21
Jul

21.7.2002

Als es in Biberach noch das Kaufhaus „Schleehauf“ gab, als es vom langjährigen Stammhaus im vormaligen „Haus Krone“ an der Ecke Hindenburgstraße/Viehmarktstraße – in dem übrigens der Großvater mütterlicherseits des Kinobetreibers K., Erpff, in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts eines der ersten Kinos der Region betrieben hatte ... – aus am Viehmarktplatz um die Ecke ein zweites Verkaufsgebäude bezogen hatte (das ab Anfang der sechziger Jahre konkurrierende „Riß“ stand direkt an der Ecke, im Ruch eines zweitklassigen Billigkaufhauses, dazwischen), ging ich mittags oft, als Realschüler, sagen wir der vorletzten Klasse, nach Schulschluß in dieses „neue Schleehauf“, um auf der ersten Etage in dem Restaurant-Café, wo die Kundinnen, weniger die Kunden, bei einem Täßchen Bohnenkaffee mit Milch und Zucker und einem Tortenstück oder mit etwas anderem aus dem Angebot der Theke versorgt über den befriedigenden Einkauf oder über dessen Fortsetzung sinnen konnten, etwas zu mir zu nehmen, wenn das am Morgen mit meiner Mutter abgesprochen worden war, oder ich ging mit ihr in ihrer Mittagspause vom „alten“ Kaufhaus hinüber und wir bestellten uns einen Toast oder Saitenwürstchen mit Brot und Senf, und ich trank eine Cola oder einen süßen Sprudel dazu. Während dieser Schnellmahlzeit der sechziger Jahre – als „Fast Food“ noch unbekannt war – besprachen wir dann, wie die zweite Tageshälfte für uns zugehen würde; meine Mutter hatte abends manchmal ihre Termine und sagte mir (ich verzehrte das zweite Würstchen), wann ungefähr sie nach Hause käme, und ich erbat mir wieder einmal etwas Geld für den meinerseits geplanten mittwöchlichen Kinobesuch; viel zu besprechen gab es aber nicht, wahrscheinlich legte meine Mutter Wert darauf, daß wir uns untertags auch hin und wieder sahen. In jenen Jahren gewöhnte ich mir das häufige Alleinsein an, dem ich immer etwas abgewinnen konnte, und dabei ist es geblieben.
Dieses Restaurant, in das man sofort hinein trat, hatte man die gewinkelte Treppe hinter sich gelassen, nahm den Südteil der Etage ein, im Nordteil hingen nicht allzu teure Teppiche von ihren Gestängen und breitete sich die „Auslegware“ in ihren Farbgebungen aus, und Tapezierzeug, Tapeten, alles, was man zur Verschönerung der Sechzigerjahreheims benötigte, war hier zu haben. Breite Fenster ließen viel Licht herein, dennoch leuchteten auch mittags die Neonröhren unter der Decke. Entweder mußte meine Mutter dann schnell wieder hinüber ins andere Haus und verließ den Resopaltisch als erste, oder ich zog vor ihr davon, wenn sie sich noch ein wenig ausruhen wollte. Unten neben dem Treppenaufgang stand all die Jahre ein Drehständer, in den Heimat-, Liebes-, Arztromänchen einsortiert waren, die mir suspekten Landser-Schundhefte (auf sie wandte ich die abfällige Bezeichnung ganz unironisch selber an), das eine oder andere „Utopia“-Werk aus dem Verlagshaus Moewig-Pabel, dazu Exemplare der Heftserien „Mark Powers“ und „Rhen Dark“ – und natürlich Westernromane. So verließ ich kaum einmal dieses Kaufhaus, ohne den Heftchenständer einmal um seine Achse gedreht und eventuelle Neuzugänge kontrolliert (und mitgenommen) zu haben. Eine eigentümliche, sehr charakteristische Ausdünstung strömten diese Heftchen aus, ein wenig muffig roch es in ihrer unmittelbaren Nähe, nach billigem Papier; ich mochte diesen Geruch. So beendete ich oft mein ernährungswissenschaftlich bedenkliches mittägliches Mahl, indem ich zwei oder drei Heftchen erwarb, einen mit unbekannten „Mark Powers“-Band (zu jener Zeit wurde die Serie schon nicht mehr fortgesetzt) oder ein „Utopia“-Dings mit einem rasanten Raumschiff oder deren Benutzern, die sich mit klobigen „Blastern“, aus denen dicke Laserblitze schossen, der tentakelreichen Fremdweltenmonstern oder robotischen Blechkästen erwehrten, vorne drauf, dazu eine Westernstory der Serie „Tom Prox“ oder „Billy Jenkins“. In einer Stunde des Nachmittags, manchmal noch vor der Erledigung der lästigen Hausaufgaben, zog ich sie aus der Innentasche des Anoraks und legte sie auf den großen Eßtisch im Wohnzimmer, an dem sie von mir Hirnmonster als Lesefutter verschlungen wurden. Ein Heftchen aber reservierte ich mir für den Abend, schließlich hockte ich doch nicht immer im Kino, wo ich mir Geschichten aus der Fremde in die Gedankenwelt reinzog.
- Eher regnerisch; unfreundlich; am Vormittag zwei heftige Sommergewitter nach der Mittagszeit, mit reichlich Regen, Hagel, die Hagelkörner hüpften vom Fensterbrett. Zwischen den Gewittern abrupt rasch Sonnenlicht. Nach dem zweiten Unwetter blieb es „schön“ bis zur Dämmerung.
21.7.2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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