5
Feb

5.2.2002

Zu jener Zeit, in der diese Geschichte entstand, warf ich gern, sofern ich seiner ansichtig wurde, einen Blick, allerdings einen verstohlenen, auf einen vielleicht um ein Jahr jüngeren Schüler, der in einer Klasse unter meiner, also in einer der Fünfer-Klassen, sein und also fünfzehn oder vielleicht auch vierzehn Jahre alt sein mußte. Die Schülerzahl der Realschule war so beträchtlich geworden, daß man schon längst nicht mehr auch nur eine gewisse Anzahl von Schülern außerhalb der eigenen Klasse kannte; nicht einmal die der Parallelklassen, wenngleich die eine oder der andere doch nicht ganz unbekannte Gesichter hatten. Dieser Junge, auf den meine heimlichen Blicke fielen, war mittelgroß und trug sehr lange dunkle Haare, die bis über die Schultern fielen; in jener Zeit in anderen Gegenden kein ganz ungewöhnlicher Kopfschmuck mehr, aber für Biberacher Realschulverhältnisse noch ziemlich nichtalltäglich. Ich hockte noch mit meinem üblichen Fassonschnitt auf dem Schulstuhl, was mir auch gar nicht so wichtig war. Diesen hübschen Langhaarigen streifte mein scheinbar gelangweilter Blick, wenn er in einer anderen Ecke des Schulhofes, der von der Wielandstraße begrenzt wurde, stand und sich mit Mitschülern unterhielt, oder wenn die große Pause mit dem Zurückschlendern zu den Unterrichtsräumen endete, wobei ich darauf achtete, daß der aus der eigenen Klasse, mit dem ich redend durch die Gänge ging, nichts von meiner tatsächlichen Aufmerksamkeit für jenen, der immer wieder zwischen den Schülerpulks unsichtbar wurde, mitbekam. Nie sprach ich den Langhaarigen an. Ich wagte es nicht, eine als unverfänglich glaubhafte Situation herzustellen, die es mir – und ihm – erlaubt hätte, ein paar Worte zu wechseln, und bei einer solch delikaten Angelegenheit war, und so ist es noch immer, nicht nur die beobachtende und mißtrauische Umgebung zu berücksichtigen, sondern eben auch eine eventuell ungnädige Reaktion des Objekts der Begierde. Dieser gutaussehende langhaarige Junge war der erste, bei dessen Erscheinen ich mir sagte, und zwar ohne jede Selbstvorwürfe oder auch nur eine Spur von Erstaunen über mich selbst, daß er mir gefiel. Aber diese Bewunderung aus der Ferne kündete auch schon ein Verhalten späterer Jahre an, das die Ausmaße eines echten Leidens annahm.
- Heute wieder bedeckter Himmel, zur rushhour fielen die ersten Regentropfen.
5.2.2002

