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    <title>-- Tag um Tag -- (Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): &quot;Die&amp;nbsp;Biberacher&amp;nbsp;Zeit&quot;) : Kommentare</title>
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    <description>Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): &quot;Die&amp;nbsp;Biberacher&amp;nbsp;Zeit&quot;</description>
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    <title>-- Tag um Tag --</title>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4592149/">
    <title>Übersicht</title>
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    <description>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200701&quot;&gt;Januar 2007&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200702&quot;&gt;Februar 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200703&quot;&gt;März 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200704&quot;&gt;April 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200705&quot;&gt;Mai 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200706&quot;&gt;Juni 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200707&quot;&gt;Juli 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200708&quot;&gt;August 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200709&quot;&gt;September 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200710&quot;&gt;Oktober 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200711&quot;&gt;November 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/month?date=200712&quot;&gt;Dezember 2002&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;</description>
    <dc:creator>OliverG</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/topics/+projekt-info&quot;&gt; projekt-info&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 OliverG</dc:rights>
    <dc:date>2007-12-31T22:59:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4487885/">
    <title>31.12.2002</title>
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    <description>Nach den Weihnachtstagen von 1977 saßen Simca G., Henri H. und ich im Alten Haus und dachten an Sylvester. Wie diese Nacht hinter sich bringen? Simca studierte inzwischen in ....; hieß die Stadt nicht München? Ich kannte sie seit den linksradikalen Jahren am Anfang des Jahrzehnts. Henri H., ein nicht sehr großer Typ mit rundem Gesicht und einem kurz geschnittenen Vollbart darin (ein Hetero wie alle die ich kannte), hatte die Angewohnheit, die Meinungen, die er vertrat, in dezidiertem Ton vorzutragen, als gäbe es von dieser seiner Meinung keine mögliche Abweichung. So läuft das, oder da kannst du drauf warten, daß es so kommt, sagte er, selber völlig überzeugt davon, und griff nach dem Bierglas. Ich bemerkte hin und wieder, daß dieser Tonfall, dieses Überzeugtsein von der richtigen Sichtweise eigentlich banaler Vorkommnisse mir auch nicht fremd war, und eher habe ich es seit jenen Tagen noch deutlicher werden lassen. Ja? Aber mit H.H. hatte das nichts zu tun, wir waren uns darin nur ein wenig ähnlich. Wir überlegten also, was in der Sylvesternacht zu tun sei und vereinbarten, etwas Geld zusammen zu legen und eine gemeinsame Party in meinem Zimmer im Haus in der Karpfengasse zu geben. Am 31. Dezember fuhren wir mittags in einen großen Supermarkt am Rand der Stadt  Simca fuhr, H.H. hatte wieder einmal ein Auto demoliert und war ohne Führerschein  und luden Alkoholika und Knabberzeugs in Körbe und schleppten eine halbe Stunde später alles in mein Zimmer hinauf. Ich stellte ein paar Möbel anders hin, um Platz zu schaffen, schloß am Nachmittag das Zimmer ab (im Frühjahr waren eine Menge Jazz-Platten von Markus M. und ein paar von meinen alten Pop-Platten am Tag nach einem anderen Umtrunk aus meinem Zimmer geklaut worden, es bedurfte ja nicht sehr weitgehender Kenntnisse, um das alte Schloß zu öffnen) und ging zur Wohnung im Hühnerfeld, wo ich, Wein trinkend, lesend in meinem Raum, die Zeit zubrachte, bis nach zwanzig Uhr meine Mutter das Sylvesteressen auf den Tisch stellte. Danach spazierte ich in die Stadt hinunter in die Karpfengasse. In den Straßen und Gärten knallte und zischte es selten; es herrschte noch, wie zu jedem Jahresende, die Ruhe vor dem Sturm. Nach neun Uhr am Abend trafen die ersten Partyleute ein. Der Kater Panama versteckte sich unter einer ausrangierten Kommode im Flug, die Hektik verschreckte ihn. Ich nahm ihn auf den Arm und trug ihn wieder ins Zimmer zurück, wo er sich in eine Ecke verkroch. Ich wollte nicht, daß er aus dem Haus abhaute, wie er es schon zweimal in den Jahren, die ich dieses Haus bewohnte, getan hatte und ich tagelang in Sorge gewesen war. (In den Jahren im Appartment im fünften Stock wollte er dann immer, wenn sich Gäste um den Holztisch von Herbert Kohout versammelten, dabei sein und legte sich gemütlich neben den Stuhl, auf dem ich saß, so daß ich über ihn hinweg steigen mußte, wenn ich eine neue Flasche oder ein frisches Glas aus der Küche holte; er rührte sich.) Allmählich füllte sich mein Karpfengassenzimmer mit Leuten an. Markus hatte wider bessere Erfahrung seinen Plattenspieler und zwei Boxen herein getragen und aufgestellt, Jazz pulsierte durch das Haus, denn oft genug blieb die Tür offen stehen, die ich wegen der Kälte, die auf dem Gang hockte, und wegen Panama immer wieder schloß. Es kamen Leute, die ich kaum kannte, die zu Simcas Freundeskreis gehörten oder die sich hatten sagen lassen, daß in der Karpfengassen-WG eine Party stattfand. Doch störte mich das nicht. Es war ein offener Abend; auf dem bemerkenswerterweise kaum etwas zu Bruch ging. Gegen später trank ich nur noch Scotch, wurde aber nicht betrunken, was ich auch nicht werden wollte, denn bei solchen Festen, bei denen ich zu den Gastgebern gehörte, behielt ich gern den Überblick. Die Körbe mit den vollen Flaschen wurden geleert, Salzstangen und -brezeln und allerlei Partygebäck gemümmelt. Ungefähr fünfzig Leute kamen und gingen während der Nacht, hielten sich eine Weile im Zimmer auf, traten hinaus, kamen wieder. Spät, der Morgen war nicht mehr fern, saß ich in einem der blauen Sessel im hinteren Teil des Raums, drehte das Whiskyglas in den Fingern und plauderte mit Charles, meinem ehemaligen Zimmernachbarn, der zu den Feiertagen zum Elternbesuch in das Dorf in der Nähe von Ochsenhausen angereist war, erzählte ihm viel von Prousts Recherche. Jahre danach sagte er mir, daß dieses Morgengespräch ihn dazu veranlaßt habe, sich dies Werk der Erinnerung zu kaufen und zu lesen. Hinter den beiden Fenstern stieg der Neujahrsmorgen mit grauem Licht auf; niemand wußte, was nach ihm im Leben geschehen würde. &lt;br /&gt;
So viel Zeit ist vergangen ...&lt;br /&gt;
