreund geworden. Eine Wiese dieses Hofs habe, wie eine meiner Tanten, die beide in Radeberg in Sachsen leben, mir gesagt hat – so östliches Blut kreist also in meinen Adern, was mir erst jetzt richtig bewußt wird! – , an die polnische Grenze gereicht, ein Bach war die Grenze des Deutschen Reiches zu Polen hin; der Hof habe ja im damaligen "Warthegau" gelegen; der hatte in Hitlers Reich seine Sonderbedeutung: Aus dem deutschen Schlesien und Polen war dieser „Gau“ nach dem Überfall auf Polen, dem Kriegsbeginn, zusammengesetzt worden. Schon sehr bald fanden hier, im polnischen Teil, die ersten Nazi-Greuel statt. Dieser Hof wurde durch den deutschen Krieg verloren. Meine Großmutter, die in zweiter Ehe den Namen Gasa getragen hatte – dieser zweite Mann kam im Krieg um, der zweite Mann, den sie auf gewaltsame Weise verlor, kein Wunder, daß sie nervenkrank war –, meine Mutter und ihre Geschwister und der Knecht Josef flohen in einem von Pferden gezogenen, mit einer Plane überdachten Wagen vor den nachrückenden Soldaten der Roten Armee Richtung Westen. In Fischbach östlich von Dresden endete die Flucht, als einer der sowjetischen Soldaten ihnen das letzte Pferd ausspannte...
Bis 1964 wohnte meine Tante R. mit ihrer Familie auf einem ehemaligen Förstergut in dem Dorf Fischbach, vielleicht zwanzig Kilometer, es können auch mehr sein, von Dresden entfernt. Als Knabe brachte ich dort ein paar Sommerferien zu; wenigstens gute Teile davon. 1970 war ich für 23 Jahre zum letzten Besuch in Sachsen, in Radeberg, wo die Verwandtschaft inzwischen lebte. Der Zwinger zu Dresden, Dampferfahrten auf der Elbe ... Wanderungen durch das Elbsandsteingebirge der Sächsischen Schweiz, zur Festung Königstein... kleine Fahrten nach Stolpen, nach Meißen, zu anderen Orten…Auf dem Rücksitz des Motorrads von Onkel H., Tante R.s Mann, sauste ich in Bautzen an jenem schwarzgrauen Gemäuer vorbei, am Gefängnis, am berüchtigten Stasi-Knast, wie „Onkel“ H. mir sagte. Vom Sozialismus war meine Verwandtschaft enttäuscht. Zehn Jahre später, als wir in Biberach bei Falk B. Wolf Biermanns Platten hörten, baute sich diese Trutzburg von Gebäude vor mir auf, als der dissidentische Sänger tönte:
„Und schön’re Löcher gibt es auch, als das Loch von Bautzen!“
27.8./12.9.2000

Im Haus Lindelestraße 2 wohnten meine Mutter und ich bis zum Oktober 1975. Ich war 24 Jahre alt, als wir von dort in ein Neubaugebiet, "Hühnerfeld", am südwestlichen Stadtrand gelegen, umzogen, in eine Drei-Zimmer-Wohnung, die vom städtischen Liegenschaftsamt verwaltet wurde. Der Auszug aus diesem Haus, das nach dem Ersten Weltkrieg als Förstereihaus eines der ersten Gebäude gewesen war, die dort am Südhang des Lindele, jenem höchsten Hügel der Stadt, gebaut worden waren und das nach der Förstertochter später "Villa Erlenmayer" genannt worden war, fiel meiner Mutter sehr schwer; ich hingegen fühlte eher Erleichterung, der "alten Hütte" Lebewohl sagen zu können, denn allmählich hatten mich die größeren und kleineren Unzulänglichkeiten des Altbaus, an dem der ockerfarbene Verputz seit Jahren schon bröckelte und dessen Dach nicht nur an einer Stelle – eine davon befand sich über meinem Zimmer – undicht war, so daß schon einmal in den sechziger Jahren Regenwasser, damals im Wohnzimmer, seinen unregelmäßig geformten Kreis an die Zimmerdecke zeichnen konnte, zu stören begonnen. Der Umzug in eine Neubauwohnung mit Zentralheizung, von meiner Mutter immer wieder aufs neue beklagt, war aber nun nicht mehr zu verhindern. Der neue Besitzer – einigen Entscheidungsbefugten der Stadt Biberach, die die Immobilie vom alten Hauseigentümer geerbt hatte, war es günstig erschienen, sie dem damals neu bestallten Stadtbaudirektor K. zu verkaufen – hatte seit dem Sommer im Hochparterre und Keller des Hauses mit einiger Rücksichtslosigkeit gewerkelt. Zuweilen kroch die Wut in mir hoch, wenn der Lärm das erträgliche Maß längere Zeit überschritten hatte, doch obwohl ich, trotz meiner Erziehung zu Höflichkeit und Zurückhaltung, keinesfalls auf den Mund gefallen war, wenn der geneigte Leser versteht was ich meine..., und diesbezüglich auch während meines nicht freiwilligen Aufenthalts bei der Bundeswehr hinzugelernt hatte..., hielt mich der Gedanke an eine durch meine Intervention noch unerquicklichere Situation, unter der die kränkelnde Mutter zusätzlich gelitten hätte, vor einem Gang nach unten zurück.