4
Feb

4.2.2002

Meinen ersten literarischen Text, also Prosa, den ich selber als solchen betrachtete, schrieb ich entweder in der zweiten Jahreshälfte von 1967 oder in der ersten von 1968. Schon wieder diese ungenaue Zeitangabe! Aber Tagebuch führte ich damals noch nicht. Übrigens in allen Jahren danach, nachdem die Siebziger begonnen hatten, auch nur dann und wann. Aber jene Tagebuchaufzeichnungen waren noch kurz, Kürzel eigentlich; es steht fest, denn vor einigen Jahren, in Biberach, sah ich sie mir, denn es waren gar nicht so viele, einmal an: manches, was dort festgehalten ist, verbirgt sein Geschehen wohl für immer selbst vor mir, die Notizen bringen die Szenen nicht mehr ins Gedächtnis zurück; zumindest nicht so, daß mir noch erkennbar wäre, was denn sich zutrug, die Zusammenhänge und Hintergründe sind oft zu stenogrammartig, und mit so manchen Initialen, Abkürzungen schon dort und damals, auf daß ja niemand mich der Indiskretion beschuldigen könne, eines fernen Tages, wenn ... , sofern ... , an den ich aber doch dachte, kann ich selber nichts mehr anfangen, diese Leute, Bekannten, Freunde von früher werden einzelne Buchstaben bleiben, hinter denen ein Punkt gesetzt ist. Mit den meisten habe ich sowieso seit langem nichts mehr zu tun – nehme ich doch an, denn wie gesagt, ich habe Schwierigkeiten, den Initialen Personen zuzuordnen. Womöglich wäre es eines Tages dem einen oder anderen (andere waren auch dabei) dann gar nicht so unlieb, doch zu erkennen zu sein? Aber, um hier keine falschen Hoffnungen bei jenen zu wecken, die nicht dabei gewesen sein konnten: es sind nur Kneipenreflexionen und -beobachtungen, nichts von wirklicher Brisanz in gewisser Hinsicht und Bedeutung ist darunter, jedenfalls fast nicht; dachte ich damals.
Also die erste Geschichte, die ich im stillen für gelungen hielt, als sie fertig war, war ein Aufsatz – nein, so kann man das ja nicht sagen, obwohl das „Thema“ für andere in der Klasse vielleicht ein Aufsatzthema war. Das Thema ist mir entfallen, das gestellte. Ich schrieb eine Geschichte, in der jemand ein Restaurant betritt, sich umsieht, setzt und eine Fliege beobachtet, die sich mit einer Tasse anfreundet. Die Geschichte ging noch weiter, aber wie? (Alle Hefte aus den Realschuljahren sind mir abhanden gekommen.) Ich hatte beim Schreiben ein paar Sätze aus einem Science Fiction-Roman im Kopf, einen bestimmten Stil, den ich zu treffen versuchte. Es gelang mir recht gut. Ein paar Tage später, die Hefte waren noch nicht zurückgekommen, sagte mir der Realschuldirektor A., ein großer, schlanker, nervöser Mann, den wir als Klassenlehrer hatten und der bei jeder Gelegenheit „gemma, Kinder, gemma, gemma“, sagte, was uns sagte, daß auch er nicht im Schwabenland gebürtig war, während er vorn an seinem Lehrertisch Papiere sortierte und ich gerade vorbeiging und er mich anhielt, murmelnd, meine Geschichte sei sehr gut, und ein wohlwollender Blick kam zu mir herüber. Offensichtlich hatte der Deutschlehrer – viele Jahre konnte ich mich an seinen Namen erinnern, und gerade jetzt nicht – ihm den Text gezeigt. Das Lob freute mich, überraschte mich aber nicht sehr, denn ich wußte ja, daß mir die Geschichte gelungen war. Bei der Abschlußfeier der Klasse, mit der die Realschulzeit endete, bekam ich als Preis „Sämtliche Erzählungen“ von Hemingway. Hemingway – hatte meine short story die Wahl des Schulleiters auf diesen Autor fallen lassen? Die Kennzeichnung „Diedrich 6a“, mit Bleistift unten rechts auf das leere Vorderblatt neben dem Kartonumschlag geschrieben, steht da noch immer.
- Sonne, aber kühler als gestern und vorgestern.
4.2.2002