Es wird also wieder ein Jahr beginnen, eine Zahl wird sich verändern, und ein neuer Zyklus, der mit Krieg anfängt, kann nur für jene ergiebig sein,  die daran verdienen. Während die einen ihre Restillusionen verlieren, stürzen andere sich freudig in ihre neuen hinein. So ist auch das vor den Pforten schon wartende Jahr kein neues, sondern ein eigentlich längst altbekanntes, das die Wiederkehr des Immergleichen, mit Talmi aufgeputzt trügerisch glänzend, mit Orden fürs Morden, mit der frechen Zurschaustellung der weltlichen Legitimität von Raubgier und Machwahn, zelebrieren will. Die Menschen bleiben sich ja auch immer gleich, wieso sollten Jahre es anders halten? Nur die Spiegelungen und Widerspiegelungen auf den Oberflächenstrukturen, die Erlebnis, gute Geschäfte, verheißen, reflektieren ein wenig anders, verschieben ihre Trugbilder in eine weitere Variante der Verzerrungen hinein (die man die Wechselfälle des Lebens nennt), aber sonst bleibt sich alles gleich. Etwas Neues ist ja nur die Ausgeburt von etwas Altem; wenn das Alte zu spät gebiert, könnte das Neue eine Fehlgeburt sein. Und gebiert das Alte zu früh, kann man eines Tages  eines schönen Tages  das Neue vom Alten kaum unterscheiden. Aber das ist nur Raisonnement am äußersten Rande eines Jahrs; in dem ich durch viele Jahre gegangen bin  in meiner &lt;i&gt;Biberacher Zeit.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
- Ein sonnenstrahlender Tag mit sehr kaltem Wind.&lt;br /&gt;
31.12.2002</description>
    <dc:creator>kdd</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/topics/KD&quot;&gt;KD&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 kdd</dc:rights>
    <dc:date>2007-12-30T23:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4487871/">
    <title>30.12.2002</title>
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    <description>Nach meinem letzten Arbeitstag im Kino  18. Juni 1997  begann meine Biberacher Zeit auszulaufen ... Einen Tag nach meiner Rückkehr von der Matinee der Marcel Proust Gesellschaft fuhren Bruno B., Raphael und ich für eine Woche nach Berlin. In Berlin war es heiß. Wir streiften herum und fuhren einmal nach Potsdam zu Hartmut und Edda, wo wir Kaffee auf der Datscha-Veranda tranken und Kuchenstücke aßen. Einmal fühlte ich mich unwohl und bat Raphael, mir etwas von seinen Baldrian-Tropfen, die er, was ich etwas eigenartig fand, mit sich führte, zu geben. Die wenigen Tropfen, die ich mit Wasser einnahm, verursachten einen Schweißausbruch: der Alkohol, den ich nicht mehr gewohnt war, zeigte Wirkung. Raphael und Bruno gingen, ich blieb auf der Matraze in der noch unsanierten Wohnung von Stefan H. liegen und war erst wieder abends fit. Wir fuhren ins nach-schützenfestliche sommerlich-hitzestrahlende Biberach zurück. Ich ging jeden Tag zu Klaus Leupolz, der an dem Reisebericht über seinen letzten Trip nach Südostasien schrieb, oder schon damit fertig war. Seine Krankheit schritt fort. Ich tippte die literarischen Zeilen ab, Raphael druckte die Seiten aus. Ich war glücklich, den Job endlich hinter mir gelassen zu haben. Ich war arbeitslos und genoß es, zumal ich mein Arbeitslosengeld wegen der Kündigung aus gesundheitlichen Gründen ohne dreimonatige Sperre kassieren konnte. Die Bronchitis, für die ich mir ein Attest hatte ausstellen lassen, die ich mir nach einer nicht auskurierten Sommergrippe im Jahr 1990 eingehandelt hatte, war Grund genug, daß meine gesundheitliche Beeinträchtigung von den Ämtern akzeptiert worden war. Ich schrieb einen längeren Text über die Woche in Berlin. Meine Kurse in der Jugendkunstschule hielt ich noch bis zum Sommer von 1998, und mit einer Lesung meiner jugendlichen Literaturfreunde Tilo W., Matthias D., Felix N., Katrin M. und Martin G. im Braith-Mali-Museum, zu der ich auch einen zehnminütigen Super-8-Film aus Material, das Manfred S. und ich auf unseren Autotouren durch die Schweiz im Jahr zuvor aufgenommen hatten, laufen ließ, beendete ich sie. Fast jeden Tag besuchte ich Klaus L., der nun im Rollstuhl, halbseitig gelähmt, noch in seiner Wohnung war. Auch der Lese- und Schreibkreis, den ich einmal in den Monaten der zurückliegenden Jahre, seit 1994, im Harmonietürmchen am Zeppelinring, einer Begegnungsstätte des Sozialpsychiatrischen Dienstes, angeleitet hatte, trat in jenem Sommer wieder mit einer Lesung von neu entstandenen Gedichten an die Öffentlichkeit. Im Herbst übernahm eine Lehrerin die Anleitung in diesem mir immer als sinnvoll erschienenen Schreibzirkel. Im Auftrag eines Werbemenschen schrieb ich in dieser Zeit als Ghostwriter schon einige Kurzgeschichten nach den authentischen Erlebnissen eines Unternehmers in der Touristikbranche, die der Werbemann bei Books on Demand zu einem schmalen Taschenbuch zusammenfaßte. Das war das persönliche Weihnachtsgeschenk des Unternehmers für seine Geschäftsfreunde. Mit dem Geld, das ich dafür erhielt, finanzierte ich am Novemberende wieder die Reise nach Berlin, um mich um meine von der BfA bezahlte Ausbildung zum Online-Redakteur zu kümmern. Das Geld reichte dann noch für einen kleinen Umzug nach Berlin im Januar des folgenden Jahres in ein Neubauzimmer in dem Teil der Adalbertstraße, der von 1961 bis 1989 hinter der Mauer gelegen hatte; in Mitte und nicht in Kreuzberg. Ronald von R. und seine Lebensgefährtin, beide freie Journalisten, fuhren ihren VW-Bus oder Ford-Transit mit meinen Sachen, zu dritt hockten wir vorne in der Fahrerkabine. In Berlin war die Vermieterin nicht in der Wohnung. Von der Telefonzelle, die auf der anderen Straßenseite stand, rief ich ihr Handy an. Wir tranken etwas in einem Freaklokal im Kreuzberger Teil der Adalbertstraße. Wie sich herausstellte, lebte Madelaine K., die junge Vermieterin, die ihr Zimmerangebot im Zitty, einem der Stadtmagazine Berlins, inseriert hatte, die immer erst abends zur Abend mußte, in prekären Verhältnissen. Es gab Schlüsselprobleme. Eine eiskalte Februarnacht verbrachte ich notgedrungen in der Wohnung meiner Kusine im Prenzlauer Berg. Ein Typ, etwa Anfang vierzig und unauffällig-alltäglich angezogen, schleppte M.  sie war betrunken oder hatte andere Stoffe in sich oder war auch nur völlig erschöpft  an einem Sonntagnachmittag in die Wohnung und trat anschließend in das Zimmer, das ich gemietet hatte und fragte, was ich hier eigentlich zu suchen hätte. Außerdem wüßte ich doch, daß ich ausziehen solle. Er war beruhigt, als er erfuhr, daß meine erotischen Interessen nicht dem weiblichen Geschlecht gelten. Er wurde leutselig. Für mir keen Problem, meinte er, ick kenne ooch welche. Wenn de mal wat brauchst: ick besorge dir allet. Keen Problem. Du kannst allet haben. Ich dankte freundlich und er ging. Ich sah zu, mich in einer neuen Behausung niederlassen zu können und war heilfroh, als Stefan H. mir anbot, mit ihm in der Umsetzerwohung in der Veteranenstraße am Weinbergspark eine Zwei-Mann-Wohngemeinschaft zu bilden. Meine Kusine und ihr Sohn Grischa halfen mir beim Umzug. Wir luden die wenigen Möbel, den Teppich, eine halbvolle Bücherkiste in ein Fahrzeug von Robben &amp; Wientjes und verstauten alles teils in Stefans Wohnung, teils in seinem Keller. Zwei Tage später, am Gründonnerstag, fuhr ich nach Biberach. Mein Appartment im fünften Stock hatte ich noch. Über die Feiertage packte ich hier meinen Besitz umzugsfertig zusammen und ließ mich in den Kneipen der Stadt kaum sehen.&lt;br /&gt;