Aber – am Umzugstag war ich dann nicht dabei, ein Drama für meine Mutter, und ich mußte meine Absicht tagelang verteidigen. Wegen eines Buchprojekts beim S. Fischer Verlag, das in schwierige Gewässer geraten war, hatte ich unbedingt zur Frankfurter Buchmesse zu fahren, die zeitgleich begann. Zwei Tage lang verstaute ich meine Dinge, überließ Uwe W., dem befreundeten Inhaber eines "Informationsbüros", das er im Erdgeschoß des Hauses Karpfengasse 24 in der Innenstadt betrieb, stapelweise gesammelte Ausgaben von "Spiegel", "Konkret", "Zeit" und "Frankfurter Rundschau", die wir aus meinem Zimmer zu seinem Auto trugen, mit dem er, Bernd H. und ich einen Tag später nach Frankfurt fuhren. Auf der Autobahn bei Kirchheim/Teck flog ein Stein, vom Reifen eines überholenden PKWs nach hinten geschleudert, in die Windschutzscheibe seines kleinen NSU-Gefährts; die zerbröselte, wir kamen mit dem Schrecken noch einmal davon. Es dauerte fast zwei Stunden, bis eine Werkstatt in Kirchheim eine neue Scheibe eingesetzt hatte und wir die Fahrt fortsetzen konnten. (In den achtziger und neunziger Jahren war W. Redakteur einer Reutlinger Zeitung, sogar in leitender Position, Mitte der neunziger Jahre starb er an Krebs.) – Als wir zurückkamen und Uwe mich zur neuen Wohnung chauffierte, spürte ich doch etwas Wehmut, wie ich mir eingestehen mußte, denn mir wurde die Zeitzäsur klar: Kindheit und die längste Zeit meiner Jugend lagen hinter mir.
28.8.2000

Ich schaue, am späten Abend, durch die Glasscheiben des Wohnzimmerschranks – dessen Anblick mir seit frühester Kindheit vertraut ist – und betrachte die Gegenstände, die dort auf dem obersten Glasregal stehen: eine alte großvolumige dunkelbraune Blechtasse; eine mit Silberrahmen eingefaßte Fotografie, auf der ich ein weißes Hemd, einen ärmellosen grauen Pullover, einen Schulranzen und in den Händen diese große Tüte, die man zur Einschulung bekommt, trage; einen früher sehr oft, inzwischen seit vielen Jahren nie mehr benutzten silbergrauen Meßbecher der Marke "Luchs", in dem innen rundum die Meßwerte für verschiedene Lebensmittel angegeben sind; die ebenfalls graue Blechmilchkanne, mit der ich am Ende der fünfziger Jahre die Milch vom Milchmann geholt hatte, der mit seinem Lieferwagen durch die Straßen gefahren war und ein bestimmtes Klingelzeichen hatte ertönen lassen; eine kleinere, hellgrüne, wobei das Hellgrün eher ein wenig bläßlich zu sein scheint, Blechtasse mit rotem Griff und ebensolchem Rand, auf der eine "ländliche Szene" mit einer Geiß, die einen Knaben umwirft (im Hintergrund ein Haus, das zwischen angedeutetem Buschwerk und Bäumen einen Bauernhof darstellen soll), aus der ich als kleiner Junge wohl getrunken habe (eine genaue Erinnerung daran scheint jetzt nicht auf), ein zweiter, hellgrau-metallen schimmernder 0,5l-Meß-becher mit einem Durchmesser von 7,5 cm.
