KD

23
Mrz

23.3.2002

Später gehe ich in die Toilette, in der sich die bekannte sanitäre Einrichtung und sonst nichts, außer einem Kalender, vielleicht, an der Wand, befindet. Das enge Fenster zeigt einen dunklen Ausschnitt, würde es noch hell sein, wäre er ein Teil des Osthimmels. Die Hände wasche ich mir im Bad nebenan; es liegt zwischen Klo und Küche. Es ist nicht breit, nicht lang. Links an der Wand steht die alte Emaille-Badewanne. Mit dem zylinderförmigen alten Kohleofen, in dem unten das Wasser, das sich oben im dickbauchigen Zylinder angesammelt hat, erhitzt wird, hauptsächlich mit Briketts, kaum, aber auch, mit nußförmiger Steinkohle, füllt sie die längliche Nische aus. Hinter dem Ofen verjüngt sich der kleine Raum zu einer Fläche, auf der nur ein Wäschekorb noch Platz hat, unter dem Fenster nach Osten (es ist größer als das nebenan), wenn man zu diesem Fenster tritt, von wo aus ich einen Blick in den nördlichen Teil des ebenfalls großen Gartens, in dem das neuere Haus der B.s steht, in dem mein anderer Jugendfreund Heinz-W.B. sein Zuhause hat, habe; aber dort ist es dunkel, die Lampe über dem Eingang – dort betritt man das Haus von Norden, das Haus Lindelestraße 2 ja von Westen – ist ausgeschaltet. An der Wand, die Bad und Klo voneinander trennt, hängt das Waschbecken, über ihm der Badspiegel, unter dem eines dieser weißen Borde, wie sie für solche Zwecke hergestellt werden. Eine Haushaltsleiter steht so neben der Tür, daß diese geöffnet werden kann; sie dient als Hocker. Das Bad wird von einer Kugellampe an der Decke beleuchtet, jetzt allerdings nicht. Vor das Fenster kann übrigens ein Vorhang gezogen werden.
- Heute war das Wetter teils-teils. Graue Regenschauer, Sonnenschein. Zum Abend hin immer nasser, naßkalter im Nachtabend.
23.3.2002

22
Mrz

22.3.2002

Ich trete in das Wohnzimmer ein und gehe ein paar Schritte nach links, die drei Meter ausmachen, stelle Teller und Glas auf den zweiten großen Tisch, der dort an der Wand, die Wohn- und Schlafzimmer voneinander trennt; und bin zum Tisch an der Tür vorbeigegangen, die zwischen Wohnzimmertür und Tisch den Zugang zum Schlafzimmer ermöglicht und geschlossen ist; ich setze mich auf einen der beiden Stühle, deren Sitzflächen mit einem leicht gewölbten ockergelben Polster ausgefüllt sind. Im Zimmer dunkelt es jetzt allmählich, ich knipse die Lampe, die an der Wand angebracht ist und deren milchiger Glasschirm, der die Form eines Kelches hat, dessen großer Durchmesser unten ist, über einem Teil des Tisches hängt und hin- und herbewegt werden kann, an einer Haltevorrichtung aus hellem Holz, an; diese Ecke des Zimmers ist nun erleuchtet, aber noch ziehe ich die Vorhänge aus einem dünneren Stoff, in dem hauptsächlich Gelb dominiert, wobei die kleinen Muster im Stil der frühen sechziger Jahre in anderen Farben, aber nicht unpassend, sondern auch in Pastelltönen, eingefärbt sind, weder vor das Fenster, neben dem ich jetzt sitze und das nach Süden, zum Garten und zur Gartenstraße hin, den Blick freigibt, noch vor das in Richtung Westen, in dem nun, stärker als vor dem anderen, der Abenddämmer durch die Stores schimmert. Ich bin allein in der Wohnung. Vielleicht ist es Montag, oder Dienstag, und es dauert noch eine Stunde, bis meine Mutter vom Arbeiten kommt? Auf dem Tisch – auch über seine Platte liegt eine Tischdecke ausgebreitet – ist, als ich mich ihm genähert habe, schon das Science Fiction-Taschenbuch gelegen, das ich mir „aus der Stadt“ vorhin mitbrachte; also habe ich die Wohnzimmertür offen gelassen, als ich noch einmal aus der Wohnung gegangen bin, um, bevor ich’s mir gemütlich machen würde, den Abfall aus der Küche zum Kuttereimer, dessen Platz immer an der Nordseite des Gartens, dicht am Haus, ist, zu tragen, denn weil ich mich kenne, habe ich das vor der Lektüre tun müssen, sonst hätte ich es vergessen und das später erledigen müssen, wenn ich dazu keine Lust haben würde; ich will solche lästigen Tätigkeiten gerne hinter mir haben, um den vor mir liegenden Zeitraum von diesen Ablenkungen frei zu halten. Ich breche ein Stück von der Butterbrezel ab und beginne es genüßlich zu zerkauen, nehme einen Schluck von dem süßen Sprudel und schlage das Taschenbuch – heißt der Autor Isaac Aimov oder Brian Aldiss? – auf und beginne zu lesen. Hinter mir steht an der Südwand der Wohnzimmerschrank aus gemasertem dunklen Nußbaumholz; mit der in seiner Mitte eingelassenen Glasvitrine, in der das kostbare chinesische Tee-Porzellan steht, bis es beim nächsten Besuch des Hausbesitzers aus Sizilien wieder hervorgeholt wird. Vor dem Schrank, schon auch vor der Westwand, der Gummibaum, der wieder einmal Probleme macht und gelbe Blätter abwirft. In seiner unmittelbaren Nähe seitlich hinter ihm, hat ein Schränkchen mit Glastüren, aus dunklem Holz, seinen Platz und steht nicht die Musiktruhe in diesen Jahren noch daneben, halb unter dem Fenster, oder gar in voller Breite unter ihm? 1968 schon wird sie unter dem Südfenster den Platz haben, den sie bis zum Auszug aus der Wohnung auch behalten kann. „Unsere gemütliche Ecke“, wie meine Mutter in einem der Jahre zuvor auf die Rückseite eines Fotos schrieb, beinhaltete einen Couchtisch mit heller Platte und etwas nach außen stehenden dunklen Holzbeinen, an der Westwand standen der dunkelblaue kleine Sessel mit niedrigen Holzarmlehnen, daneben, zwischen diesem Sessel und der Chaiselongue, die im rechten Winkel mit der anderen Wand steht, mit dem erhöhten Kopfwulst, ganz in weinrot der Stoff des Möbels, die Stehlampe in Form einer großen, nach oben konisch zulaufenden und oben und unten offenen gelblichen Tüte aus einem Material, das kein Plastik war, aber ähnlich wirkte, auf der der Chaiselongue, die nur als Coach bezeichnet wurde, gegenüberliegenden Tischseite der graue Sessel; der zweite blaue, auf dem man mit dem Rücken zur Tür, zu den Türen, saß, dem ersten blauen gegenüber auf der türzugewandten Längsseite des Tischs. In der Wand zwischen Couch und Dauerbrandofen, diesem kleinbürgerlichen Imitat eines herrschaftlichen Kamins, der schräg gegen die Kaminecke gestellt ist, hinter einem schon etwas mitgenommenen kleinen Sessel, dem seine Herkunft aus der Nierentischzeit überdeutlich anzusehen ist (in den Farben hellrosa und hellgrau), befindet sich, von einem bodenlangen dunkelblauen Samt-vorhang, der so gut wie nie zur Seite gezogen oder geschlagen wird, auch eine Tür; zu jenem Zimmer, in dem ... In der „gemütlichen Ecke“ liegt der alte dünne graue Teppich; der `66 noch neue, gelbockerfarbene und schwarze, mit Oktagon-Medaillons als großen Mustern, mit anderen auch, die sich mäandernd über die Ecken ziehen, versehene, nimmt die Bodenfläche, aber nicht die ganze, zur Musiktruhe und zum Schrank hin ein. Nun ist es draußen dunkel. Ich komme für eine Minute von der Reise zurück, ziehe die Vorhänge zu, schalte auch das Licht der Tütenlampe an; das Zimmer ist nun von zwei sich diagonal gegenüberliegenden Lichtquellen beschummert; die Deckenlampe mit ihren sechs länglichen Birnen hängt wie eine weit auseinander gebogene umgedrehte Krone aus Falschgold unter der Decke und bleibt ausgeschaltet, so verschwinden die kleinen Muster auf der hellen Tapete, die die vier Wände verschönen sollen, jetzt ganz, ausgenommen auf jenen Stellen, die von den beiden leuchtenden Lampen behellt werden.
- Am Spätnachmittag des vornehmlich grautrüben Tages, durch den ein kalter Wind wehte, hellte sich der Westhimmel zu einem Hellblaugrau von pastellfarbener Leichtigkeit auf; aber zunächst erst zögernd, bis sich solche Flecken auch an anderen Stellen zeigten und dann größere Flächen einnahmen. Für kurze Zeit dazwischen sogar etwas von der Bläue.
22.3.2002