Raphael hatte sein Studium in Berlin im Herbst 1998 aufgenommen und wohnte zusammen mit seinem Kinderfreund aus dem gleichen Ort bei Biberach in der Katzbachstraße in Kreuzberg. Am 31. Juli 1999 unternahm ich mit der Hilfe von Uli, dem Lebensgefährten meiner Kusine und einem meiner Cousins, Stephan, den großen Umzug nach Berlin. Mit einem roten LKW fuhren wir eine Sommernacht lang nach Biberach, schliefen drei Stunden, packten dann (der Hausmeister und eine vor Ort angeheuerte Hilfskraft halfen auch) den größeren Teil meiner Habe ein. Ich warf einen letzten Blick vom Balkon hinüber zur Kette der winzigen Alpenspitzen und schloß für immer diese Wohnungstür, durch die ich vierzehn Jahre und in den fünf Monaten danach auch noch ein paar Mal hindurchgegangen war, hinter mir. Wir parkten den LKW auf dem Marktplatz, tranken einen Kaffee im Vienna und aßen, nach einem kleinen Spaziergang durch Biberach, später im Biergarten des Biberkeller am unteren Ende der Gaisentalstrasse zu Abend. Thomas G. gesellte sich schließlich hinzu. Wir spazierten in der Dämmerung zum Marktplatz, stiegen ein, rollten durch die Nacht nach Berlin. Am 1. August endeten (glaubte ich ...) meine Jahre in Biberach. Nun war ich ein Berliner. Kein Mensch in Biberach hatte angenommen, daß ich je noch einmal die Stadt verlassen würde. Ich fuhr ein paar Mal danach in die kleine Stadt, wegen einer Lesung, aus anderen Gründen und um Klaus, der inzwischen in Biberach  nach Aufenthalten in einem Sterbehospiz in Friedrichhafen, wo nicht nur ich ihn einige Male besucht hatte, und einem stinkenden Altenheim in Ravensburg, und auch dort schoben wir aus seinem engsten Freundeskreis seinen Rollstuhl über die Gehwege  in einem Pflegeheim lag, der Sprache und des Hörvermögens beraubt, auch der Sehkraft, abgemagert bis auf die Knochen, zu besuchen, auch wenn er von diesen Besuchen wahrscheinlich nichts mehr wußte, obwohl ich ihm  in der Hoffnung, daß er vielleicht doch noch etwas hörte  erzählte, was mich wieder einmal nach Biberach getrieben hatte. Am letzten Septembertag von 2001  seit mehr als einem Jahr hatte ich mit meiner Chemotherapie zu tun  warf ich beim Verlassen seines Krankenzimmers einen letzten Blick zurück. Mir war klar, daß ich ihn in dieser Sekunde zum letzten Mal sah. Er starb am 11. November, sein Bruder H. rief mich an.&lt;br /&gt;
- Unansehnlicher Spätdezembertag.&lt;br /&gt;
30.12.2002</description>
    <dc:creator>kdd</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/topics/KD&quot;&gt;KD&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 kdd</dc:rights>
    <dc:date>2007-12-29T23:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4487865/">
    <title>29.12.2002</title>
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    <description>In diesem Jahr 1979 gründeten junge Schwule, von denen ich nichts wußte, die mir auch erst später im Jahr zum ersten Mal über den Weg liefen, weil sie oft gemeinsam ins Kino gingen, doch tatsächlich eine Schwulengruppe für den Landkreis. HELB e.V., Homosexuelle Emanzipationsgruppe Laupheim-Biberach e.V., hieß dieser Verein. Einer von den Mitgliedern, ein großer schlanker Typ, in nicht allzu auffälliger Weise effeminiert, begegnete mir häufiger; oft hockte oder stand er, allein oder mit einem älteren Kollegen mit Schnauzer, in den Schaufenstern eines Textilhauses in der Innenstadt, an dem ich, vom Bus kommend, der auf dem Marktplatz den Start- und Endpunkt seiner Stadtroute hatte, durch die Schrannenstraße, in der die Stadtbibliothek sich befand, gehend, vorbeikam, wenn ich  damals erst am frühen Abend  zum Kino ging. Wir grüßten dann einander mit einem Handzeichen. Er wohnte in meiner Gegend auf dem Hühnerfeld, fuhr einen Ford Capri, ein Automodell, das damals eine Art Sportwagen für den mittelprächtigen Geldbeutel war und inzwischen, weil es schon lange nicht mehr hergestellt wird, ein Auto für Liebhaber geworden ist. Es kam an den Wochenenden manchmal vor, daß er mich mitnahm hinunter in die Stadt, wenn ich zu Fuß meinen Weg zum Kino ging und wir uns auf der Amriswilstraße des Hühnerfelds zufällig sahen. Er war freundlich, jedoch nicht mein Typ. Einige Männer aus dieser Gruppe frequentierten das Alte Haus, gelegentlich sah ich sie dort, wenn ich mit jemanden aus meinem Kreis dort saß, dann winkte man sich über die Tische hinweg zu, was mich jedoch nie veranlaßte, meinen Sitzplatz zu verlassen, um ein paar Worte mit diesen Jungs, die um etliche Jahre jünger als ich waren, zu wechseln. Nicht, daß ich mich nicht mit ihnen hätte sehen lassen wollen, es war nur so, daß mich keiner von ihnen interessierte. Keiner war mir hübsch genug. Den Namen dieses Dekorateurs habe ich vergessen. Nicht vergessen dagegen den von Herbert T., der, soweit mein sehr spärlicher Einblick ins Geschehen der HELB, in deren Gruppenraum ich nur einmal mit Jean D.  wir erinnern uns an den Vorfall auf dem Balkon?  erschien, weil er die jungen Männer dort kennen lernen wollte, nachdem ich ihm von der Existenz der Gruppe etwas gesagt hatte, mir überhaupt eine Einschätzung erlaubt, einer der motiviertesten Gruppenmitglieder war. Diesen Eindruck hatte ich zumindest zu Beginn der Neunziger, als er einer der Organisatoren der 1. Schwul-lesbischen Kulturtage in Biberach war, die 1991 oder 1992 ein für  die Provinz nahezu unglaublich vielseitiges Programm für vier Wochen aufboten. Die Kulturtage wurden in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt und der VHS durchgeführt, und am Eröffnungsabend sprach die Leiterin beider Ämter, Marianne Sikora-Schoeck, im gut gefüllten Foyer der VHS davon, daß die Stadt Biberach selbstverständlich auch die kulturellen Initiativen von gleichgeschlechtlich orientierten Menschen unterstütze. Zwanzig Jahre, oder fünfzehn, zuvor wäre dies undenkbar gewesen. Biberach  nicht nur eine ehemalige APO-Hochburg, sondern auch eine Stadt für Schwule und Lesben? Wo waren die Schwulen in früheren Jahren gewesen? Sie hatten sich so gut getarnt, daß ich nie einen von ihnen erkannt hatte. Natürlich ist Biberach nach wie vor keine Stadt für Schwule und