5.9.2000

Die Dinge haben nicht aufgehört, uns die Vergangenheit zu erzählen. Ein Blick auf sie genügt, einen schmalen Spalt in der Zeitwand öffnen – denn häufig ist es nur ein Spalt, keine große Öffnung, die uns auch vielleicht schon zuviel zeigen würde ... – und in einen Lebenszustand (unabhängig von der Stelle in dieser Wand) sehen zu können, in dem wir uns einmal, mit anderen Gedanken, mit Glück oder Unglück, keineswegs so selbstverständlich bewegt hatten, wie wir das bisher gedacht oder wenigstens doch, von einem als lebensnützlich sich darstellenden Sinn geleitet, erhofft hatten. Natürlich könnte man einwenden, diese Gegenstände, die uns mit unserem früheren Selbst verbinden würden, seien einfach nur stumme Sachen und mit keinerlei eigener Ausstrahlung ausgestattet, die ein Öffnen der Zeitwand erlaubte, und nur unsere längst feststehende Absicht, uns erinnern zu wollen, verleihe ihnen nun im Ansehen nur eine gewisse Fähigkeit, den Einblick ins Frühere deutlicher und genauer ausgestalten zu können. Das gelte, dürfte zudem hinzugefügt werden, übrigens auch für alle Gegenstände, große, kleine, für Häuser, Straßen, Plätze, Berge, Seen und so fort, auf denen niemals zuvor, vor der dann irgendwann doch stattfindenden Gelegenheit, unser Auge ruhte oder, was unserer Zeit das angemessenere Wort wäre: über das dann ein flüchtiger Blick nur huschte. Denn auch diese uns bisher unbekannten Dinge und Gegebenheiten forderten ja, kaum daß wir ihrer ansichtig würden, den oftmals nahezu zwanghaften Drang, uns erinnern zu wollen, welcher Zeitepoche beispielsweise jenes Gebäude, jene Vase oder dieses Auto da zuzuordnen sei, heraus; freilich müßte im Hintergrund eines solchen Einordnenerinnerns Geschmack, zumindest ein Quantum Wissen still das seine dazutun, was nicht immer der Fall ist, und dann ergeben sich Unstimmigkeiten in dem herauf geholten Bild, von Peinlichkeiten zu schweigen. Aber wenn wir diesen Einwand gelten ließen und unsere Wahrnehmung nur danach ausrichteten, würden wir dann bald nicht nur statt einer Milchkanne nur deren Blech, statt eines uns wegen seines unberührten Alters oder seiner neuen Extravaganz auffallenden Gebäudes nur dessen Steine, Mauern, das Glas und statt eines elegant gefaßten Edelsteins nur dessen Kohlenstoffexistenz sehen? Eine Ahnung von einem schöneren menschlichen Dasein – und auf nichts sind wir mehr angewiesen – wispert uns zu, auch und gerade den in so unzähliger Vielgestalt vorkommenden Dingen eine mal kaum spürbare, ein anderes Mal sogar fast schockhafte Intensität ihres Vorhandenseins zuzugestehen; eine Aura; Magie.
6./7.9.2000

Hier stockte ich nun vor einem Monat schon, das Niederschreiben dieser Notizen und generell alles Schreiben war wieder fragwürdig bis zur Lächerlichkeit geworden, und der Grund dafür lag nicht nur in der Überlegung, die sich schon einer Gewißheit näherte – und sie nähert sich noch immer jener an –, ob es nicht völlig unnütz und wegen meiner fast schon sehr feststehenden Überzeugung, daß ich ein unbedeutendes und langweiliges, ja vertanes Leben geführt habe, nahezu albern sei, meine bisherige Lebenszeit durch punktuelle Introspektionen noch aufwerten zu wollen, ihr noch Wichtigkeit darüber zu pudern, einen Sinn herauszufischen, der alles erträglicher werden ließe, sondern eben auch in der, ob man mit solchen Auskünften über sich und solchen Ausführungen auch über die Umstände und Einfassungen, in denen das Leben seinen Raum und seine Zeit gehabt hat, und in denen bewegen sich nun einmal auch die anderen Menschen, mit denen man zu tun bekommen hat und die nicht immer erfreut sind, wenn ihr Anteil an der Innen- und Außenwelt des Reflektierenden öffentlich wird, überhaupt irgendjemanden zu interessieren vermag.
Ich schreibe dennoch, wenn auch mit einer Selbstüberwindung. Aus der sich vielleicht eine Legitimation für das Vorhaben ableiten läßt, denn diese zaghafte Überwindung der Zweifel und der Unlust, vor allem sich selbst Auskunft zu erteilen, sich in den Tiefen der abgelebten Jahre wieder zu begegnen, Launen, Ängsten, Hoffnungen, Illusionen, Versäumnissen, lachhaften Augenblicken, allen diesen Vergeblichkeiten, denen man dann auch, letztlich, so wenig hinterher trauert, so könnte man denken, daß man eines Tages, eines Jahrs sich kaum noch sicher ist, sie als solche einmal empfunden zu haben, aber auch gelungenen Zuständen – die es doch auch gab! – eine Beschreibung oder Schilderung zukommen zu lassen, spräche durchaus davon, doch einen Sinn, und sei er noch so verkümmert, darin zu finden? Die Selbstüberwindung, die sich hier in unregelmäßig wiederkehrenden anstrengenden Übungen in Sätzen zeigen wird, die Geschehenes und das, was nicht geschah, nur gewünscht oder gedacht war, speichern sollen; aus dem Neuronenarchiv geholt als kommunikative Zeichen; Pixel, die auf diesem Interface erscheinen, aufscheinen.
"Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, daß sich nun nicht mehr viel ändern kann. Es ließe sich sogar behaupten, daß sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, daß alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können; die Ereignisse sind ja zum wenigsten von ihnen selbst ausgegangen, meistens hingen sie von allerhand Umständen ab, von der Laune, dem Leben, dem Tod ganz anderer Menschen, und sind gleichsam bloß im gegebenen Zeitpunkt auf sie zugeeilt." (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, S. 130/131, Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg, 59.- 62. Tausend Dezember 1969, Dünndruckausgabe)
7./8.10.2000

Die Kindheit liegt als langer dunkler Traum zurück, aus dem sich wenige Bildersequenzen zeigen. Leider ist die erste davon vage und unscharf, und das ist wohl aus dem Schrecken, den jenes Erlebnis mir verursachte, zu erklären; jene, als ich vielleicht fünf Jahre alt war, als meine Eltern sich eines Abends stritten. Ich hatte wohl etwas Lautes gehört, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte und tappte dann in den Wohnungsflur hinaus. (Alle die Jahre, die ich in jenem Haus lebte, bewohnten wir – meine Mutter, mein Erzeuger, der aber ein separates Zimmer hatte, das größte der Wohnung, das in meinem Kinderbewußtsein als wie außerhalb der Wohnung liegend einen besonderen Ort einnahm, ab Mitte der fünfziger Jahre auch meine Großmutter, ich – immer den ersten Stock des Hauses, der von außen wie das zweite Stockwerk wirkte, weil die untere Wohnung so sehr Hochparterrre war, daß man denken konnte, sie läge im ersten Stock.) Im Flur schrie mein Erzeuger lautstark auf meine verschüchterte, von all den Enttäuschungen mitgenommene Mutter ein, riß dann mit einem Ruck die Hutablage der Garderobenvorrichtung von der Wand und schleuderte sie von sich, wüste Worte ausstoßend. Das Vorhaben, sich scheiden zu lassen, das mein Erzeuger inzwischen betrieb, und dessen Verlauf sich für ihn ungünstig entwickelt hatte, war vermutlich der Grund für den nächtlichen Wutausbruch gewesen. (Er verlor später den Prozeß.) Ich stand im Flur und sagte ernsthaft zu diesem Mann, der meine Mutter auf solche Weise, und nicht zum ersten Mal, beschimpfte: "Du darfst meine Mama nicht töten."
Ich erinnere mich genau, wie ich dann, jahrelang, manchmal zur Stunde, in der sich jener Vorfall ereignet hatte (das erfuhr ich freilich erst als Erwachsener von Frau H.), in somnambulem Zustand aufstand und wie aus der Welt gerückt im Schlafzimmer, in dem auch meine Mutter und Großmutter nächtigten, aber auch in anderen Teilen der Wohnung herumirrte. Zwar hatte ich in solchen Zuständen, in denen ich zu schweben schien, als hätte ich keinen Boden unter den Füßen, oder in denen ich sofort, im nächsten Augenblick, in unergründliche Tiefen stürzen würde, was mir heftige Angst einflößte, die besorgten Stimmen meiner Angehörigen durchaus gehört und ich sagte wohl auch etwas zu ihnen, aber eine Verbindung zwischen ihnen und mir und in ungekehrter Richtung ließ sich nicht richtig herstellen. Frau H., jene Schwäbin, die, trotz einer Freundschaftskrise, die meine Mutter in den späten sechziger Jahren hatte heraufziehen lassen, dennoch ihre treue Freundin geblieben war – und wie oft hatte ich als Kind, aber manchmal noch als Jugendlicher von dreizehn oder vierzehn Jahren, an ihrem Mittagstisch in der "Eßdiele" gesessen, mit ihren Kindern, den Töchtern E. und F., dem Sohn H., die mir gleichaltrig waren! –, sagte mir in den Neunzigern, meine Mutter habe es abgelehnt, mich von einem Psychologen behandeln zu lassen; aus Gründen, die man, bedenkt man die Stigmatisierung seelisch-psychischer Auffälligkeiten, gut nachvollziehen kann und wofür ich ihr im Nachhinein wahrscheinlich dankbar sein kann.
