20
Dez

20.12.2002

„Ich habe mein Leben doch bewältigt“, sagte meine sterbensmüde Mutter in jener tiefen Spätherbstnacht; dachte sie, sich mir gegenüber rechtfertigen zu müssen? Das „doch“ hörte ich durchaus genau, es fiel sogleich aus diesem Satz, dieser Äußerung in mein vom Alkohol keineswegs reduziertes Bewußtsein. Mir mißfiel diese Äußerung, die mir freilich schon damals sofort zu denken gab, denn wie hört sich so ein Satz an? Wie ein Resümee, eine abschließende Feststellung – in einem inneren Zustand, in dem das Hoffen nichts mehr bewirken kann und auch gar nicht mehr soll – am Ende des Lebens, die dann getan wird, wenn man nichts mehr vor sich und alles hinter sich sieht. Diese Äußerung mißfiel mir nicht nur, weil sie mein Erahnen, das ich seit zwanzig und weit mehr Jahren mit mir herumtrug, wieder so unmittelbar auffrischte, sondern auch deshalb, weil ich ihr nichts hätte entgegensetzen können als ein akzeptierendes, beruhigendes, gleichzeitig verärgertes „Ja, ja“. Wie war in einer Nacht wie jener mit solchen Übermittlungen, die – und mir war das sehr gut bewußt – aus tiefer innerer Not und Bedrängnis aufgestiegen und in die Nacht gekommen waren, umzugehen? Das „doch“ sagte mir, daß meine Mutter insgeheim selbst daran zweifelte, daß sie sich fragen mußte, ob es stimmte, was sie mir als ihre Ansicht ihres Lebens in diesem einen Satz sagen wollte. Dachte sie, ich könnte sie aus irgendwelchen Gründen nicht achten, ich würde sie als lebensängstliche, schwache Persönlichkeit sehen? Etwas in dieser Art? Und es stimmte, aber nur für Augenblicke, für die ich mich danach selbst zur Rechenschaft zog: manchmal verwünschte ich die Ängste, die sie beherrschten, und die Depressionen, und ihre oft nur mühseligen und unbrauchbaren Versuche, sich von ihnen nicht bis in die tiefste Seele – die Seele umfaßt das Bewußtsein – hinein zerstören zu lassen. Ich verfluchte dann die Verhältnisse, in denen meine Mutter lebte (zu denen auch ich meine negativen Stimmungen – doch wer kann diese ganz von sich fernhalten? – beitrug), sie schienen mir nichts anderes als ein Neurosensyndrom zu sein, in dem sie und ich und alle Handlungen, Gedanken und Abwehrhaltungen meinerseits sich verstrickt hatten. Meine Mutter litt auch an mir und ich an ihr; beide wußten wir das, und ein Entkommen aus dieser Lage war nicht möglich. Nicht möglich? Es war möglich – der Tod bot diese Möglichkeit. Mama wußte, daß ich Biberach fliehen wollte; „ich kann hier nicht vierzig werden“, war es eines Tages im Jahr 1983 aus mir heraus gebrochen, in einem meiner unterdrückten Wutzustände, in denen mir mein Leben als ganz falsch geführt und als Wüste vorkam. Sie hatte irgendwann in einem anderen Jahr, als ich in der Karpfengasse das freie Leben zu haben glaubte (aber auch nicht so richtig), gesagt: „Hier ist doch deine Heimat“, und sie hatte die Wohnung damit gemeint, in die wir 1975 gezogen waren; aber ich konnte mir gut denken, daß auch sie diese lächerliche Wohnblockwohnung nie als „Heimat“ betrachten konnte, denn die war – für sie übrigens ein zweites Mal – mit dem Verlust der Lindelestraßenwohnung verloren gegangen. Wollte meine Mutter mir die Freiheit verschaffen, Biberach verlassen zu können; wenn sie nicht mehr lebte? Hatte sie ihren Schritt in den Tod nicht in unsäglicher Verzweiflung, sondern auch aus mütterlicher Hoffnung für mich, die in ihren Leiden an der Welt noch immer vorhanden war, getan? Ich habe oft darüber nachgedacht und werde diese Frage, die ich mir bald stellte, als sie nicht mehr da war, nie beantwortet bekommen. (Der Pfarrer, der mich vor dem Begräbnis besuchte und dessen Worte ich mir höflich anhörte, sagte, meine Mutter habe ihm, als er sie gefragt habe, ob sie an einer kirchlichen Angelegenheit, die er im Gespräch zwar erwähnte, die ich freilich auch vergessen habe, teilnehme, geantwortet: „Da bin ich weg!“, und das „weg!“ wiederholte der Pfarrer zweimal, weil ihm der Ton so merkwürdig vorgekommen sein mochte; ich sagte ihm nichts von den leeren Schachteln.) Meine Mutter war seit acht Jahren tot, als ich in Biberach doch – „doch“ – vierzig Jahre alt wurde. Es war ein mieser Geburtstag, den ich mit einer Flasche „Dimple“ begoß.
- Etwas Sonnenschein, kalt-feucht.
20.12.2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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