Lesben. Wenigstens war die Schwulenbewegung im Jahr 1979 auch in Oberschwaben angekommen, und dann dauerte es immer noch mehr als zehn Jahre, bis das Vorhandensein dieser Minderheit offiziell angesprochen wurde. Im Oktober 1995, als die 2. Schwul-lesbischen Kulturtage stattfanden, war ich als Lesender aus eigenen Texten mit dabei. Herbert T. hatte mich, nachdem ich im Frühjahr in der VHS Lyrik gelesen hatte, angesprochen, ob ich etwas beitragen könne. Das schwule Thema, sagte ich ihm durchs Telefon, ist eines, das ich eher selten erwähne, doch ich habe ein paar Texte, in denen ich ausdrücklich darauf zu sprechen komme. Der neue Oberbürgermeister F., ein SPD-Mann, übernahm die Schirmherrschaft und lud, als die Tage im Oktober herangenaht waren, auch ins Rathaus ein, wo er eine freundliche Rede hielt. An einem Samstagabend holte mich ein junger Typ, der mich siezte, was ich seltsam fand (so alt war ich doch noch gar nicht ...), vor der Wohnblockeingangstür ab und wir fuhren zum Pestalozzi-Haus, in dem die Jugendmusikschule ihren Sitz hatte und hat, in dessen Saal, mir seit Jahrzehnten bekannt, Veranstaltungen stattfanden, eben auch die, an der ich mitwirkte. Der Schwulenchor Querflöten  dem ich in den Wochen vor dem Auftritt die Texte, die zu lesen ich beabsichtigte, hatte zukommen lassen  aus Freiburg sang, zwischen den Songs und Liedern las ich meine Sachen. Meinen Lüstling-Song wollten sie nicht aufführen, das ist uns zu brutal.  Aber eine Melodie hatten sie dafür komponiert und ich bekam die Kassette. Im Kontrast zu den Darbietungen des Chores und im Wechsel mit diesem, stand dann in der Zeitung, las der Biberacher Dichter ...., hier erschien mein Name, eigene Lyrik. Eine eigenartig oszillierende Welt leuchtete darin auf, in der banale Alltagssituationen in der Schwebe liegen zu Abschweifungen der Phantasie und homoerotischer Gefühle. Dabei schwang ein ironisierender Unterton mit, wenn etwa einprägsame lyrische Wortschöpfungen auf obszön gefärbte Alltagssprache prallten. Erfreulich für Vortragende und Veranstalter war der rege Publikumszuspruch,  und so ließen die Anwesenden diesen gelungenen Abend bestens gelaunt in einer kleinen Feier ausklingen. An der ich übrigens nicht teilnahm. Im Buch eines bekannten Berliner Schwulenaktivisten wurde die HELB als Beispiel  für das schwule Leben in der Provinz portraitiert. Und doch versandeten diese Bemühungen am Ende der neunziger Jahre. Herbert T. hatte die Stadt verlassen. Die Schwulengruppe gibt es nicht mehr. &lt;br /&gt;
- Ein statisches Grau über und in Berlin. Vormittags etwas Sonne.&lt;br /&gt;
29.12.2002</description>
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    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/topics/KD&quot;&gt;KD&lt;/a&gt;</dc:subject>
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    <title>28.12.2002</title>
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    <description>Ich habe am frühen Abend in Pleschinskis Roman geblättert und gelesen. Auch eine Erinnerungsgeschichte. Beiläufig stieß ich auf die Seite, in der der österreichische Schauspieler und Rezitator Helmut Qualtinger erwähnt wird; sofort fiel mir meine Begegnung mit ihm ein. Zum Beginn des März des Jahres 1979 wurde im Urania-Kino der opulent aufgemachte, inhaltliche jedoch dünne Film Grandison des Stuttgarter Regisseurs Achim Kurz gezeigt, und Qualtinger spielte eine tragende Rolle darin. Carl und Rose Grandison, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, haben es mit Hilfe von Hochstapler- und Gaunerfertigkeiten erreicht, im Heidelberg des beginnenden 19. Jahrhunderts als angesehene Bürger der feinen Gesellschaft zu leben und Hof zu halten, wie ich in meinem Zeitungsbericht über die Premierenfeier, datiert mit 3.4.79, schrieb. Nicht alles lief letztlich so ab, wie es hätte sein sollen, begann ich ihn, aber es war ja trotzdem ein sogenanntes gesellschaftliches Ereignis: Die Gala-Premiere des deutschen Großfilms Grandison, mit der anschließenden Feier in der Stadthalle. Jean Rochefort, neben Marlene Jobert und Helmut Qualtinger Hauptdarsteller, konnte zum Termin nicht kommen, und die Midnight-Show von Evelyn Künneke konnten wir auch nicht goutieren, weil deren Agentur offenbar manchmal Termine durcheinander bringt. Es war ein kalter Märzabend, und auch die Stadthalle, ein Klotz in der schon zur Bauzeit Mitte der siebziger Jahre überholten Betonarchitektur, war nicht besonders gut geheizt. Ich weiß das noch, weil ich stets kälteempfindlich war und bin. Nicht nur aus diesem Grund hatte ich schon reichlich Alkohol im Kopf. Eines Tages jedoch, so fahre ich in meinem Zeitungsartikel fort, kommt Carl auf den krummen Weg, in Berlin wird er verhaftet; er begeht Selbstmord. Seine Frau widersteht lange Zeit den Verhören von Dr. Pfister, dargestellt von Helmut Qualtinger, der weiß, daß Roses Mann tot ist, der ihr dies jedoch ein Jahr lang, in dem er versucht, sie zu einem Geständnis zu bewegen, verschweigt. Die Grandisons gab es einmal; der Film orientiert sich an alten Gerichtsakten. Und weiter: Helmut Qualtinger war Stargast. Vor dem Film las er im Sternchen für ein gewisses Publikum  aus seinen Texten; Szenen vom wienerischen  und österreichischen  Kleinbürgercharakter. Der Qualtinger, so wird gesagt, mog seine Landsleut net. Er war brilliant. Aber das weiß er selber. Das Urania-Theater war ausverkauft. Selten, daß man so viele Leute im Kino sieht. Das Drumherum wird wohl auch gereizt haben, der Touch der weiten Welt. No, is des schlecht? Das Publikum in Biberach ist sich selbst gegenüber ja auch bewußt, die einen erscheinen in Großer Gala, andere tragen anderes. Das ist erfreulich, diese Selbstverständlichkeit. Schließlich hockte man dann noch im Sternchen, aber so interessant ist das nicht, und der Klatschkolumnist ist müde und macht einen Punkt.&lt;br /&gt;
Zuvor aber, nachmittags, als das aufgedonnerte Stuttgarter Filmvölkchen, in großen Gesten mit den Armen rudernd, vor der Theke des Sternchens stand, mit einer Hochnäsigkeit, die umgekehrt proportional zur Qualität des Werkes sich darstellte, hatte ich schon im Vorführraum zu tun, bereitete den Film für den Abend vor, und ich sah den berühmten Qualtinger, der alle Anwesenden an Bedeutung turmhoch überragte, still, bescheiden, wie abgesetzt auf einer der roten Bänke des Kinos sitzen, müde, aber eher abwesend, desinteressiert, das Treiben aus kleinen Augen beobachtend; er saß allein auf der Bank, niemand sprach mit ihm, keiner kümmerte sich um ihn.&lt;br /&gt;