Vom Leben meiner Großmutter weiß ich fast nichts. Sie und ihr Mann – der erste oder der zweite? – besaßen einen Hof in Niederschlesien und einen Kolonialwarenladen. Ihr erster Mann, Hoffmann, habe sich in jüngeren Jahren oft in Italien aufgehalten, wie mir erst kürzlich eine meiner Tanten Auskunft gegeben hat. (Ihr Vater und der meiner zweiten Tante G. war der zweite Mann meiner Großmutter gewesen, auch das habe ich erst in Berlin erfahren. Ich wußte nie, daß meine Tanten Stiefschwestern meiner Mutter waren. Wie wenig man als Kind gesagt bekommt.) Ich habe eine Fotografie (eine von sehr vielen aus einer Vergangenheit, die stumm für mich bleibt, weil ich weder die Personen, die auf ihnen sich präsentieren, noch irgendwelche Geschichten dazu kenne), die ihn in einem gutgeschnittenen Anzug, mit breitkrempigem Strohhut und einem eleganten Stöckchen in einer Hand zeigt. Kaufmann sei er gewesen und er sei auch herumgekommen, in Italien soll er gewesen sein, wie Frau H. mir einmal gesagt hat, er habe sich – ich weiß nicht wann, warum, nie hätte meine Mutter davon zu mir gesprochen – das Leben genommen. Meine Großmutter war mittel-groß, in ihren letzten Jahren füllig, mit einem runden Gesicht und langen schwarzen Haaren (mischte sich nicht auch etwas Grau hinein?), die sie oft zusammengerollt und -gesteckt trug. Ich kann mich nur an wenige Szenen mit ihr erinnern. Eine davon ist die, in der sie mir (im kleinen Zimmer, das erst Jahre später mein Zimmer werden sollte) beim Schreiben der ersten Buchstaben und Wörter half. Ich sehe mich am großen Tisch sitzen und in linierte Din-a-4-Hefte As, Bs, Fs, Rs, eben alle Buchstaben hineinschreiben; ab und zu mißglückte einer, der durchgestrichen wurde, daneben setzte ich das selbe Zeichen in einem neuen Versuch. Mit sanften Worten begleitete die Großmutter diese ersten Ausgestaltungen der Schriftsprache. Bestimmt hatte ich mir die Buchstaben laut vorgesagt, während ich sie malte.
Eine andere Begebenheit, eine, die mir aufgrund wieder eines Schreckens im Gedächtnis blieb, war ihr Ohnmachtsanfall am oberen Ende einer Treppe in einer düsteren Gastwirtschaft – lag sie in der Ehinger-Tor-Straße? –, die wir eben hinaufgestiegen waren, um eine Veranstaltung des "Bundes der Vertriebenen", in dem meine Mutter Mitglied war und einige Jahre danach auch das Ehrenamt der Kreiskassiererin innehatte, zu besuchen. Entsetzt hatte meine Mutter aufgeschrieen, andere Leute, die sich auf dem Flur befanden, gingen aufgeregt hin und her, bückten sich zu meiner Großmutter hinunter, und wegen der allgemeinen Bestürzung und auch weil Mama in Tränen aufgelöst war, vergoß auch ich, weil das Wort "sterben" von irgendwo, halb geflüstert, halb erstickt, an meine Ohren gelangt war, Tränen. Jemand nahm mich zur Seite, während meine Oma, die ich ja gern hatte, aufgerichtet wurde und sich wieder, erwacht aus der Bewußtlosigkeit, besser fühlte. Mich aber hatte eine schlimme Vorahnung gestreift: die Ahnung, daß meine Großmutter sterben könnte, ja sterben würde, und vielleicht würde es gar nicht mehr so lange dauern, bis diese Ungeheuerlichkeit wahr werden würde. Auch merkte ich meiner Mutter an, daß sie ebenfalls von diesem Gedanken plötzlich erfaßt worden war, und dies verstärkte meine minutenlange Verstörung. Ich hatte mich aber bald wieder, wie alle Beteiligten, gefangen; und wie jener Abend dann noch verlief, kann ich nicht sagen, die folgenden Umstände liegen hinter einem Vorhang des Vergessens.
15.10.2000

Wegen Erlebnissen, die ich weder damals kannte noch heute kenne, auch nie mehr erfahren werde, hatte die Großmutter in manchen Nächten einen schlechten Schlaf. Dann, von Albträumen gequält, schrie sie oft auf oder stöhnte laut. Mein Bett stand an der Ostwand des Schlafzimmers, in der ein kleines Fenster über mir Licht hereinließ, und Dunkelheit, wenn auch ein dünner Vorhang vor ihm hing, nur durch den kleinen schmalen Gang, der eben nur die Länge der Betten hatte, getrennt, daneben, und ich schrak in solchen Nächten dann auf und hörte, herzklopfend, wie meine Mutter, die im anderen Bett des Doppelbettes (das freilich für andere Verhältnissse gedacht gewesen war) lag, meine Großmutter, ihre Mutter, zu beruhigen versuchte; sie am Arm oder an der Schulter rüttelte, auf daß die Großmutter aus ihrem schlechten Traum erwache und danach ruhig weiterschlafen könne. Übrigens setzte sich, in den Jahren, als meine Großmutter schon tot war, dieses nächtliche Albtraumverhalten auch bei meiner Mutter fort, und es war dann an mir, denn noch immer schlief ich in diesem Schlafzimmer, nur daß nun das Bett zwischen dem meiner Mutter und dem meinen leer war, meine Mutter mit lauten Rufen aufzuwecken und in die Wirklichkeit zurückzubringen. Aber mancher Traum ist so stark und realistisch, daß der Träumende gut annehmen kann, der Traum sei das wirkliche Geschehen, denn auch im Traum ist man sich seines Körpers und seiner Gedanken durchaus vollkommen bewußt, ja, sie gehorchen dem Willen, über den man als Träumender, der sich nicht als solcher wahrnimmt, verfügt, oft auf seltsame Weise viel besser und effektiver als in der "Wirklichkeit".