3
Feb

3.2.2002

Vorgestern, nach dem Schreiben der Notiz, fiel mir doch noch das Wort für jenen Fahrradteil hinter dem Sattel ein: Gepäckständer. Ich war schon leicht beunruhigt, daß es mir abhanden gekommen sein sollte, aber das Wort „Gepäckständer“ gehört eben zu denen, die ich nie brauche; womit sich zeigt, daß mit dem Nichtstun sich auch der Wortschatz verringert. –
Biberach war nie eine der traditionellen Fasnet-Städte des schwäbischen Oberlands und der alemannischen Region gewesen. In Biberach fanden und finden die tollen Tage nicht im Februar, sondern Ende Juni oder Anfang Juli statt, je nachdem, wie das Schützenfest, das „Biberacher Kinder- und Heimatfest“, im jeweiligen Jahr festgelegt ist. Erst ab den achtziger Jahren wurden ein paar Maskengruppen (oder wie die Leute von den „Kampagnen“ das nennen) aufgebaut, die mit anderen aus der Umgebung in einem Umzug durch die Gassen ziehen. Ich sah ihn mir nie an, vermute aber, daß er anders als die in den Fasnet-Hochburgen kümmerlich daher schleicht. Aber bitte. Die Biberacher Geschäftswelt nimmt den Faschingsdienstag jedoch seit jeher als Gelegenheit wahr, die Läden zu schließen, so daß die ganze Stadt, insbesondere die Innenstadt, wie ausgestorben wirkt, denn gerade am tollsten aller tollen Tage bemerkt man in Biberach nach wie vor – und das ist die spezielle Fasnetstradition – nichts von anberaumten Närrischkeiten, und nur Narren würden auf die Idee kommen, an diesem Tag etwas einkaufen oder auf den Ämtern erledigen zu wollen. Insofern verbindet diese Tradition sich mit der der wirklichen Biberacher Ausgelassenheit im Sommer, am „Schützendienstag“ ebenfalls alles dicht zu machen, jedenfalls nachmittags, denn auch an diesem Tag glaubt man sich gegen sechzehn Uhr auf dem Marktplatz im Zentrum eines von einer rätselhaften Seuche heimgesuchten Orts. Aber so ganz ohne Zeichen ihrer landesweiten Herrschaft im Ländle zu hinterlassen ging die Fasnet auch in früheren Jahrzehnten nicht an Biberach vorüber. Immer gab es beispielsweise die „Kinderfasnet“ in der alten Gigelberghalle, wo sich an einem Nachmittag die Jüngsten tummelten und in ihre Heldinnen- und Helden- oder einfach nur Lieblingsrollen schlüpften. Bunt sah das aus. Ich weiß es, weil ich mehr als einmal in jenen Jahren an jenen Nachmittagen von der Lindelestraße kommend an dieser Halle vorbeiging, denn dieser Weg war für mich der schnellste und idyllischste zum Marktplatz, und ringsherum strömten Kinder heran oder sie traten aus dem Halleneingang heraus, schreiend, aber vor Vergnügen und Aufregung, johlend; die bunten Kleider und Hüte, die Phantasiekostümchen belebten die in manchen Jahren schneeig-weiße, in anderen fad-winterbraune Platzszenerie.
Auch ich war in solchen Tagen einmal ein dreizehnjähriger Revolverheld. Meine unmäßige Western-Lektüre hatte mich dazu gebracht, mir gleich drei Spielzeugrevolver vom irgendwie zusammengesparten Taschengeld – für sowas gibt man eben in solchen Jahren sein bißchen Geld aus – zu kaufen, natürlich samt Halster... In die Trommeln dieser Waffen wurden kleine Ringe mit ebenso kleinen flachen Kapseln eingelegt; betätigte man den Abzug, schoß man, drehte sich, wie es nun mal das Prinzip eines Revolvers auch andernorts ist, die Trommel, der Hahn hob sich und schlug auf die vor ihn transportierte Kapsel, der Schuß knallte. Nun fällt mir ein, daß nur zwei dieser Knarren (selbstverständlich war einem versierten Karl May- und Western-Leser der Unterschied zwischen den Pistolen- und Revolverarten, ja –namen bestens bekannt) mit diesen roten Ringen bestückt wurden. Das dritte dieser halbrealistischen Mordwerkzeuge funktionierte mit kleinen Papierrollen, die, jeweils eine natürlich, in eine Kammer eingelegt wurden. Auf diesen Röllchen waren hintereinander runde „Sprengsätze“ aufgebracht; sie knallten schwächer als die der Ringe. War der Schuß gefallen, verbreitete sich vor der Nase der Geruch verbrannten Pulvers, westernmäßig.
Ein kurioses Foto, aufgenommen von meiner Mutter, zeigt einen mädchenhaften hochgewachsenen Knaben, angetan mit Skihosen (ich fuhr mein Leben lang nicht Ski), einem Pullover und einer Schiebermütze, der die Rechte auf den umgeschnallten Colt im Halfter stützt. Sehr stilgerecht. (Es gab tatsächlich Nachmittage, und nicht nur in der Faschingszeit, in denen ich, Klaus allein zu Haus, das „schnelle Ziehen“ übte.) In diesem Aufzug, es war aber sehr wahrscheinlich an einem anderen Tag, nicht an dem der fotografischen Dokumentation meiner Männlichkeitsphantasie, ging ich über den Gigelberg, denn die Kinderfasnet fand, aus welchem Grund auch immer, damals im Kolpinghaus statt. Kaum hatte ich den Saal mit all den Cowboys, Prinzessinnen, Rittern und was die Mythologien sonst noch so hergaben betreten, hatte ich sofort das starke Empfinden, am ganz falschen Ort zu sein, bekam einen roten Kopf (das geschah mir in meinem Leben nur sehr selten) und kehrte sozusagen auf dem Stiefelabsatz um. Draußen auf der Straße „schnallte ich ab“, entkleidete mich der fragwürdig gewordenen Waffenzier, steckte den Colt in eine Hosentasche, knüllte den Gurt mit dem Halfter so zusammen, daß er unter die Jacke paßte, und trollte mich nach Hause. Es war mir alles sehr peinlich. Es war mein erster und letzter Auftritt bei der Fasnet. Western las ich noch. In einem Karton auf dem Dachboden fristeten die Waffen eine Zeitlang ein allmählich immer unbeachteteres Dasein; ich weiß nicht, wohin sie eines Tages verschwanden.
- Wieder ein Tag, als würde der Frühling schon hinter den nächsten Tagen warten.
3.2.2002