Das kann doch nicht wahr sein!, dachte ich, da sitzt der Qualtinger in seinem abgetragenen grauen Anzug wie ein Penner auf der Parkbank, und  wie so einer wird er behandelt. Kurz zuvor hatte ich im Vorbeigehen gehört, wie einer der Filmleute die Bedienungen  kein anderes Publikum hielt sich zu dieser Stunde vor dem Tresen auf, nur die Filmclique soff Sekt  angewiesen hatte,  an Herrn Qualtinger keinen Alkohol auszuschenken, er hat Alkoholverbot. Das schien mir typisch für diese Leute zu sein: sie, die keiner kannte, schluckten sich in Stimmung und einer der prägnantesten Künstler Österreichs und der deutschsprachigen Kulturlandschaft, dessen Rezitationen der Josephine Mutzenbacher und des Herrn Karl Höhepunkte der österreichischen Selbstanklage, lange vor Thomas Bernhards witzig-bösen Sarkasmen, sind, bekam nichts; aus medizinischer Sicht mag das gerechtfertigt gewesen sein, mir aber stieß es unangenehm auf. In der Karga hatten wir uns Jahre zuvor im Zimmer von Markus M. die Platten mit Qualtingers Lesung von Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit angehört, nicht nur die Mutzenbacher; mehr Stahl ins Blut!, ruft einer der Tennis spielenden adligen Müßiggängern den in den Ersten Weltkrieg marschierenden Soldaten zu. Ich beschloß spontan, diesen aufgeblasenen Filmfritzen und -klunten eine kleine Lektion zu erteilen. Ich ging zum Tresen und ließ mir ein großes Glas Bier gaben und trug es, ungeachtet der Filmleute, von denen ich annehmen konnte, daß sie sich nur für sich und ihr Geschwätz interessierten, zu Qualtinger und stellte es wortlos vor ihn hin. Er sah mich aus seinen Äuglein an, ich nickte. Mit einer behutsamen Bewegung griff er nach dem Glas. Ich warf einen Blick zur Theke. Keiner von den Filmleuten sah herüber. Ich verkrümelte mich wieder in den Vorführraum. Durfte Q. sein Bier austrinken? Ich hoffe doch, ich beobachtete die Szenerie nicht weiter. Der Film war, wie vorauszusehen gewesen war, überall in den Kinos ein Flop. Einige Jahre später las ich in einer Zeitung, daß der Regisseur K. sich umgebracht  habe. Außer einigen Filmkritikern und -historikern weiß niemand mehr etwas von seinem Film, ich aber habe mich vorhin bei der Lektüre an diese Begebenheit erinnert und meinen alten Zeitungsbericht aus den Akten gekramt.&lt;br /&gt;
- Grau, kein Blau, wenn ich aus dem Fenster schau.&lt;br /&gt;
28.12.2002</description>
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    <title>27.12.2002</title>
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    <description>Es mag sein, daß mein nicht geglücktes Leben zwischen Kneipe, Kino und Kosmos in der Kleinstadt, etwa sechzig Kilometer vom Bodensee entfernt, wenn ich auf der Landkarte den südlichen Orientierungspunkt nehmen will und nicht den nördlichen der Stadt Ulm, aus dem ich nicht  wie ich es oft dachte  rechtzeitig flüchten konnte, in der ich Gefahr lief, in meinen Empfindungen so grau zu werden wie die Häuser der Stadt an den engen Straßen (grau zumindest in den sechziger und siebziger Jahren des forteilenden Jahrhunderts), mich vor Aids und vor einem noch früheren Tod bewahrte. Denn wie hätte ich es getrieben, wäre ich 1979 oder 1980 meinen als unzulänglich betrachteten Verhältnissen entronnen? In Stuttgart, wo ich ja eventuell weiterstudiert hätte in Jahren schon zuvor, oder in Köln, München, West-Berlin, wohin es mich, dessen bin ich mir sicher, verschlagen hätte, oder das Leben auf der ummauerten Insel wäre dort ganz normal mit abschließenden Semestern weitergegangen? Nur zwei Entscheidungen hatten für meine den siebziger Jahren folgenden zwei Jahrzehnte in Biberach die Weichen gestellt: die Aufgabe des Studiums, der Einzug in die Wohngemeinschaft der Karpfengasse 24. Wären die erst einmal von großstädtischer Schwulenszene erodierten Hindernisse der Moral und des Anstands und der zaudernden Zurückhaltung, die zuviel Rücksicht auf das zarte Innenleben spätpubertierender Jünglinge nahm, denen ich mich doch nicht aufdrängen durfte, wie ich meinte, und sicherlich war dieser Vorbehalt nicht ganz unangebracht  ich hätte es vermutlich schauerlich getrieben. (Aber das ist die Vorstellung eines Zurückgebliebenen, der sexuell zu wenig gekommen war. Andererseits interessierten mich die geistigen Genüsse stets mehr als die körperlichen. Ich war Kopfmensch.) Das Provinzleben, ohne Ausflüge in große Städte, in die Szene der Bars und Darkrooms geführt, ließ den Virus nicht an mich heran; obwohl es auch um B. herum in den Achtzigern Infizierte gab, doch wenige, und nie hatte ich Kontakte, in denen ich mir die gefürchtete Krankheit hätte holen können, gehabt. Till  einmal berichtete er mir, daß er von einem Mittvierziger aus der Gegend nach München in den Ochsengarten mitgenommen worden war  und ich waren 1983 sofort auf dem neuesten Stand der unheilvollen Entwicklung gewesen, und es ist wahr: mein vernünftiges Verhalten schloß Abenteuer grundsätzlich aus, ich verbot mir den Sex, der vielleicht da und dort doch durchaus zu haben gewesen wäre. Kam T. nach Wochen oder Monaten einmal wieder zu mir, hatte ich aber Bedenken. Liebe konnte tödlich enden. Nicht in der Weise rührseliger Melodramen, sondern in den grausamen Variationen des Siechtums. Vor Aids blieb ich verschont, dafür hat etwas anderes in meinem Körper Platz genommen; und sich vom Frust genährt? (Übrigens ist mir bis heute kein Aidskranker begegnet.) Wie Aids dürfte auch der Krebs eine unbewußte Form der Selbstaufgabe sein. (Der Liebesakt ist ja eine Hingabe, in welcher Intensität auch immer.) Die einen saufen und rauchen, bei anderen ist es das Vögeln, das sie ruiniert. Und auch wenn ich B. in früheren Jahren den Rücken gekehrt hätte, wäre damit nicht gesagt, daß ich mir die Seuche geholt hätte. Und was will man, um darauf ein letztes Mal zurück zu kommen, als Glück definieren? Vielleicht camouflierte das Glück sich so gut vor mir, daß es zwar da war, ich es aber nicht als das, was es war, erkennen konnte;  weil ich es in meiner frühen kritischen Fixierung auf die negativen Aspekte des Lebens  und woher kam die?   gar nicht für möglich hielt, daß es in meiner Nähe war, weshalb ich schließlich weder Gespür noch Blicke dafür hatte, wenn es sich einmal unverhüllt vor mir zeigte?&lt;br /&gt;
- Im späteren Vormittag und über die Mittagszeit etwas helles Licht, dann Eingrauung.&lt;br /&gt;
27.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-26T23:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4473842/">
    <title>26.12.2002</title>