21
Mrz

21.3.2002

Beschreibung einer Wohnung. Wenn ich die Treppe, die in einem Bogen nach rechts vom Flur des Hochparterrre, von dem dort die Türen zu den Zimmern, zur Küche, zum Keller- und Hauseingang abgingen (eine zweite Tür vor der Haustür bildete mit dieser den Windfang), zum eigentlichen ersten Stockwerk hinaufführte, hinter mich gebracht hatte, öffnete ich mit dem großen Schlüssel die Tür zu unserer Wohnung, die ein Teil der unten aus einer Holzwand, über dieser aus zwei Fenstern, die immer mit einem fixierten Vorhang versehen waren, der vor Blicken schützte, bestehenden nachträglich eingebauten Abtrennung war. Ich trat in die Wohnung ein, im Jahr 1966 oder 1967, meinetwegen im März, und schloß sie hinter mir. Ich stand in einem keine zwei Meter breiten, etliche Meter nach rechts weisenden Gang, der mit Linoleum ausgelegt war, das, nicht über die volle Länge des Flurs hinweg, von einem schmalen grauen Läuferteppich bedeckt war. Links von mir verschloß eine Tür das Schlafzimmer; vor mir stand die Tür zum Wohnzimmer vielleicht etwas offen, vielleicht war meine Mutter eben erst hineingegangen oder herausgekommen, oder ich hatte sie vor einigen Minuten, als ich, vielleicht um den Müll zum Kuttereimer, wie der graue metallene Mülleimer bei uns genannt wurde, zu bringen, das Wohnzimmer verlassen hatte, nicht geschlossen; rechts endete der Flur vor der Tür zur Küche, auf seiner rechten Seite, der Küchentür näher als der Wohnzimmertür, trat man durch die dort zu sehende Tür in jenes Zimmer ein, in dem die tote Oma aufgebahrt worden war und das in den Jahren `66 und `67 noch als Rumpel- und Abstellkammer zweckentfremdet benutzt wurde; von dort aus, wo ich noch immer stehe, oder womöglich habe ich einen sehr kleinen Schritt nach rechts hin getan, um mich im dort an der Gegenwand befestigten Garderobenspiegel zu betrachten, sind die beiden schmaleren Türen zu Toilette und Bad, zwei kleinen Räumen, nicht zu bemerken. Ich gehe in die Küche, um mir die Laugenbrezel, die ich vorhin, denn jetzt ist der Nachmittag fast Abend geworden, „aus der Stadt“ mitgebracht habe, mit Butter zu beschmieren, nachdem ich sie mit einem scharfen Messer horizontal aufgeschlitzt habe; um während des Lesens eine Butterbrezel zu verspeisen. Die Küche ist nicht sehr geräumig. Die linke Wand ist etwas abgeschrägt, wegen des Daches, das dort schon zum First geht. Vor dieser schrägen Wand steht ein Küchenschrank in einer elfenbeinernen Farbe, mit Schrank- und Schubfächern in seinem Ober- und Unterteil. Zwischen Schrank und Wand bleibt also etwas Platz, in ihn hatten wir, die Kinder von Frau H. und ich, uns oft verkrochen, nicht zuletzt deshalb, um meine gutmütige, aber um das Kinderseelenwohl stets fürchtende Großmutter ein wenig zu ärgern, die dann schimpfte: „Was macht ihr da hinten, kommt sofort heraus, was macht ihr denn da?“ Dachte sie, wir würden uns, die kleinen Mädchen und die kleinen Buben, etwa mit kleinen Doktorspielchen vergnügen? Diesen Verdacht hatte sie bestimmt, allerdings, soweit ich mich erinnern kann, zu Unrecht. Sexualität war in meiner Kindheit und Jugend bis weit in die Zeit der Erwachsenenjahre – sofern ich nicht immer pubertär geblieben bin – ein Tabu, und das war nicht nur in den Verhältnissen bei mir so. Für uns, im Alter von vier und fünf Jahren, war „Sexualität“ ja kein Thema, aber in der Gedankenwelt mancher Erwachsenen ist selbst kindliche Unschuld vor satanischen Einflüsterungen nicht gefeit; das war es wohl, was meine besorgte Oma nicht ganz ausschließen wollte. Das einzige Fenster zeigt nach Norden, vor ihm steht einer der zwei großen Tische, links neben ihm ein einfacher Stuhl, vor ihm auch einer. Auf dem Tisch liegt eine der Tischdecken, heute, wie gestern und vorgestern, die mit den Blümchenstickereien; das ist hübsch. Rechts beansprucht die Waschmaschine, ein breites Ding, das nicht einmal die Wäsche in seinem Inneren herumschleudern, sondern nur langsam umwälzen kann, und auch dabei muß man, manchmal meine Mutter, gelegentlich ich, mit einer größeren Holzzange nachhelfen. So einen modernen Miehle- oder Constructa-Apparat mit fünf und sechs automatischen Waschgängen, wie sie in anderen Haushalten selbstverständlich standen, hatten wir nie; kein Geld dafür. Diese Maschine füllt den Platz, den es zwischen Tisch und einem eingebauten schmalen Besen- und Geräteschrank, der aber fast ausschließlich leere Pralinen- und andere Schachteln samt Geschenkverpackungsmaterial enthält, an der rechten Wand hat, völlig aus; aber da dieser Wandschrank nur sehr selten geöffnet wird, stört das nicht. Auf der anderen, der Innenwohnungsseite der Küche, befinden sich ein steinernes Becken für die Geschirr- und, im Winter, Körperwaschvorgänge, ein Holzkohleofen, der Elektroherd. Mehr ging, mit Menschen, in diese Küche nicht hinein. Ich trage den Teller mit der Butterbrezel und das Glas Sprudel (süßer) ins Wohnzimmer.
- Trüb. Am Nachmittag für eine Viertelstunde, vielleicht etwas länger, ein Anflug von Aufhellung. Große Regentropfen glänzten an den Unterseiten der aufknospenden Zweige. Abends etwas Regen.
21.3.2002