2
Feb

2.2.2002

Das samstägliche Gepolter und vergnügte Gehüpfe der Kinder in der Wohnung über der, die ich gemietet habe, bringt mir etwas in den Sinn, das Frau H. mir erst im vergangenen Jahr 2001 während eines Besuchs bei ihr auflachend wieder sagte: „Ihr hend so tobt, daß die Frau Wieland in der unteren Wohnung zu deiner Mutter gesagt hat, wenn die Kinder da sind, wackeln bei mir die Kronleuchter, und als deine Mutter das dann euch g‘sagt hat, habt ihr noch viel wilder herumg‘hüpft und herumg‘stampft.“ Mit „ihr“ waren ihre drei Kinder und ich gemeint, die wir, im Alter von vier, fünf, sechs Jahren (auch früher, auch später), oft zusammen spielten. Von der bedauernswerten Frau W. – wer weiß, vielleicht war sie ja über fünf Ecken mit dem Biberacher Dichter Christoph Martin Wieland verwandt – habe ich kein Bild im Kopf; ich habe aber ein Foto, auf dem ich neben dem Pudel von Frau W. im Gras des Gartens, pausbäckig, fünf Jahre alt, eher jünger, sitze; der Pudel, sitzend, neben mir ist so groß wie ich. Ist es ein Pudel, war der Hund ein Pudel? Ich müßte jetzt das Foto hervorkramen, um die Möglichkeit, daß er ein Spaniel war, auszuschließen. Meine Mutter hatte in meiner Kindheit manchmal von dem „schönen“ Hund gesprochen, der in ihrer Kindheit in Schlesien auf dem Hof war und der, nachdem er sich schlimm verletzt hatte – nein, aus Unachtsamkeit bei Feldarbeiten verletzt wurde, erschossen werden mußte, und sie erzählte, wie traurig sie gewesen sei. Vielleicht war dieser Hund ein Spaniel gewesen, denn wieso fällt mir nun diese Hunderasse sofort ein, wo ich mich in ihnen überhaupt nicht gut auskenne? (Einen Dackel erkennt man freilich immer – auch in menschlicher Gestalt.) Was war jenes Pudels Kern, welche Wahrheit kam in ihm an mich heran? Mephistophelisches? Ich müßte nachdenken, bleibe aber auch hier im Konjunktivischen, weil es bequemer ist. Wollte er, stumm und milde neben mir in eine Zukunft blickend, mir verständlich machen – wenn auch erst nach Jahrzehnten, in jener Zeit, in die er blickte, im Jetzt –, daß ich schon noch selbst erfahren würde, was ich seiner Herrin antat? Müßte ein kluger Hund gewesen sein.
- Sehr sonniger, fast frühlingshafter 2. Februar. Vor den Cafés saßen Leute. Schöne Abendrotwolken.
2.2.2002 (!)