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    <description>Diese Tage zwischen den Jahren ähneln denen meiner frühen Jugend in der Dekade der Sechziger, in denen ich viel las und nebenbei die Pralinenschachteln leerte, in einen der Sessel fläzend, Seite um Seite umblätterte und in abenteuerlicheren Welten, fern von Biberach, in den Zeiten der Vergangenheit oder der Zukunft und an fremden Orten lebte, ab und zu aus ihnen in das, was wir Realität nennen, zurückkam, durch Biberacher Strassen ging, um anschließend wieder in die imaginären Szenarien einzutreten und an den Erlebnissen, die im Gegensatz zu den Vorkommnissen meiner langweiligen Tage wirklich welche waren, teilzuhaben. Mein Bewußtsein, Beobachter all dieser Ereignisse, die sich in den Buchzeilen abspielten, schweifte über die Relikte alter oder zukünftiger  und im dortigen Geschehen ebenfalls oft schon alter  Städte und Festungen, sauste mit durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, in die die Zeitmaschinen die Guten und die Bösen mir nichts dir nichts versetzten, schwebte über Old Shatterhand und Winnetou und Trapper Geierschnalbe, über den Schluchten des Balkan und in der flirrenden Luft der Wüste, in der sich manche Fata Morgana mit ihm, dem Bewußtsein, vereinigte, es umgaukelte und in die Irre absonderlicher Planeten und Sternensysteme hinüber gleiten ließ; wenn ich Romane verschiedener Genres und Qualität las und deren Virtualität in meinen Ganglien aufbewahrte; über Zeiten hinweg. Aber heute sind Verluste festzustellen: keine leeren Pralinenschachteln, aus denen ich Schokotrüffel und Cognacbohnen hätte klauben können, in einer mechanischen Arm- und Handbewegung, liegen auf dem Teppich herum. Kein Baum steht im Zimmer, kein erzgebirgisches Räuchermännchen schmaucht, kein harzig duftender Rauch, auch die Weihnachtskrippe, die ich damals  ein Wort, das mein Leben immer mehr bestimmt  an den Nachmittagen der Heiligen Abende sorgfältig mit den Figuren jener Geschichte, aus der so viele Menschen in so vielen Jahren Trost und Hoffnung nehmen wollten (und nehmen konnten, ich will das nicht bestreiten), aufbaute, steht nicht mehr unter dem Baum; ins Kino werde ich heute auch nicht gehen, weil die Geschichten, die dort zu erleben sind, mich nichts mehr angehen; meine Mutter unterbricht mich nicht mehr in meiner Weihnachtstagelektüre, um mir zu sagen, daß sie nun in die Stunde gehe, in die sie vielleicht auch noch in den siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre ging, was ich, da ich an den Weihnachtstagen dieser Jahre so oft frühabends außer Haus war, nicht mehr erfuhr, und meine Jugend ist dahin und mein Leben ist es vielleicht auch bald, doch die Bücher, die immer treuen Freunde, sind mir geblieben, die von damals und die, die nach ihnen auf meinem Schreibtisch lagen und auf dem quadratischen Tisch heute liegen; und heute liegen hier Musils Roman, in dessen letzten Seiten (des Fragments) ich lese, und Combray in der Kleeberg-Übersetzung und Le Temps retrouve mit der Faksimileseite der letzten Seite des Proustschen Manuskripts, auf der das Wort Fin steht,  Das Buch der Illusionen von Paul Auster, das Raphael mir zu Weihnachten geschenkt hat und Bildnis eines Unsichtbaren von Hans Pleschinski; beide letztgenannten habe ich jedoch noch nicht zu lesen angefangen. Bei Musil habe ich vorhin im Kapitel Die Insel der Gesundheit. Die Unsicherheit (früher Entwurf) gelesen:&lt;br /&gt;
Was ist alles, was wir tun, anderes als eine nervöse Angst, nichts zu sein: von den Vergnügungen angefangen, die keine sind, sondern nur noch ein Lärm, ein anfeuerndes Geschnatter, um die Zeit totzuschlagen, weil eine dunkle Gewißheit mahnt, daß endlich sie uns totschlagen wird, bis zu den sich übersteigernden Erfindungen, den sinnlosen Geldbergen, die den Geist töten, ob man von ihnen erdrückt oder getragen wird, den angstvoll ungeduldigen Moden des Geistes, den Kleidern, die sich fortwährend verändern, dem Mord, Totschlag, Krieg, in denen sich ein tiefes Mißtrauen gegen das Bestehende und Geschaffene entlädt: was ist alles das anderes als die Unruhe eines Mannes, der sich bis zu den Knien aus einem Grab herausschaufelt, dem er doch niemals entrinnen wird, eines Wesens, das niemals ganz dem Nichts entsteigt, sich angstvoll in Gestalten wirft, aber an irgendeiner geheimen Stelle, die es selbst kaum ahnt, hinfällig und Nichts ist?&lt;br /&gt;
- Ich kann über die Witterung nichts anderes schreiben als: grau.&lt;br /&gt;
26.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-25T23:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4473829/">
    <title>24.12.2002</title>
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    <description>Es begibt sich aber am Abend jedes vierundzwanzigsten Dezembers zu Biberach, daß über dem Marktplatz das neugeborene Jesuskind herunter gelassen wird. Das kann nicht jede Stadt von sich behaupten. Liegt an diesem Abend die Dunkelheit schon eine Zeitlang über der Stadt und in ihr, steigt gegen 19 Uhr ein helles Licht herab; allerdings nicht das einer Supernova aus weit entfernten Zeiten oder das einer Planetenkonjunktion, die irgendwelche drei weisen Männer aus dem Orient  vielleicht aus dem alten Babylonien, jetzt Irak, oder aus Afghanistan  in diese okzidentale Oberschwabenstadt zu führen hätte  es ist nur das in einem Oval scheinende Glühbirnenlicht, das die einer Putte aus Barockkirchen oder (so wäre der Zusammenhang mit orientalischen Verhältnissen doch wieder zu sehen) einer Minimumie ähnlichen Puppe umkränzt, die von zwei Engeln in Rot und gelben Sternen und einem Halbmond (!) flankiert wird, während sie aus einem obersten Fenster des zweigiebeligen Gutermannschen Stirnhauses des Marktplatzes sehr langsam, akustisch von frommem Liedgut begleitet, abgeseilt wird, bis sie über den Köpfen der den vorderen Platz ausfüllenden schwarzen Menschenansammlung hängt. Man nennt dies: &lt;i&gt;S Chrischtkendle ralau&lt;/i&gt;, und kein wirklicher Biberacher möchte diesen Brauch missen, der, genau betrachtet, nicht nur für die Kinder veranstaltet wird, die staunend in der Menge stehen oder von ihren Vätern auf die Schultern gehoben werden und das Ereignis mit großen Augen, in denen sich der Lichterkranz und das Biberacher Christkind miniaturisiert widerspiegeln, verfolgen. Das Christkind schwebt aus dem Gutermannschen Dachboden herab und verharrt, nicht ganz unten angekommen, in strahlender Blässe; die Menge singt; oder das Singen findet schon während der Herablassung statt, ich habe das nicht genau im Gedächtnis. Vor vielen Jahren, als junger Mensch nach der Schulzeit, stand ich, das fast mystische Schauspiel in einer Mischung aus Ironie und Rührung, die aus der Kinderzeit aufstieg, noch einmal beobachtend, in der von quasiheiligem Erschauern ergriffenen Ansammlung. Unter dem Absingen anderer Weihnachtslieder entschwindet das Puppenchristkind nach angemessener Verweildauer über den Schaufenstern eines Schuhhauses (das allerdings zu dieser Jahreszeit keine Sandalen anbietet), die selbstverständlich unbeleuchtet sind, wieder in die Höh, verschwindet in dem hölzernen Vorbaugehäuse vor dem Hausfenster. Die Glocken von St. Martin beginnen zu läuten, die weihnachtliche Zierbeleuchtung an den Giebeln rund um den Platz glänzt auf und erhellt den Marktplatz. Am Brunnen besprenkeln die Glühlampenkerzen das dunkle Grün des Tannenweihnachtsbaums. Und wenn die Stadt verschneit ist, wirkt dies alles noch romantischer und stellt eine gedämpfte Feststimmung her. Murmelnd zerstreut sich die Zuschauerschaft, um zum Weihnachtsbaum in der guten Stube zurück zu kehren und die Bescherung zu vollziehen.&lt;br /&gt;