18
Mrz

18.3.2002

Am Abend des Tages, an dem das „Sternchen“ zum ersten Mal einen Film zeigte, saß ich, für die am Vormittag ersparten fünf Mark, auf einer der hinteren Bänke hinter einem der länglichen schmalen und niedrigen Tische – in ihnen waren mit rotem Stoff bespannte Lämpchen mit Kippschalter befestigt – in diesem neuen Kino, das bis auf den letzten Platz ausverkauft war, und sah mir „Der amerikanische Freund“ nach dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith, deren Tom Ripley-Romane ich sehr schätzte, und „Der amerikanische Freund“ ist ja einer davon, an, den Wenders mitgebracht hatte; diese Kopie war frisch aus dem Kopierwerk und den drei Sprachen der Akteure – Bruno Ganz und Dennis Hopper in den Hauptrollen – konnte mit einem Plastikkopfhörer, den man auf Wunsch ausgeliehen bekam, im Original gelauscht werden, während man ohne diese Kopfhörer, ein besonderer Service des Hauses, die auf eine Infrarotabstrahlvorrichtung links und rechts der Magenta-Bildwand reagierten, die deutsch synchronisierte Fassung in den Ohren hatte. Wenders übrigens war aus Termingründen am Abend nicht mehr dabei. Während ich den Film guckte, trank ich zwei große Altbier. (Kannte ich von meinen Besuchen bei P.s in Düsseldorf.) Nach dem Film, wie man sich umgangssprachlich ausdrückt, blieb ich an der Theke hängen, vor der fünf Sessel mit kleinen Lehnen in den Boden eingelassen waren. In den folgenden Tagen sah ich mir die ganze Retrospektive der bis 1978 produzierten Wim Wenders-Filme an, die A.K. zur Einweihung des ungewöhnlichen Kinos „Sternchen“ zeigte.
Bei einigen meiner Freunde und mir bürgerte es sich rasch ein, daß die späten Abende, wenn die Filmvorstellungen, die man besucht hatte oder auch nicht, beendet waren, in diesem Kino zugebracht wurden, bei Altbier, Wein, Bommerlunder. Die Bänke und die Tische, die – erst in der Mitte der neunziger Jahre, als das „Sternchen“ umgebaut und mit einer Schräge, auf der seitdem bequeme Kinosessel montiert sind, versehen wurde, änderte sich das – auf einer kreisförmigen „Palette“, die sich drehen ließ, aufgeschraubt waren, waren dann so gedreht worden, daß die dort Sitzenden sich gegenüber saßen; häufiger hockten die, die es sich erlauben konnten, zu nächtlicher Stunde noch auszugehen, aber an der Theke, andere standen dabei, mit den Gläsern in den Händen. Hinter der Theke agierte dann oft, gemeinsam mit der Bedienung, die für den Thekendienst zuständig war, gutgelaunt der Kinobesitzer, plauderte mit den – fast durchweg jungen – Gästen und legte seine Lieblingskassette mit den Buddy Holly-Songs in die Stereoanlage auf einem Bord an der Wand ein. „It’s so easy to fall in love, yes it’s so easy ...“ Oft wurde es so weit nach Mitternacht. War der Augenblick gekommen, in dem man sich der Einsicht, irgendwann eben doch gehen zu müssen, auch nicht stur widersetzen wollte, wurde nach uns das Foyer unten abgeschlossen. Im Lauf der Zeit, um den Titel eines Films jenes Freundes des Hauses zu zitieren, hatte sich das „Sternchen“ auf diese Weise und mit dieser filminteressierten Klientel zu einer Art Nachtlokal entwickelt; denn ab und zu, wenn der Kinobetreiber in Laune war, ließ er für die späten Zecher noch einen Film laufen; sperrte allerdings vorher die Türen unten zu. Mir konnte es nur gefallen, für mich begann am nächsten Morgen kein Arbeitstag, jedenfalls keiner der üblichen der Arbeiter- und Angestelltenwelt. Und zu gehen hatte ich (in der ersten Jahreshälfte 1978) tief in der Nacht dann auch nicht weit, zur Karpfengasse waren es nur ein paar Schritte. Wieder hatte ein neues Kapitel in meinem Leben begonnen, wieder hatte ich es nicht geahnt.
- Ein Sonnentag, blau behimmelt, mild, aber, jedenfalls abends, ein heftiger kühler Wind in den breiten Straßen.
18.3.2002