Meine Großmutter starb am 25. Dezember 1961 an einer verschleppten Lungenentzündung. Ich war zehn Jahre alt. Es war ein trüber Heiliger Abend gewesen, in einer Atmosphäre von Hoffen und Bangen. Am späteren Vormittag des 25. Dezembers wurde der Krankheitsverlauf dramatisch; die Dres. D..., die in der Waldseer Straße ihre Praxis hatten, eilten in die Wohnung; eine verhaltene Hektik entstand, die Doktoren verschwanden im Schlafzimmer, die Tür zum großen Zimmer – das inzwischen wir bewohnten, denn mein Erzeuger hatte sich Ende der fünfziger Jahre in einem anderen Stadtteil ein Haus gebaut, in dem er mit seiner „Tusnelda“, wie meine Mutter sie nannte, lebte – schloß sich hinter ihnen.
K., der achtzehn- oder neunzehnjährige Sohn einer Bekannten meiner Mutter, Frau P., die unweit in einer anderen Straße wohnte, war erschienen, um mich in deren Haus mitzunehmen, um mich von der ernsten Situation abzulenken. Wir spielten Brettspiele, sofern das Erinnerungsvermögen mich jetzt nicht trügt, meine Gedanken schweiften freilich hinüber in "unser" Haus, in dem meine Oma mit dem Tod rang, und es mag sein, daß ich hin und wieder etwas abwesend wirkte. Am späteren Nachmittag ging ich nach Hause. Es war wohl angerufen worden; die R.s, die seit einigen Jahren mit im Haus wohnten, hatten ein Telefon, wir nicht..
Beim Eintreten in die Wohnung wußte ich sofort, daß das Schreckliche geschehen war. Aber ich war wie abwesend. Meine Mutter weinte. Sie und eine andere Person (Frau H.?) führten mich in das Schlafzimmer, in dem die tote Großmutter lag. Die Ärzte waren gegangen. Ich war sehr traurig.
Die Tote wurde für eine knappe Woche im vormaligen Wohnzimmer aufgebahrt. Der Pfarrer kam, Gebete wurden gesprochen. Meine Mutter weinte oft, dann wurde sie von der gebremsten Geschäftigkeit der Trauerwoche beansprucht. Buchsbäumchen verströmten am offenen Sarg ihren Geruch der Sterblichkeit, Blumen und Gebinde häuften sich auf den Stühlen. Kondolierende kamen, gingen, Türen öffneten, schlossen sich, aus ernsten Gesichtern wurden halblaute Worte gemurmelt. Meine Mutter trug schwarz. Abends wurde die Tür dann geschlossen. Sie hatte eine geriffelte Milchglasscheibe in ihrem oberen Teil, und so sah ich jedes Mal, wenn ich auf dem Weg durch den Flur zur Küche ging (wenn mein scheuer Blick sich zu jener Tür wandte), das todesbleiche, undeutlich umrissene Gesicht der Großmutter hinter dieser Scheibe.
Noch Jahre danach zeichnete mir die Erinnerung diesen spukhaften Fleck in diese Scheibe, wenn ich an der Tür vorüberging oder sie öffnete. Das Zimmer, in dem es noch nach der Bestattung nach Tod gerochen hatte, wurde dann für Jahre nur als Abstellraum und Rumpelkammer benutzt; ich hatte mich geweigert, diesen Raum zu meinem Kinder- und Jugendzimmer zu machen. Erst in einem Alter, wo andere junge Männer schon lange ihre eigene "Bude" hatten, zog ich schließlich, nach Renovierungsarbeiten, die ich zum Teil selber erledigte, ein. In so manchen Nächten, als ich im Bett, das nun längs der Nordwand des Hauses aufgestellt war, lag, sah ich neben mir, ein sekundenlanger Schemen, der das Gedächtnis verließ, diesen Sarg stehen.