31
Jan

31.1.2002

Während meine Mutter und ich durch den feuchten Abend hinüber in die Lindelestraße gingen, dachte ich: „Ich kann noch nicht sterben, ich bin doch erst elf Jahre alt.“ Es war ein Gefühl in mir ähnlich dem, das in den halbwachen Schlafwandlerminuten in mir aufkam, ein Gefühl von Unwirklichkeit und Verlorenheit. Aber so schnell, wie die Krise entstanden war, so rasch flaute sie ab; die Atompilze wuchsen nicht in den Himmel; aber keine Sorge .
Als ich am Morgen des 23. Novembers 1963 meine naßgeregnete Jacke im Klassenzimmer der Mittelschule auszog – in jenem Gebäude, das hinter dem, das „Ochsenhauser Hof“ genannt wird, stand – und die ersten Worte mit Mitschülern wechselte, erfuhr ich, daß Kennedy am Tag zuvor erschossen worden war. Es ließ mich novemberkühl. Ich war kein Heldenverehrer des strahlenden Präsidenten. Ich erinnere mich an diesen Augenblick nur, weil ich all die Jahre danach immer die nasse Jacke und den verregneten Morgen noch spürte; ich vermute, wäre der Nach-Attentatstag ein sommerlicher Tag gewesen, wäre dieser Vormittag längst im Schutt jener Tage versunken. Erst im Zusammenhang mit dem sinnlich-haptischen Gefühl der nassen Jacke an den Fingern hatte dieser Tag die Chance, aufbewahrt zu bleiben; Regen war für mich immer eine eindrücklichere Naturerscheinung als stilles Sonnenlicht. Sonne: Dur, Regen: Moll; Moll ist meine Tonart. Die „Fox-Tönende-Wochenschau“ im Kino zeigte in den Wochen danach immer wieder – ich hatte meine Liebe für’s Kino entdeckt und ging in Filme, die anzusehen „ab 12 Jahren“ erlaubt war – Aufnahmen des weltgeschichtlichen Vorfalls. Wer erschoß Kennedy? Der den Vietnamkrieg erst so richtig zum Laufen gebracht hatte und nicht die Lichtgestalt war, als die er bestaunt wurde. (Das kann in Berlin nur jemand schreiben, der kein Berliner ist.) Lee Harvey Oswald, der bald selber dran glauben mußte? Eines der bestgehüteten Geheimnisse und Verbrechen der Vereinigten Staaten.
Zwischen diesen Geschehen starb der „gute Papst“ Johannes XXIII. im Juni 1963. Auch dieser Tod konnte mich nicht beeindrucken, war er aus meiner evangelischen Sicht doch nur für die Katholiken von Bedeutung. Mein Freund H. und ich, diese Erinnerung habe ich daran, kurvten mit unseren Fahrrädern ein bißchen auf der Probststraße und vor dem K.‘schen Lebensmittelladen auf und ab und quatschten davon, etwas Despektierliches, Gerede von Jungs in solchem Alter. Ich erinnere mich an einen sonnigen Spätnachmittag, wir hockten auf Fahrrädern und redeten dummes Zeug.
- Zunächst: grau. Im späteren Vormittag kam dann der Schein der Sonne durch die graue Schicht, der schien..., aber nicht lange. Donner, Blitz und Hagel. Ein Gewitterregenguß. Danach für einige Zeit wolkenloser blauer Himmel, bald zogen große weiße Wolken dahin. Es wurde wieder trüber, aber kein Regen mehr. Wind streunte durch die Topographie.
31.1.2002