17
Mrz

17.3.2002

Wenders trug noch seine langen Haare; ich sah ihn in diesem Kino, also nicht in diesem neuen, sondern in diesem Kinobetrieb, nicht zum ersten Mal und ging, mit meinem Bierbecher in der Hand, dessen Inhalt zu meiner Erbauung nichts gekostet hatte, durch den Raum, um ihn mir aus verschiedenen Perspektiven anzusehen. Im Sommer 1975 war W. im großen Saal des „Filmtheaters“ vorne an der Waldseer Straße vor vierzehn Zuschauern seines damals eben in den Kinos anlaufenden Films „Falsche Bewegung“ gestanden, mit ebensolcher Mähne und Hosenträgern über dem Hemd, sehr einsilbig, und da die Kinobesucher, die sich in dem 465- oder 467-Sitzplätzekino verloren, ihn mit Fragen zu seinem Film (Handke hatte das Drehbuch geschrieben) nicht eben überschüttet hatten, waren immer neue Pausen voller Stille in diesem „Gespräch“ entstanden. Wer schon einmal allein, oder mit nur sehr wenigen anderen, die alle stumm bleiben, in einem weiten hohen Kinosaal, in dem eben keine bewegten Bilder über die Bildwand laufen, gesessen ist, der weiß, wie eine solche Stille sich ausbreitet und den Raum wie leicht entrückt aus der Wirklichkeit empfinden läßt, aber auf eine andere Weise nun als in jener, die einem Kino, in dem man ja der Wirklichkeit für zwei oder mehr Stunden entrückt sein will, zusteht, ja die von ihm verlangt wird – in so einem Kinosaal, aber er muß groß sein, ohne Film ist es einem nach einer gewissen Anzahl von Minuten, als schwebe man, ruhig und still, in einem Raumschiff, oder bloß in einer geräumigen Kapsel, dessen Großbildschirm oder Fenster undurchsichtig geworden ist, in einer langsamen Bewegung durch ein All, in dem all die Welten, die die Filme aufbauten und die wieder versanken, all die Geschichten und Schicksale, die sich in diesen Welten zutrugen, von dieser Kapsel fortdrifteten, in die unendlichen Weiten einer geheimnisvollen Vergangenheit und Erinnerung. Dann hatte der Kinobesitzer zu Wenders gesagt: „Wim, sag was!“ Und, zögerlich, hatte der Regisseur wieder etwas vom Entstehen seines Films erzählt. Den ich zwei Wochen zuvor schon einmal, in Stuttgart, in einer Nachmittagsvorführung, gesehen hatte; in Biberach hatte ich an jenem Abend Bernd H., der damals in Tübingen studiert hatte und an manchen Wochenenden, wie ich, in seine Geburtsstadt gekommen war, dazu überredet, ins Kino mitzugehen; mit dem Film, dessen Geschichte Handke frei nach Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geformt hatte, hatte er, obwohl Germanistikstudent, nichts anfangen können. In den siebziger und achtziger Jahren mochte ich die Wenders-Filme. Im September 1976, als „Im Lauf der Zeit“ im „Urania“-Kino gezeigt wurde, hatte ich, nach zweimaligem Ansehen, eine kleine Besprechung im örtlichen Blatt geschrieben und mußte mir, als ich wieder ins Kino gegangen war, vom Kinobesitzer sagen lassen (ich hätte es besser wissen müssen, nach all der Lektüre über Film), daß ich Fritz Lang mit John Ford verwechselt hätte; denn beide trugen Augenklappen. – Die Filmbesprechung (Schwäbische Zeitung Biberach, 4.9.1976)

Im Lauf der Zeit kommt die Lust auf Veränderung
Biberach. Wim Wenders‘ Film „Im Lauf der Zeit“, der am Donnerstag in Anwesenheit des Regisseurs Premiere in Biberach hatte, ist ein schöner und starker Film. Die beiden Männer, die sich treffen, kommen ohne Gesten aus; der eine fährt in einem alten Möbelwagen durch die Provinzstädte entlang der deutschen Grenze und repariert die Abspielgeräte trister Kinos; der andere hat sich von seiner Frau getrennt und kommt doch ohne sie nicht aus. Sie treffen einander, zufällig, erleben miteinander und sprechen, als sie sich’s zutrauen, über sich und gehen wieder ihren eigenen Weg: Aber gegenseitig gestärkt, mit Mut auf das, was ihnen etwas bringen kann.
Im Lauf der Zeit ist es möglich, Resignation und Selbstaufgabe zu überstehen und die Sehnsucht nach wirklichem Leben zu verwirklichen. Wenders‘ Film ist ein Film voll von großer Sehnsucht nach einem menschlichen Leben. So unmittelbar sinnlich, denn selbst das Gespielte erscheint ungestellt und spontan, so unverstellt und selbstverständlich, wie diese „Geschichte“ abläuft, macht sie Spaß auf eigene – und nicht zuletzt gesellschaftliche Veränderung.
Das artikuliert sich nicht in groß tönenden Sentenzen; alles ist verständlich und sehr realistisch. Und obwohl diese Geschichte drei Kinostunden währt, wird sie nie langweilig, im Gegenteil: Sie ist so ruhig und deswegen so interessant, daß man sie weiterhin miterleben möchte – der Film hat halt (wie' s im Titel Ausdruck findet) einen großen epischen Atem.
“Film ist die Kunst des Sehens“, sagt die Kinobesitzerin in Hof am Schluß der Geschichte, und hinter ihr hängt ein gerahmtes Foto von John Ford. Und: „Wenn keine Veränderung mehr möglich ist, hat alles andere keinen Sinn“, sagte der, der sich doch entscheidet, seinem unvermeidbaren Leben nicht davonzufahren; und er akzeptiert: „Es muß alles anders werden. So long.“
Wim Wenders diskutierte nach der Vorstellung über seine Filmarbeit; die Fragen, die er beantwortete, wären bei intensiver Aufmerksamkeit überflüssig gewesen. kd