Als die sechziger Jahre begannen, ein Jahr nach dem Tod meiner Großmutter, glaube ich zu wissen, also vor vierzig Jahren, ging ich mit Frau H. und ihren Kindern, mit denen ich ja oft zusammen war, in einem schneereichen Heiligen Abend hinunter in die Stadt zum Spital, wo neben dem Museum, das in dem Viereck von alten Gebäuden seine Exponate zeigte, auch ein städtisches Amt seine Akten in den Schränken verwahrt, wo eine Kirche im Ostflügel, in die ich als Kind jener Jahre zum Sonntagsgottesdienst, mit meiner Mutter oder ohne sie, hinein trat und in einer der hölzernen Bankreihen saß, um von der Alten Geschichte zu hören, untergebracht ist (vor ihr das Denkmal mit den Büsten des Malerpaars Braith und Mali), zum Chrischtkendleralau; ich sehe mich wieder in der schwarzen harrenden Menge, die sich unruhig bewegte, nur ein bißchen hin- und herschwankte, was an den Köpfen zu bemerken war, zwischen denen ich einen Blick auf die Giebelfront am Ostflügel hatte. Dann öffnete sich die Klappe unten am Gehäus, in dem es versteckt war, das Christkind, weihnachtliche Weise ertönten, die Zeremonie übte einen leisen Zauber auf mich aus. War der Christkindlespuk vorüber, wurden an die Kinder große Lebkuchen ausgeteilt, deren Verzehr freilich gute Zähne voraussetzte, denn sie waren hart, man konnte den halben Abend an ihnen herumnagen. Ich steckte das Stück enttäuscht in eine Anoraktasche und dachte nicht mehr daran. Frau H. und wir Kinder spazierten durch den Schnee auf den Gehwegen und Straßen und Dächern und Bäumen und Büschen, denen er andere, weichere Konturen anlegte, zurück in unsere Wohngegend und wir formten Schneebälle in den Handschuhen, die wir uns an die Jacken warfen; oder sie verfehlten das spielerisch anvisierte Ziel und plumpsten zwischen Büsche und Bäume, wo sie in der weißen Schutzschicht des Winters versackten und unregelmäßig modellierte Mulden verursachten. Wir schlenderten so in die Lindelestraße hinauf, stampften auf der Haustreppe den Schnee von den Schuhen, klopften das feine Gestäub  denn es schneite wieder  von den Jacken und betraten das Haus, die Wohnung, die im stimmungsvollen Schimmer des Heiligen Abends noch gemütlicher erschien. Kerzen brannten an den Zweigen des Weihnachtsbaums im Wohnzimmer und die Wohnung roch nach dem Duft des Rauches, der aus dem o-förmigen Mund des erzgebirgischen hölzernen Räuchermännchens floß; und nach dem Essen, das meine Mutter, während ich beim Chrischtkendleralau gewesen war, schon zubereitet hatte und das in der Küche in den Töpfen und Pfannen wartete . Das Angenehmste und Schönste war die Wärme, die uns, die wir aus einem echten Weihnachtsabend kamen, freundlich umfing. Unter dem Baum lagen die Geschenke ausgebreitet: größere, kleinere, längliche, dicke Schachteln, eingepackt in buntes Weihnachtspapier, und auch zwei große packpapierbraune Pakete lagen hier, die waren aus der Ostzone gekommen. Frau H. und ihr Kinder, Edelgard, Fanny und Herrmann, nahmen freudig ihre Geschenke entgegen und gingen nachhause. Meine Mutter trug das Essen auf, und nach dem Mahl, als das Geschirr abgeräumt war, packten wir mit besonderem Genuß die Geschenke aus, die wir füreinander hatten, wobei meine Gaben eher bescheiden waren; und was schenkte ich meiner Mutter in jenen Jahren zu Weihnachten? Gebasteltes, Gemaltes? Etwas, das sich vom Taschengeld bezahlen ließ? Immer bekam ich Bücher, etwas anderes interessierte mich auch gar nicht. Schließlich entwickelten wir die Pakete der Schwestern, der Tanten, und freuten uns über das, was stückweise nacheinander aus ihnen hervorgeholt werden durfte. Auch aus diesen Paketen entnahm ich zwei oder drei Bücher. Das Radio spielte Weihnachtslieder. Es kam in jenen Abenden in den Sechzigern vor, daß wir dann die Wohnung verließen und hinüber zum Krummen Weg zu Frau H. gingen, wo wir unsere Gschenkla entgegennahmen. Zu späterer Stunde kehrten meine Mutter und ich durch die feierliche Stille der Nacht durch die Probststraße zu uns zurück, und ich inspizierte die mir zugekommenen Gaben noch ausführlich, bis ich mich, deutlich nach Mitternacht, niederlegte. So, oder so ähnlich, verliefen die Abende des 24. Dezembers bis in die ersten beiden siebziger Jahre hinein (nicht immer war ich beim Chrischtkendleralau); am Hl. Abend des Jahres 1973 war, nach einundzwanzig Uhr, Clubbetrieb im Club Impuls, den Falk und ich in an einem Dezemberabend zuvor eröffnet hatten. Der Charakter dieses Abends begann sich in den folgenden Jahren für mich zu verändern.&lt;br /&gt;
- Ein düsterer Tag, anhaltend niedrige Außentemperaturen.&lt;br /&gt;
24.12.2002</description>
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    <title>23.12.2002</title>
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    <description>Und der Krümmungshorizont des inneren Kosmos´, vielleicht auch als Bewußtseinshorizont zu nennen, der von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr in größere Entfernungen hinauswuchs, sich ausdehnte, von der Erkenntnis erweitert wurde, ist doch nur die immer unbekannt bleibende vorläufige Grenze des mit Ideen und anderen Bewußtseinsinhalten angefüllten winzigen vereinzelten Teils oder Anteils des äußeren, des überall vorhandenen Seins, als der der astronomische Kosmos in nun etwas unelaborierter Sicht, die sich an metaphysischen Konstrukten gar nicht erst versuchen will, aufgefaßt ist. Ja, der innere Kosmos ist schließlich nur ein Produkt der individuellen Form der universellen Materie, aus der wir kommen und in die wir, als Moleküle und Atome, wieder eingehen werden, als Daten auch; das ist dann zwar auch nicht das ewige Leben  oder, wenn man die Natur des Lebens unbedingt so sehen will, eines in eher reduziertem Umfang  , denn auch die Raumzeit dieses Universums, in dem ja eine Stadt wie Biberach am Flüßchen der Riß, die sowieso, aus der Distanz, die Zeit und Raum herstellen, manchmal wie eine größere Puppenstube für vorzeitliche Riesenkinder vor den Augen steht, als eine zu vernachlässigende Größe erscheinen mag, aus solchen kosmologischen Höhen betrachtet, wird sich einst, wenn es bis dahin auch noch etwas hin ist, erstarren, so daß kein Erwartungshorizont, für wen oder was auch immer, mehr übrig bleibt, aber wer will letztlich