16.10.2000

Ich war ein ruhiges und ernstes Kind. Was mich nicht daran hinderte, mit Spielgefährten – denen aus der Schule und aus der Nachbarschaft – übliche Kinderspiele zu spielen. Gar so viele kann ich mir aber nicht mehr vor die Augen bringen; jedenfalls nicht aus der Zeit etwa vor dem zehnten, elften Lebensjahr. Wie hießen die Spiele, und wo fanden sie statt? Ich trieb mich, gemeinsam mit anderen oder allein, in der Garten- und Probststraße herum, auch auf dem Lindele. Oft zog ich in den Wintern den gedrungenen Schlitten die Lindelestraße hinauf, an Nachmittagen und bis in die Abende hinein, um von ganz oben bäuchlings die Straße hinunterzuflitzen, über die Schneeschanzen jagend, die Helmut K. und ich zuvor in die Strecke „eingebaut“ hatten; das sind einige der lebendigsten Erinnerungen an jene Jahre. Auch in dem lang gestreckten Wäldchen, das sich am Hang entlang der Gaisentalstraße bis zum Grünen Weg fast zieht, schlichen wir herum, oft schon nach Schulschluß. (Ich wurde in der Pflugschule, eine der Hauptschulen, unterrichtet, bis ich zur Realschule überwechselte, die im ehemaligen Wieland-Gymnasium an der Ecke Wieland- und Gymnasiumstraße untergebracht war, heute "Ochsenhauser Hof", und der hintere Teil des Gebäudes wurde in den siebziger Jahren abgerissen.) Fantasierten uns in eine Jungenwelt der Abenteuer hinein. Manchmal auch fuhr ich, häufig mit meinem Kinder- und Jugendfreund Helmut, dessen Eltern zuerst in der Gartenstraße (in den Fünfzigern), später in der Probststraße ein Lebensmittelgeschäft hatten, mit dem Fahrrad über die dort von Unkraut, Gebüsch und Zweigen an manchen Stellen fast überwucherten schmalen Trampelpfade, die irgendwer in irgendwelchen Jahren zuvor ausgetreten hatte; man fuhr da hin und her und wußte gar nicht so genau, warum. Manches Vergnügen läßt sich nicht erklären; man fühlt nur eine Stimmung, ein unbestimmtes Gefühl in sich, das einen auf sanfte Weise anreizt und in Bewegung setzt; auch in geistigen Dingen ist es oft so.
Während eines Sommers (oder waren es mehrere?), als die sechziger Jahre begannen, waren auch die Gärten der Familien K. und R., deren Häuser an der Gartenstraße liegen, damals jedenfalls lagen, unsere Spielplätze. Wilde Cowboys waren wir und und schossen mit Spielzeugpistolen um Häuser- und Heckenecken.
Noch als Grundschüler war ich bei den Pfadfindern Mitglied geworden und bekam eines Tages, in den Räumen an der Rückseite des evangelischen Ge-meindehauses an der Waldseer Straße, die im Souterrain liegen und die sich mit "Bärenfalle" und anderen phantasievollen Bezeichnungen aus Kiplings "Dschungelbuch", das an den wöchentlichen Abenden eifrig (vor)gelesen wurde, schmückten, ein blaues Hemd, ein ebensolches Halstuch und – einen Dolch ausgehändigt.
25.10.2000

Wenn ich mich nicht täusche und ich wüßte heute niemanden, den ich fragen könnte, so wurde ich im letzten Jahr meiner Grundschulzeit Anfang der Sechziger zu so einem "Wölfling". In jenem Jahr fand der Unterricht in einem Kellerklassenzimmer, so muß man diesen Ort wohl bezeichnen, der Pflugschule in der Wielandstraße, die damals "meine" Grundschule war, statt; durch einen langen Gang erreichten Schüler wie Lehrer eine kleine Treppe mit nur drei oder vier Stufen, hinter der das Klassenzimmer lag. (Eine meiner frühesten Erinnerungen an die ersten Schuljahre ist die, daß ich auf die Frage des damaligen Lehrers, Herr B., einem in jenen Tagen zur Korpulenz neigenden Mann zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahr, was ich – er fragte reihum – in den letzten Tagen gelesen hätte, antwortete, meine Lektüre sei das dicke Lexikon, das meine Mutter gekauft hatte, gewesen; ich hatte Wörter konsumiert. Der Lehrer schmunzelte, als er das hörte und ließ auch eine lobende Bemerkung fallen, während ich – dieses Klassenzimmer befand sich in einem der oberen Stockwerke des hohen Gebäudes – durchs Fenster auf die Häuser und den Hang, der sich gegenüber der Pflugschule Richtung Birkenharder Straße zieht, sah. Das war gewesen, bevor der Unterricht im Keller war; war er bei Frau K. aber gar nicht.)