- Sonniger Tag, in der Nähe der Dämmerung Schäfchenwolken.
17.3.2002

16
Mrz

16.3.2002

Gegen Ende März 1978 eröffnete der Kinobesitzer Adrian Kutter in Biberach im Gebäude des „Urania“-Kinos sein neues „Sternchen“. Ich hatte noch immer mein Zimmer in der Karpfengasse 24, nun das größere, das, dessen zwei Fenster zur schmalen Gasse zeigten, ihnen gegenüber lag die „Bierhalle“, eine der schlechtbeleumdeten Kneipen der Stadt, die unsereins nicht frequentierte. An jenem Tag, an dem das Kino, von dem Gerüchte zu hören gewesen waren, wie ungewöhnlich es werden würde, und der Kinobesitzer selbst hatte mir schon nach einem Filmbesuch geschildert, wie es aussehen würde, aber ich hatte es eher mit einem Ohr gehört, war ich doch neugierig und ging also hinüber zur Waldseer Straße und zur Saudengasse, wo die beiden Filmtheaterbetriebehäuser noch immer stehen. In der Hindenburgstraße begegnete ich zufällig meiner Mutter und bat sie um fünf Mark, denn ich war pleite und hatte so die Ahnung, daß ein Bier mir gut tun würde, um den Kater der vergangenen Nacht ein wenig zu besänftigen. (Ich hatte öfters zwei, denn Holden Panama Johnson ruhte sich nach seinen oft tagelangen Streifzügen durch die Stadt auf dem langen blauen Sofa aus.) In den zweieinhalb Jahren, die ich in der „Karga“ wohnte, hatte ich natürlich auch mein Zimmer in der Neubauwohnung meiner Mutter auf dem Hühnerfeld, in die wir ja im Herbst 1975 gezogen waren, und oft war ich dort, zum Mittagessen auch unter der Woche, auch fast jeden Sonntag, wenn auch nicht immer und regelmäßig. Es kam schon vor, daß ich mich dort für ein paar Tage nicht sehen ließ. Ich erhielt den Fünfer und schlenderte damit zum Kino, ging über den großen Hof zwischen den beiden Kinogebäuden, die kleine Treppe zum „Urania“-Eingang hinauf. Im Foyer führte eine neu eingebaute Treppe mit zwei Absätzen um 180° hinauf in einen ersten Stock, der früher unbenutzt gewesen war. Die schwarze Tür zu diesem neuen Kino (es roch nach Farbe) stand offen, ein Bierfäßchen auf einem Tischchen mit Pappbechern darum herum dahinter. Ich trat ein, viel los war nicht, wer konnte sich’s denn erlauben, an einem Freitag Vormittag zu einer Kinoeröffnung zu gehen; der Kinobesitzer und Wim Wenders standen an der Theke vor der linken Wand und unterhielten sich.
- Ein trüber Tag, und kalt.
16.3.2002

15
Mrz

15.3.2002

Es war bestimmt nach dem Streik und auch nach Ostern 1970, als ich mit G. im „Biberkeller“, einer bekannten Gastwirtschaft mit einem großen Biergarten, die an der Kreuzung von Birkenharder, Mond- und Gaisentalstraße liegt, zusammen saß, um ihm bei einem Aufsatz, den er aufgebrummt bekommen hatte, behilflich zu sein. Er hatte sich im Unterricht von J. mit seinem Protestverhalten zu weit nach vorn gewagt und das war nur deshalb zu weit nach vorn gewagt, weil seine Äußerungen nicht gut genug durchdacht gewesen waren; er solle, wenn er schon davon rede, wissen, wovon er spreche. An dieser Strafarbeit also seine Gedanken ordnen. Nun, das war ja nicht ganz falsch und konnte nur nützlich für andere Auseinandersetzungen sein. Es war ein verregneter Tag. Wir hockten im fast leeren Lokal, tranken das „Kopfschmerzbier“ und formulierten an den Sätzen. (In Biberach wurde von einer bestimmten alteingesessenen Brauerei ein Bier gebraut, das spätestens nach dem Genuß von zwei „Halben“ unweigerlich leichte, lästige Kopfschmerzen hervorrief. Ob das noch immer so ist, kann ich nicht sagen, denn das Biertrinken hatte ich mir schon lange abgewöhnt, als ich mir alle gebrauten, gebrannten und gekelterten Alkoholika im Sinn des Worts über Nacht abgewöhnte.) G. schrieb, ich diktierte; das meiste von dem, was allmählich auf dem Papier stand. Das blaue Suhrkamp-Bändchen “Versuch über die Befreiung“ von Herbert Marcuse lag auf dem Wirtshaustisch, mehr „Material“ hatte ich nicht mitgebracht, aus dem wurden Zitate entnommen. Als G. fertig war, war ein erstklassiger „Neue Linke“-Aufsatz entstanden. Die Große Weigerung! Ich meine, ich habe mich ganz gut an sie gehalten. Nicht mitmachen bei kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung. Sich vom „System“ nicht vereinnahmen lassen, den Hierarchien trotzen! Diese Forderung war zwar nicht sehr marxistisch, aber ihr hoher moralischer Anspruch gefiel mir und hatte was für sich, und für mich, wie ja überhaupt das linke „Engagement“ in seinem Kern mit meiner christlichen Erziehung gut korrespondierte, in der das Gerechtigkeitsdenken und der Einsatz für die Schwachen und Benachteiligten sozusagen Beschlüsse des innerlichen ZK (nicht das der Katholiken ...) waren, von denen allerdings die Kirchenideologie nichts hatte, weil sich diese Beschlüsse gegen sie wendeten; die guten Geister, die die ernsthafte gedachte und praktizierte Christenmoral hervorgerufen hatte, waren sehr kritische, die sich in ihrer Strenge und Unbedingtheit wiederum mit der pietistischen Kargheit des protestantisch-lutherischen Denkens vertrugen. Schon deshalb konnte der rheinische (katholisch-kölnisch klüngelnde und klingelnde) Heuchlerkapitalismus – „Die Seele in den Himmel springt, sobald das Geld im Kästlein klingt“ – der „BRD“ und seine alles andere als jenseitssehnsüchtige Wirtschaftswunderreligion, mit der die Deutschen ihre Nazisünden vergessen wollten, von mir nicht verinnerlicht werden. Die Große Weigerung – ich versuchte sie zu leben.
- Spätwintertag mit großen Schneeflocken, die mittags Straßen und Wege, Dächer, Autos, Passanten, Hunde, Bäume, struppige Gehölze, Straßenbahnen, Baumaschinen, Regenschirme etc. pp. befeuchteten, für eine kleine Zeitspanne.
15.3.2002