30
Jan

30.1.2002

Drei andere von den politischen Ereignissen der sechziger Jahre erinnere ich noch gut: die Kuba-Krise 1962, der Tod des Papstes Johannes XXIII. im Sommer 1963, die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963.
Die Kuba-Krise, der Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen dem „Freien Westen“ und der Sowjetunion unter der Führung des Generalsekretärs des ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Chruschtschow (der vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit seinem Schuh aufs Rednerpult eindrosch, um seiner Meinung mehr Nachdruck zu verleihen), war meine erste Erfahrung, daß auch die große weite Stuyvesant-Welt nicht so stabil war, wie man als Elfjähriger meinen durfte..
An einem der Abende dieser bedrohlichen Tage sahen meine Mutter und ich im Fernsehgerät von Frau H. am Krummen Weg Bilder, Berichte und Kommentare zur Lage. Ich begriff sehr wohl, daß sich die Welt in einer ernsten Situation befand: wenn die Russen – in der Regel wurde von den „Russen“ und nicht von den „Sowjets“ gesprochen – ihre auf Kuba heimlich aufgestellten Atomraketen, die auf Nordamerika zielten, nicht entfernten, würde es vielleicht einen Atomkrieg geben, in dem auch Deutschland untergehen könnte, weil es auf der Seite der Amerikaner stand. Frau H. und meine Mutter machten ernste Gesichter. Ich sah auf die Flugzeuge, die im Bildschirm vorüber zogen. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich.
- Ein ruhiger Spätjanuartag, mit mildem, dünnem Sonnenlicht.
30.1.2002