Wie lange gefiel mir mein christliches Pfadfinderleben? Im 14. Lebensjahr wohl verlor ich dann das Interesse. Die Vorleseabende in der "Bärenfalle" oder einem der anderen mit reichlich zerschlissenem Mobiliar ausgestatteten Räume, in denen wir von Mowgli und Balu, dem Tiger Shir Kahn, der Schlange Kah, dem Affenkönig King Louis hörten, wechselten sich mit den Abenteuern in freier Wildbahn ab, aber fanden nicht auch sie vor allem im Kopf statt?
Einmal waren wir auf "Schnitzeljagd", aber was da gejagt und gesucht und vermutlich auch gefunden wurde, ist mir entschwunden, am Nachmittag und frühen Abend eines Martinimarkt-Novembertages und ich sehe uns wieder durch die grauen Gassen der Innenstadt, an einem typisch grauen Herbsttag, schleichen und hetzen, mit einer Phantasiewelt im Kopf, wie man sie so intensiv und wichtig nur in solchen Jungenjahren erleben kann. Auch in den späteren Jahren entwickeln wir hin und wieder blühende Szenarien, nicht zuletzt deshalb, weil wir uns immer eine Fluchtmöglichkeit aus dem für unzureichend empfundenen Stand der Dinge offen halten wollen, aus denen wir – manchmal gar nicht so ungern, denn unsere Träumereien verlangten von uns ja, würden wir sie tatsächlich zu einer künftigen Wirklichkeit werden lassen, ein gehöriges Stück Zusatzarbeit und auch das Zurücklassen von vielem, was unser bisheriges Leben war und ist, was die allermeisten, der sich in diesen Phantasmen Ergehenden aufgrund des unerbittlich agierenden Alltags dann doch nur noch als eine weitere Zumutung ansehen und vermeiden, – in unsere vorhandene Erfahrungswelt der altvertrauten Straßen, Gassen und Seelenzustände mit dem bedauernd-gelassenen Gefühl eines wenigstens halbwegs auf seine Kosten gekommenen Ausflüglers zurück gleiten.
23.11.2000

Die zweite dieser bleibenden Erinnerungen führt in einen Abend zurück, in dem die „Wölflinge“ eine so genannte Nachtwanderung als „Mutprobe“ zu bestehen hatten. Wo sie begann, liegt in der Dämmerung des Vergessens, aber es war schon dunkel, als wir, weit hinten im Wolfental, in diesen Wald hineingingen, der sich dort, von der Stadt aus betrachtet rechts des Bächleins, das dort durchs Tal rinnt, entlang zieht, bis er gegenüber des Kreiskrankenhauses endet. Ein Weg schlängelt sich durch dieses Gehölz, auf dem wir, ausgerüstet mit Taschenlampen, voranschritten, in Erwartung der mit vagen Andeutungen, die uns in Spannung versetzen sollten, angekündigten unvorhergesehenen Vorfälle, die uns aber schon vor Beginn dieses nächtlichen Spaziergangs einige Bemerkungen entlockt hatten, aus denen wir uns gegenseitig vergewisserten, daß diese Mutprobe doch uns nicht angemessen sei und etwas lächerlich war; gleichwohl waren wir tatsächlich gespannt, welchen Humbug sich die zwei, drei Älteren, die Gruppenleiter, einfallen lassen würden.
Die Strahlen der Taschenlampen beleuchteten den stockdunklen Pfad. Hin und wieder erschallten von irgendwo aus dem Wäldchen dumpfe Laute, die uns wohl erschrecken sollten, und zweimal „geisterte“ jemand neben uns; für uns, die wir rasch die Taschenlampen auf dieses „Gespenst“ oder diesen „Waldmenschen“ richteten, aber, dank der raschen Geschicklichkeit dessen, der dort herumgespensterte, unsichtbar. Gegen Ende des Weges, als wir schon durch die Äste und Zweige ferne Lichter der Häuser und Laternen blitzen sahen, hing einer dieser „Angsteinflößer“ plötzlich über uns in den Ästen, mit, wenn ich das jetzt auch nicht mit genauer Sicherheit sagen kann, zwei oder drei Wassereimern, die neben ihm in das Geäst hineingehängt worden waren und mit deren Inhalt wir zu guter Letzt noch hätten überschüttet werden sollen, aber da wir diesen „Waldgeist“ mit Hilfe unserer Taschenlampen rechtzeitig entdeckt hatten, wurde daraus nichts.
Johlend und spottend forderten wir den dort oben Turnenden auf, herunterzusteigen, und lachend zogen wir alle hinaus aus diesem nicht allzu viel Angst einflößenden Abenteuer.
2.12.2000
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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Als Biberacher, der K.D. kannte und als bekennender...
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