13
Mrz

13.3.2002

1970, das genaue Datum ließe sich ja ermitteln, in Zeitungsarchiven, im Internet, auch in Akten des ermittelnden Verfassungsschutzes, in einer schon oder noch wärmeren Jahreszeit, wurden in ganz Baden-Württemberg die Gymnasien und auch – es mag sein, daß dies nur eine Behauptung ist – Hochschulen wegen der Einführung des Numerus clausus bestreikt. „Stürzt den Hahn, den alten Gockel, runter vom Ministersockel!“, skandierten die Demonstranten in Stuttgart. Hahn war der Name des Kultusministers. In Biberach wurde nicht demonstriert, sondern nur mit Fernbleiben vom Unterricht gestreikt. Als kleiner Nebenaspekt der abebbenden „Studentenbewegung“ ging dieser landesweite Schülerstreik nicht nur in die Annalen der Zeitgeschichte, sondern gar in die Seiten der Biberacher Stadtgeschichte, mit einigen Zeilen, ein. Wie in Biberach üblich, kam auch dieser Aufruhr aus einer roten (kleines oder großes „r“?) Zelle im Wieland-Gymnasium, „WG“ genannt. Im Wirtschaftsgymnasium war offenbar ich der Überkritische – „du bist zu kritisch“, hatte sogar Max S., einer der Aufrechten Sieben, die mit ihren Meinungen auch nicht immer hinter dem Berg hielten, zu mir gesagt – und das nicht ungern, und diese „Sieben gegen Theben“, einschließlich mir, beschlossen, sich diesem Streik anzuschließen. Vermutlich wurde sehr rasch eine ad hoc-Resolution verfaßt und vorgetragen, die die zu erreichenden Ziele des Streiks aufführte und begründete, oder es war eine solche schon sehr schnell in die Schule gelangt (was wahrscheinlicher ist, denn wie sonst hätten wir an jenem Vormittag von dem Streik erfahren sollen?), aber schon in unserer Klasse war ihm kein wesentlicher Erfolg beschieden. Hatten wir nicht auch eine kurze Diskussion mit Studiendirektor J.? Der mit Konsequenzen drohte? Unverdrossen klopften wir, so höflich ging es doch zu, an die Türen der anderen Klassenräume der Schule, weit zu gehen hatten wir nicht, denn es gab nur zwei Parallelklassen und die drei nachfolgenden, bauten uns vor den verblüfften Schülerinnen und Schülern auf (die Lehrkräfte guckten etwas verwirrt) und trugen den Minderheitsbeschluß unserer Klasse vor. (War es nicht wie damals bei Bolschewiki und Menschewiki? Auch damals überrumpelten die Bolschewiki, die „Minderheitler“, die Mehrheitsfraktion; später wurde daraus der Demokratische Zentralismus ...) Beteiligten sich auch Schüler dieser Klassen am Streik? Ich weiß es nicht, ob sich dort jemand anschloß, beachtete es auch nicht genau, denn Eile war geboten. (Schnell zu sein ist immer einer der wichtigsten Faktoren für das Gelingen einer Revolution.) Eine Abordnung marschierte hinüber zum Wieland-Gymnasium – seine Lage innerhalb der städtischen Topographie ist schon bekannt ist, das Wirtschaftsgymnasium befand sich in der Dollinger-Schule, in einem schmutzig-rosafarbenen Bau aus dem Jahr 1952 neben der Fachhochschule für Architektur an einem anderen Ort in der Stadt – , wo die Solidarität, sozusagen die uneingeschränkte, mit der blitzartig über’s Ländle herein geschwappten Streikwelle bekundet wurde. Im dort improvisierten Streikbüro wurde es wohlwollend notiert. Wir kehrten um, wo die anderen unserer Klasse lernend sitzen geblieben waren, um ihre Karrieren nicht schon zu diesem Zeitpunkt zu gefährden, woran man sehen kann, daß Sitzenbleiben das Vorankommen keineswegs behindert, schnappten unsere Mappen und trollten uns zu informellen Gesprächen in ein Café.
Wir ließen uns also am nächsten Tag nicht sehen. Nachrichten kamen: Oberstudiendirektor T. hatte die Eingangstüren der Schule abgeschlossen, damit während der Unterrichtszeit niemand hinein und niemand hinaus konnte. Ich saß – und war nicht auch Hildegard, die einzige Frau unter den Glorreichen Sieben, dabei? – im „Rebstock“ in der Consulentengasse und studierte die Streik-Artikel in der „Schwäbischen“ und der „Stuttgarter Zeitung“ und in der „Frankfurter Rundschau“. Schon las man, daß er abzubröckeln begann. Natürlich machten auch wir uns ein paar Gedanken, denn irgendwelche disziplinarischen Folgen waren nicht ausgeschlossen. Aber in Stuttgart war man nervös geworden, es gab Zusagen für „Überlegungen“ usw., viel konnte man darauf nicht geben, aber der Spaß war nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Wann wurde dann der Streik für beendet erklärt? Wir jedenfalls setzten uns nach drei Tagen wieder auf die Stühlchen. Es gab keine Konsequenzen. Was immer hinter der Tür des Lehrerzimmers gesagt worden war – wir erfuhren es natürlich nicht. Die revolutionären Umtriebe waren damit beendet. In meinen volkswirtschaftlichen Klassenarbeiten gebrauchte ich ein marxistisch eingefärbtes Vokabular, was D. – der mehrmals versuchte, mich mit Läppischkeiten im Unterricht auflaufen zu lassen, was aber leichte Havarieschäden eher bei ihm verursachte, er ließ es sein, seit geraumer Zeit schon ist nun er Direktor des Wirtschaftsgymnasiums – offensichtlich nicht störte, solange die Fakten und Zusammenhänge stimmten; marxistisch-materialistisch betrachtet stimmten sie eigentlich noch „besser“. Die makroökonomischen Belange interessierten mich durchaus, D. honorierte das mit der Note „gut“.
Bei E., einem älteren, musischen freundlichen Mann, der Querflöte spielte, charmant zu den jungen Damen der Klasse war, sich öfters laut darüber wunderte, wie er ausgerechnet an diese Schule gekommen war, freigeistige Sprüche über Himmel und Hölle äußerte und mich nach dem Streik einmal milde ironisch – in dieser Ironie glaubte ich eine Spur Anerkennung zu hören – als „Volkstribun“ ansprach, hatten wir Englisch; ich lernte etwas. Wir lasen „Macbeth“, wir lasen Coleridge. „In Xanadu did Kublai Khan a stately pleasure dome decree / Where Alph, the sacred river ran / Through caverns measureless to man / Down to a sunless sea ...“ Super.
Mit dem letzten Deutschlehrer – sein Vorgänger Z., der nach Mozambique ging, hatte die Angewohnheit, meine Aufsätze vorzulesen, auch vergatterte er zweimal Willi F., meinen Nebensitzer, er ist Deutschlehrer geworden, dazu – freundete ich mich an. Wir duzten uns; nicht in der Schule. In K.s Wohnung hielt ich dann bis zum Sommer 1971 meinen Arbeitskreis im „Republikanischen Club“, dem er angehörte, ab. „Ben“, wie er auch von den andern Sieben Samurai genannt wurde, die mit ihm ebenfalls einen ungezwungenen Umgang hatten, war Ende Zwanzig und verließ mehr oder weniger fluchtartig das Wirtsch.gym., in dem er sich völlig am falschen Platz sah, und ließ sich, nach diesem doch noch von radikalen Aktivitäten, die allerdings außerhalb der Schule stattfanden, geprägten letzten Schuljahr vom Goethe-Institut nach Japan schicken. Wir schrieben uns einmal hin und her, über Thomas Mann und den Visconti-Film „Der Tod in Venedig“, und in seinem Brief stand, daß Heinrich Mann ihm näher sei; dann versandete diese Bekanntschaft. Ein paar Monate zuvor hatte er gewollt, daß ich mich der mündlichen Prüfung stellen sollte, die in seinem Fach und bei E. von meiner Freiwilligkeit abgehangen hätte; aber ich schlug es aus, es war mir zu viel Ritual dabei, ich wußte, was ich wußte, das genügte.; ich ließ die Spitzennote in diesen Fächern sausen. Zum Schluß wurde es aber wegen Mathematik, Sport, BWL und Physik doch noch knapp. Das „Mündliche“ in Physik, dem ich mich notgedrungen unterwarf, brachte mich durch den Engpaß. Als der Quatsch vorbei war, sagte ich J., ich wüßte sehr wohl, daß er es nicht ungern gesehen hätte, wäre ich durchgerasselt. Er grinste nur. Dann lag der Wisch im Schrank; ich warf Mathe-, BWL- und VWL-Bücher in zwei Plastiktüten, den Rechnungswesenschund dazu, und überantwortete diese dem Müll. Mir war ganz klar, niemals mehr würde ich damit zu tun haben. So war’s ja dann auch.
- Grau, unfreundlich. Abends Regen.
13.3.2002