29
Jan

29.1.2002

Die Reisen in den poststalinistischen deutschen Sozialismusversuch hatten übrigens nichts dazu beigetragen, daß ich mich dem Marxismus in seiner im „Westen“ wieder interessant gewordenen Variante näherte, nach dem Jahr 1968. Das, was ich während jener Besuche und Reisen durch die Deutsche Demokratische Republik sah und hörte, ab dem Jahr 1963 (auch in den fünfziger Jahren fuhren wir, meine Mutter und ich, mehrmals in die „Ostzone“, nach Fischbach hinter Dresden) hatte mir eher den Eindruck vermittelt, in solch einem Land nicht leben zu wollen. 1963 konnten mir die weltgeschichtlichen Hintergründe noch nicht viel sagen, obwohl ich einiges aufgeschnappte, natürlich aus Verwandtenmund; 1968 war das anders. 1968 fuhren wir zu Ostern nach Radeberg, zur Konfirmation meiner Kusine, die Familie Sommer wohnte zu dieser Zeit seit ein paar Jahren dort. Ich hatte Gelegenheit, die Ghettoaufstände in den USA und das Attentat auf Rudi Dutschke im DDR-Fernsehen sehen zu können; nicht alles, was gesagt wurde, fand ich falsch. In der Schule hatte ein kleiner Kreis von Schülern so nebenbei mit einem der Lehrer über die APO diskutiert, mir ist so gut wie nichts davon im Gedächtnis geblieben, es muß mir also relativ unwichtig vorgekommen sein, aber die Zeitungen waren voll damit, jeden Tag las ich zuhause die „Schwäbische“, so rauschte das nicht alles an mir vorüber. Ich war dreizehn gewesen, als die Politik mich erreicht hatte.
Kaum waren wir aus der DDR zurück, fand in Biberach ein zweites Ereignis statt, das mein geschärftes Interesse auf sich zog: der Wahlkampfauftritt des Kanzlers Kiesinger, einer politischen Figur, die vordem Ministerpräsident von Baden-Württemberg gewesen war und, noch weiter zurückgesehen, als NSDAP-Mitglied einen Stuhl im Propagandaministerium des zur Hölle gefahrenen Dr. Goebbels besessen hatte. Einer jener in der Wolle gefärbten Nazis, die überall in Staat, Wirtschaft, Justiz, Presse saßen; seit 1945, ca., Demokraten. Die Außerparlamentarische Opposition, unter anderem deswegen notwendig geworden, weil die innerparlamentarische, damals von der SPD gebildet, nicht in der Lage war, ihre Aufgabe sinnvoll zu erfüllen, richtete sich 1968 ff. ja nicht nur gegen die Nazi-Väter und deren Verbrechen in Auschwitz und im Krieg, nicht nur gegen den „imperialistischen Krieg der USA in Vietnam“, sondern nicht weniger gegen die Verabschiedung der sogenannten Notstandsgesetze durch das mehrheitlich konservativ-reaktionäre Parlament
Am 22. April 1968 also leuchtete der oberschwäbische Himmel in frühjährlichem hellen Blau, aus dem ein freundliches Sonnenlicht schien, weiße Wölkchen zogen langsam über Biberach; und ich nahm, als ich die Wohnung verließ, den „Instamatic“-Fotoapparat (in der damals modischen Form eines kleinen Quaders), der in einem schwarzen Lederetui steckte, mit, denn ich versprach mir auf der Wahlkundgebung des Bundeskanzlers Dr. Kiesinger nicht nur beträchtlichen Auflauf, sondern auch etwas Aufruhr; ich hatte den Gedanken, die Ahnung, daß es vielleicht etwas zu fotografieren geben könnte. Von der Wielandstraße kommend betrat ich die schmale Königgasse, an deren vorderem Ausgang ich schon die Menschenmasse auf dem Marktplatz sehen konnte. Als ich dort ankam, in gespannter Erwartung, was geschehen würde, stellte ich mich zunächst, um einen Überblick zu gewinnen, an den Rand des Bürgersteigs, an die Ecke jenes Hauses, in dem ein paar Jahre danach die einzige Spielhalle (mit Flippergeräten etc.) der Stadt im Halbsouterrain eingerichtet sein sollte, in der ich – niemand weiß, was die Zukunft bringt – dann so manche Stunde an Flipper und Tischfußballgestell verbringen sollte. Vor mir, neben mir rumorte die angesammelte Bevölkerung mit dumpfem Murmeln, erstreckt sich links und rechts über fast den ganzen Marktplatz. Vor der Unteren Schranne, dem massigen, entlang der Schrannenstraße sich ziehenden mehrgeschossigen Fachwerkbau aus spätmittelalterlicher Zeit (befand sich an diesem Tag schon die Stadtbücherei in ihm?), war ein Rednerpult aufgestellt worden, und ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob der Bundeskanzler schon redete, als plötzlich inmitten der dicht stehenden Ansammlung ein Sprechchor anhub: „Wir sind eine kleine radikale Minderheit! ... Keine Notstandsgesetze!“ Ein politisch’ Lied, in den Ohren der allermeisten Anwesenden ein garstig‘ Lied wurde von der Gruppe der jungen Männer und Frauen, die jetzt auch Transparente und rote Kreuze empor hielten, nach der Melodie des „Maikäferliedes“, oder wie es offiziell im deutschen Liedgut genannt wird, angestimmt, nur waren seine Zeilen verändert worden: „Maikäfer flieg, in Vietnam da ist Krieg .../ ... Ein sanftes Ruhekissen/ ist unsre CDU.“ Unruhe entstand, das Volk schien nicht einverstanden zu sein. Meine Spannung wuchs, ich öffnete die Lederhülle um den Fotoapparat und machte das erste Foto, vom Dr. Kiesinger, der, durch die Menge vor mir getrennt, hinter dem Rednerpult zu schreien und zu gestikulieren begann, nachdem diese Aufnahme im Kasten war. In der Menge entstand nun heftige Bewegung, die sich um die Gruppe der Protestierer, die ich jetzt als die Biberacher APO zum ersten Mal auftreten sah, konzentrierte.
