26
Dez

26.12.2002

Diese Tage „zwischen den Jahren“ ähneln denen meiner frühen Jugend in der Dekade der Sechziger, in denen ich viel las und nebenbei die Pralinenschachteln leerte, in einen der Sessel fläzend, Seite um Seite umblätterte und in abenteuerlicheren Welten, fern von Biberach, in den Zeiten der Vergangenheit oder der Zukunft und an fremden Orten lebte, ab und zu aus ihnen in das, was wir Realität nennen, zurückkam, durch Biberacher Strassen ging, um anschließend wieder in die imaginären Szenarien einzutreten und an den Erlebnissen, die im Gegensatz zu den Vorkommnissen meiner langweiligen Tage wirklich welche waren, teilzuhaben. Mein Bewußtsein, Beobachter all dieser Ereignisse, die sich in den Buchzeilen abspielten, schweifte über die Relikte alter oder zukünftiger – und im dortigen Geschehen ebenfalls oft schon alter – Städte und Festungen, sauste mit durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, in die die Zeitmaschinen die Guten und die Bösen mir nichts dir nichts versetzten, schwebte über Old Shatterhand und Winnetou und Trapper Geierschnalbe, über den Schluchten des Balkan und in der flirrenden Luft der Wüste, in der sich manche Fata Morgana mit ihm, dem Bewußtsein, vereinigte, es umgaukelte und in die Irre absonderlicher Planeten und Sternensysteme hinüber gleiten ließ; wenn ich Romane verschiedener Genres und Qualität las und deren Virtualität in meinen Ganglien aufbewahrte; über Zeiten hinweg. Aber heute sind Verluste festzustellen: keine leeren Pralinenschachteln, aus denen ich Schokotrüffel und Cognacbohnen hätte klauben können, in einer mechanischen Arm- und Handbewegung, liegen auf dem Teppich herum. Kein „Baum“ steht im Zimmer, kein erzgebirgisches Räuchermännchen schmaucht, kein harzig duftender Rauch, auch die Weihnachtskrippe, die ich damals – ein Wort, das mein Leben immer mehr bestimmt – an den Nachmittagen der Heiligen Abende sorgfältig mit den Figuren jener Geschichte, aus der so viele Menschen in so vielen Jahren Trost und Hoffnung nehmen wollten (und nehmen konnten, ich will das nicht bestreiten), aufbaute, steht nicht mehr unter dem „Baum“; ins Kino werde ich heute auch nicht gehen, weil die Geschichten, die dort zu erleben sind, mich nichts mehr angehen; meine Mutter unterbricht mich nicht mehr in meiner Weihnachtstagelektüre, um mir zu sagen, daß sie nun in „die Stunde“ gehe, in die sie vielleicht auch noch in den siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre ging, was ich, da ich an den Weihnachtstagen dieser Jahre so oft frühabends außer Haus war, nicht mehr erfuhr, und meine Jugend ist dahin und mein Leben ist es vielleicht auch bald, doch die Bücher, die immer treuen Freunde, sind mir geblieben, die von damals und die, die nach ihnen auf meinem Schreibtisch lagen und auf dem quadratischen Tisch heute liegen; und heute liegen hier Musils Roman, in dessen letzten Seiten (des Fragments) ich lese, und „Combray“ in der Kleeberg-Übersetzung und „Le Temps retrouve“ mit der Faksimileseite der letzten Seite des Proust’schen Manuskripts, auf der das Wort „Fin“ steht, „Das Buch der Illusionen“ von Paul Auster, das Raphael mir zu Weihnachten geschenkt hat und „Bildnis eines Unsichtbaren“ von Hans Pleschinski; beide letztgenannten habe ich jedoch noch nicht zu lesen angefangen. Bei Musil habe ich vorhin im Kapitel „Die Insel der Gesundheit. Die Unsicherheit“ (früher Entwurf) gelesen:
„Was ist alles, was wir tun, anderes als eine nervöse Angst, nichts zu sein: von den Vergnügungen angefangen, die keine sind, sondern nur noch ein Lärm, ein anfeuerndes Geschnatter, um die Zeit totzuschlagen, weil eine dunkle Gewißheit mahnt, daß endlich sie uns totschlagen wird, bis zu den sich übersteigernden Erfindungen, den sinnlosen Geldbergen, die den Geist töten, ob man von ihnen erdrückt oder getragen wird, den angstvoll ungeduldigen Moden des Geistes, den Kleidern, die sich fortwährend verändern, dem Mord, Totschlag, Krieg, in denen sich ein tiefes Mißtrauen gegen das Bestehende und Geschaffene entlädt: was ist alles das anderes als die Unruhe eines Mannes, der sich bis zu den Knien aus einem Grab herausschaufelt, dem er doch niemals entrinnen wird, eines Wesens, das niemals ganz dem Nichts entsteigt, sich angstvoll in Gestalten wirft, aber an irgendeiner geheimen Stelle, die es selbst kaum ahnt, hinfällig und Nichts ist?“
- Ich kann über die Witterung nichts anderes schreiben als: grau.
26.12.2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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