12
Mrz

12.3.2002

Die Nichtsympathie für J. nahm zu, als er mir Ende September 1969 nicht erlaubte, dem Samstagsunterricht ausnahmsweise einmal fernbleiben zu dürfen; ich hatte noch brav gefragt. Ich wollte zu einem Treffen von Science Fiction-Fans, zu einem „Con“, nach Saarbrücken fahren, der an jenem Samstag schon am Nachmittag begann. (Bis zum Ende meiner Schuljahre hatten wir uns auch an den Sonnabenden, trotz Unterrichts auch an einem Nachmittag in der Woche, hinter die Schulbänke zu quetschen und wäre das bei den Schülern von heute so, gäbe es keine schlechten Ergebnisse bei PISA-Studien.) J. konnte meinen Erklärungen, daß es sich in dieser Angelegenheit ja um die Pflege meiner literarischen Interessen handele, nicht folgen, was mich an einem Betriebswirtschaftler nicht verwunderte, er erlaubte es nicht, meinte, ich hätte anwesend zu sein, andernfalls wäre ein Gespräch „mit Ihrer Frau Mutter“ nicht auszuschließen. Ich brachte diesen Vormittag hinter mich und fuhr dann nach Saarbrücken, wo mich A. Stuby, Initiator und von 1980 bis 1991 Leiter des Saarbrücker „Max Ophüls Preis“-Filmfestivals und immer noch Leiter des Filmhauses, mit seinem flotten Alfa Romeo-Sportwagen abholte und zur Tagungsstätte fuhr. Dort lernte ich von den Anwesenden ein paar Leute kennen, mit denen ich auch später noch zu tun hatte, so war H. Pukallus dort anwesend, der mir nur Tage später aus Düsseldorf „Info-Material“ des Verbands der Kriegsdienstverweigerer zukommen ließ. Im Kino, das in späterer Zeit Abspielstätte für die Filme des Saarbrücker Festivals wurde, sahen wir am Sonntag „Fellinis Satyricon“ an; über diesen Film schrieb ich meine erste Filmrezension, die in der SFT erschien. Am Montagmorgen war natürlich Schule; die Bahnverbindung am späteren Sonntagabend nicht mehr die beste, so wurde in der „Bierakademie“ beratschlagt, wie ich zur richtigen Stunde in Biberach sein konnte. Ein Student aus Stuttgart, ebenfalls Teilnehmer des Cons, nahm mich in seinem VW-Käfer mit. Wir fuhren durch die Nacht nach Stuttgart und dort zuerst zum Hauptbahnhof, um die Abfahrtszeit des ersten Zuges nach Ulm zu erkunden. Die drei Stunden, die ich noch warten mußte, verbrachten wir, etwas einsilbig uns etwas erzählend, bei Kaffee, den der freundliche Student, ich behielt seinen Namen nicht im Gedächtnis, uns kochte, in seiner kleinen Wohnung, bis er mich zum Bahnhof fuhr. Ich war, übernächtigt, aber pünktlich, 7.30 Uhr in der Schule.
- Ein eher trüber Tag, den hin und wieder etwas Sonnenlicht heller auffrischte.
12.3.2002