Sie skandierte tapfer ihr Mißfallen an der CDU und an den geplanten Notstandsgesetzen, die einen Verlust von Bürgerrechten im Falle des äußeren und inneren „Notstands“ vorsahen. (Die tatsächlich schon bestehenden politischen und gesellschaftlichen Notstände fielen allerdings nicht darunter.) Ein Handgemenge bahnte sich an. Ich drängelte mich zwischen den Leuten, die aus Treue zur CDU und aus Neugier auf den Marktplatz herbeigeströmt waren, hindurch, um näher an das sich schnell entwickelnde Geschehen vorzudringen, den Fotoapparat klickbereit in der Rechten. Etwas Geschubse und Geschiebe, dann gelang es mir, zwei, drei Aufnahmen zu schießen, eben als die Rauferei ihren Höhepunkt erreichte, die roten Kreuze schwankten, niedergerissen, zerbrochen wurden. Aus Zufall bannte ich auf’s Bild, wie Eckhart Leupolz, der mir völlig fremd war (in späterer Zeit kannte ich ihn nur als „Ekke“, hatte aber keinen Umgang mit ihm), sich in der Masse etwas duckte, mit einem schnellen Blick die Lage sondierte. „Warum keine Notstandsgesetze?!“, rief der Kanzler in höchster Erregung über die wogenden Köpfe. „Wenn ich dieses Geschrei höre, wenn ich dieses Geschrei höre, dann weiß ich, wie notwendig die Notstandsgesetze sind!“ So abrupt wie die handgreifliche Auseinandersetzung begonnen hatte endete sie auch schon wieder, hatte sich der schlägernde Teil der Masse etwas beruhigt. Geschmeidig schlängelte ich mich aus dem Sympathisantenumfeld der CDU zurück auf den Bürgersteig. Die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Redner, der noch immer aufgebracht seine Weisheiten von sich gab. Ich suchte mit den Blicken die Protestgruppe, von der ich aber nun nichts mehr sah und vernahm, ihre Transparenten und Kreuze waren in der Menge, aus der heraus „mal aufgeräumt“ worden war, untergegangen; oder wie war das? Ich kann mich jetzt nicht erinnern, nach dem Tumult, der für einige aus der APO-Gruppe durchaus schmerzhaft gewesen war (wie ich lange Zeit danach hörte), noch eine nennenswerte „Störung“, wie es dann im Polizeibericht vermutlich hieß, wahrgenommen zu haben. Ich habe aber deutlich vor Augen, wie ich diesen Ort noch während der vom CDU-Kanzler fortgesetzten Rede verließ, sein Gequatsche ging mir etwas auf die Nerven, mir so meine Gedanken machte, in denen für die APO Biberach eine kleine Sympathie aufkam, für den Mut, vor der Übermacht des Gegners nicht zurückgeschreckt zu sein, den Mund aufgemacht und die Stellung so gut es ging gehalten zu haben. Über den Gigelberg schlenderte ich nach Hause, machte von seiner Höhe aus noch zwei Fotos vom Stadtkern, der sich darunter zusammendrängte (als habe das Städtchen doch plötzlich etwas Angst vor diesen völlig ungewohnten Worten und Taten seiner Jugend bekommen), wo allerdings vom geplatzten Auftritt des Dr. K., der mitten in seiner oberschwäbischen, von den Zumutungen der Zeitläufte unangefochten geglaubten Parteilandschaft, in Anwesenheit von Presse und Fernsehen, in peinlicher Weise Kontra bekommen hatte, das in den folgenden Tagen landes-, gar bundesweit registriert wurde, sonst nichts zu sehen und zu hören war; die Idylle schien unberührt zu sein.
Die Fotos, die mir, eingekeilt zwischen wütenden Kiesinger-Fans, gelungen waren (und offensichtlich, wie die Jahre ergaben, die einzigen von diesem Handgemenge sind), schenkte ich viele Jahre später einem der beiden Protagonisten des Protests, dem Kunstmaler Martin Heilig, für sein Archiv. Vor einiger Zeit ließ ich, hier in Berlin, wieder Abzüge von den Negativen, die etwas sehr Positives, eigentlich, zeigen, machen. Einige Zeit nach diesem Apriltag im Jahr 1968 besuchte ich in der Aula des Wieland-Gymnasiums eine Veranstaltung der linken Szene, dort am Büchertisch erwarb ich das Kommunistische Manifest. Es war mein erster Blick in die marxistische Theorie.
- Wie war das Wetter heute? Grau und unauffällig; gar nicht so kalt.
29.1.2002

28
Jan

Hölderlin

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Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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Als Biberacher, der K.D. kannte und als bekennender...
Tadellöser - 20. Dez, 13:02

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