11
Mrz

11.3.2002

Das Wirtschaftsgymnasium war die falsche Schule für mich und doch auch nicht. Von humanistisch-geisteswissenschaftlichen Werten war, außer in den Fächern Deutsch und Englisch, wo sie „Stoffe“ hießen – wie freilich auch dort, wo der Begriff „Humanismus“ auch schon eher in die Nähe der Fremd- und Lehnwörter gerückt war, und diese „Stoffe“ sind ja in allen Schulen und Schularten zur späteren Verwertung gedacht, und insofern lagen sie da im Wirtschaftsgymnasium eigentlich schon viel näher an ihrer Bestimmung als in Instituten, wo von Bildung, möglichst umfassender und allgemeiner, gefaselt wurde, was dem Ort meiner Lernbemühungen sogar eine gewisse Ehrlichkeit verlieh –, von vornherein nichts geboten, dazu war diese Schule nicht da, und auch nicht viel zu bemerken, dafür kam wiederholt die Sprache auf andere Werte, eben jene, zu denen Stoffe aller Art gehören, und bezüglich dieser Stoffe, ihrer Verwertung, zu denen nun einmal auch die „humanen Resourcen“ gehören (so war das „Humane“ also doch anwesend), und ihrer korrekten Verbuchung – zumindest wollte man uns beibringen, wie es sein sollte, wie es wirklich ist, würden wir ja erfahren – herrschte ein angenehm aufrichtiger Ton, wenn J., eine forsche Type, in seinem Betriebswirtschaftslehre-Unterricht sagte, wie es war und ist: „Der Unternehmer muß über Leichen gehen!“
Wie ich aus meiner Marx-Lektüre und nicht nur aus ihr, die Zeitungen waren ja voll davon, wußte, hatte er, beziehungsweise der „Gesamtkapitalist“, der IVK, der „Internationale Verband des Kapitalismus“, das bis zum Jahr 1969, in dem diese hübsche Äußerung fiel, schon ausgiebig befolgt. Was wir in diesem Unterricht in manch schöner Stunde hörten, war – richtig beleuchtet – ergänzender Unterricht zu den überall im Lande in helleren Köpfen stattfindenden Marxismusstudien und hätte demnach schon damals mit Berufsverbot für solche Lehrer unterbunden werden müssen, nicht erst 1973, als sich in der so viel mehr Demokratie wagenden Kanzlerägide Willy Brandts – „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ sagte Brandt mit seiner Cognacstimme ins Land – die SPD vor den Linksradikalen, vornehmlich der DKP, die Lehrer werden wollten und sollten, aus Angst in die Hosen schiß; sie schiß sich jedoch nicht wegen dieser paar Studenten in Lehrerstudiengängen in die Bundfaltenhosen, sondern wegen der noch reaktionäreren politischen Kräfte in Verkörperung noch besserer Demokraten, die ihren Franz Josef S. und Alfred D. folgten, die von Rechten, demokratischen, nichts hielten, wenn sie ihren Interessen zuwiderliefen und die sich um die ehernen Rechte von Großgrundbesitzern, Kardinälen und Konzerneigentümern kümmerten und nebenbei ihr eigenes Schäfchen ins Trockene brachten, und weil diese Herren Demokraten – ihr Nachwuchs ist auch nicht weniger geworden – ihnen bei gefürchteten fürchterlich demokratischen Wahlen die mühsam ergatterten Pfründe wieder hätten entwenden können (denn wie es der Zufall so wollte, hatten die ersten terroristischen Machenschaften „der Linken“ das Volk, den großen Lümmel, wie Heines Worte waren, schon gut genug geängstigt), und so kam’s ja auch, und warum auch nicht, es hatte sich nicht viel geändert und es änderte sich danach auch nicht viel; nur die Konten manch unternehmungslustiger Unternehmer änderten sich, wurden noch dicker, so dick wie der, der ihnen die Auffüllung, gegen Bares für die Parteikassen, verschaffte.
J., um die vierzig, vielleicht jünger, war der Klassenlehrer, wir gerieten ein wenig aneinander. Er trug die Haare kurz, fast militärisch (seine Ansicht, und nicht nur seine, wie der Unternehmer vorzugehen habe, bedenkend wäre „militaristisch“ wohl das richtige Wort), und eine Brille mit dünnem Rahmen um die Gläser. Eine kleine Ähnlichkeit mit Schiller – nicht Friedrich, sondern Karl, übrigens eine Figur aus den „Räubern“ – fiel mir auf. Der war in der Regierung Brandt in Personalunion Finanz- und Wirtschaftsminister und deswegen von den Medien zum „Superminister“ ernannt worden. War es nur Zufall, daß J. die Ähnlichkeit kultivierte? Allerdings hatte die Brille des Ministers dickere Ränder. Jedenfalls ließen die anerkennenden Ausführungen J.s zur mittelfristigen Finanzplanung und anderer Errungenschaften des Superminister vermuten, daß der sein heroe war. Superkarli. Oder Superkerli? J. war eher ein Verteidiger der Freien als der Sozialen Marktwirtschaft und plauderte zuweilen aus dem Wissensschatz des BWL-Lehrers zu den Einverstandenen der ersten beiden Reihen, in meinen Augen, die von ihrer Position über dem Stuhl unmittelbar vor der Rückwand des Raumes gelangweilt auf die Bilanzaufstellungen der doppelten Buchhaltung – die Zeichen der doppelmoralischen Haltung – an der Tafel blickten, die unkritischen Angepaßten, die mit mir nichts anzufangen wußten und vice versa.
- Mildes Sonnenwetter. Wolkenschleier über der Stadt.
11.3.2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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Als Biberacher, der K.D. kannte und als bekennender...
Tadellöser - 20. Dez, 13:02

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