so großzügig-unwissend bestimmen wollen, in welchem anderen Sinn die Ergebnisse dieses Zerfalls- und Verstreuungsprozesses wirken und wohin  sozusagen vorausgeschickt die Kräfte des Bewußtseins, dieser energiever wandelnden Rätselhaftigkeit, die wohl doch nicht allein aus der massiven Zusammenballung von spezialisierten Zellen entspringt, gehen, also Punkt. Mir erscheint es außerdem nur als natürlich, daß die Vorstellung, einem Kosmos anzugehören, in dem diese Stadt und das Land, in dem sie steht, und die Hemisphäre, in der das Land liegt, und das Staubkorn, auf dem sich alles befindet, das seinerseits eines von mehreren ist, die von einer unbedeutenden Sonne, die im mittleren Stadium ihres Selbstverbrennungsvorgangs befindlich ist, herumgeschleudert wird, vom Beobachtungspunkt in einer irgendwo um vielleicht dreihundert Millionen Jahre voraus geeilten (oder in die Vergangenheit verschwundenen) anderen Galaxie aus betrachtet völlig irrelevant ist, etwas Erhebend-Flüchtiges an sich hat. Man muß sich das einmal in einer unheimlichen Sekunde gönnen und vor Augen führen, wie die Große Kreisstadt Biberach a.d. Riß noch die nächsten tausend oder zweitausend Jahre gottverlassen durch die (noch) unergründlichen Tiefen des Alls trudelt, um zu  wissen, wo man steht; oder kopfüber hängt. Außerdem wird ja auch unser Planet verbrennen. Wenn also dieser aus Zellen, die Energie verbrennen, aus anständig funktionierenden und aus ausgeflippten (womöglich ein Echo meiner Bewußtseinszustände in früheren Jahren), zusammengesetzte Organismus, mit dem mein Ich, das Bewußtsein von mir selber  die Hirnforscher sind dabei, das Gerede vom Bewußtsein zu dekonstruieren  sich ziemlich verbunden fühlt und gebunden weiß, eines nicht allzu fernen Tages zu Asche  wird, dann wird nur das geschehen, was einmal dem ganzen Erdenkreis und -grund, auf dem er herumirrte, widerfahren wird. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?&lt;br /&gt;
- Temperaturen etwas unter null Grad. Die Schattierung des Graus über der Stadt, des Himmels, fast unverändert.&lt;br /&gt;
23.12.2002</description>
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    <title>22.12.2002</title>
    <link>http://tagumtag.twoday.net/stories/4473781/</link>
    <description>Wie in anderen nicht großen und von den Zerstörungen durch Krieg und die Zeitläufte im Wesentlichen ihres Daseins verschont gebliebenen Städten stellte der Winter auch in Biberach a.d. Riß das Idyllische stärker aus, besonders in den Jahren, in denen die dunkleren Monate mit Kristallflockenfall auf sanft-weiche Art aufgehellt wurden. Durch den von der Mitte der Fahrbahnen an deren Ränder geschobenen und geschaufelten Schnee, der dort wie in allen Städten kleine Wälle bildete  die in einer kleinen ehemaligen Reichsstadt die vage Erinnerung an die noch viel kleinere Stadt und die ihre Bürger und Patrizier und Kleriker vor den Unbilden der äußeren Welt abzirkelnde Stadtmauer hervorrufen können  wirkten die Straßen, Sträßlein und Gassen zumal des Stadtkerns natürlich, auf nicht natürliche, geplante Weise entstanden, enger, altmodischer, älter und altertümlicher als an Nichtwintertagen, und ich scheue nicht davor zurück zuzugeben, daß das winterlich-schneebedeckte Biberach mir in manchem Jahr viel besser als das sommerliche gefiel. Das Gemütlich-Behagliche hat seine Ecke in den Verzweigungen meines inneren Systems aus den in den Jahrzehnten angesammelten Gefühlen, Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen, Deduktionen, Reflexionen und was sonst noch alles zum Bewußtsein dazu gehört; wächst man in so einer Stadt, die zudem von einer ansprechenden und anmutigen Landschaft um sie herum geprägt worden war, die das Stadtidyll gleichsam als Schutzkordon umgibt, auf, kann das wohl auch erklärlich sein. Es gefiel mir, durch den frischen Schnee der weiten Flächen des Gigelbergs zu gehen, die von hohen schneebeladenen Bäumen begrenzten, die, wie die Flächen, weiß im Sonnenlicht funkelten oder in der Abenddämmerung jenen Stich ins Bläuliche, die Aura des versinkenden Winternachmittags, bekamen, der eine besonders zaubervoll-fremd anmutende Illumination dieser Jahreszeit ist, in Gedankenräumen mich ergehend, die von der vorhin erst unterbrochenen Lektüre geöffnet worden waren; und hatte ich die Brücke über den Hirschgraben, in dem sich noch in den siebziger Jahren wirkliche Hirsche und Rehe aufhielten, dessen Bäume und Sträucher, eng zusammengewachsen, auf den steil abfallenden Hängen  auf der dem Stadtinneren zugewandten Seite ragt der übrig gebliebene grob-steinerne Rest der Stadtmauer, flankiert von den beiden Türmen, auf  in ihrem Kristallschmuck des Schnees diesen langen Graben weiß-prächtig ausstaffierten, hinter mir gelassen, hatte ich die Schillerhöhe erreicht und sah ich an solchen frühen Abenden (da und dort leuchteten unten Lampen und Fenster) über die schneeigen Dächer (rote Biberschwänze, Dachplatten, lugten zwischen dem da und dort heruntergerutschten Schnee hervor) des unter mir liegenden dichten Häusergemenges, aus dem so wohlvertraute Giebel und Firste und Türmchen meinen Blick erwiderten, etwas, wie es schien, zusammengeduckt wegen der Kälte  dann fand ich es in Minuten der Übereinstimmung und Ruhe doch angenehm, an diesem Ort zu leben, denn mein  geistiges  Leben führte mich ja auch zu anderen Plätzen, zu anderen Zeiten, in einem weiteren Kosmos, in dem die kleine Stadt eingefügt, aber nicht meine einzige Welt war. Unten in der Stadt war der glänzende Schnee des Gigelbergs (oder des Lindeles) zu braungrieseligem Belag oder schon Matsch verarbeitet worden, von den hastigen Bewegungen einer &lt;i&gt;Kleinstadtrushhour&lt;/i&gt;, doch dämpfte in einem richtigen Winter selbst diese un-schöne Konsistenz des Geflockten die urbanen Geräusche; ich sah dann zu, in den Strauß oder Rebstock zu gelangen, oder in eine Bäckerei; oder ins Kino.&lt;br /&gt;
- Kalt, und grau der Himmel über Berlin.&lt;br /&gt;
22.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-21T23:01:00Z</dc:date>
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    <title>20.12.2002</title>
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    <description>Ich habe mein Leben doch bewältigt, sagte meine sterbensmüde Mutter in jener tiefen Spätherbstnacht; dachte sie, sich mir gegenüber rechtfertigen zu müssen? Das doch hörte ich durchaus genau, es fiel sogleich aus diesem Satz, dieser Äußerung in mein vom Alkohol keineswegs reduziertes Bewußtsein. Mir mißfiel diese Äußerung, die mir freilich schon damals sofort zu denken gab, denn wie hört sich so ein Satz an? Wie ein Resümee, eine abschließende Feststellung  in einem inneren Zustand, in dem das Hoffen nichts mehr bewirken kann und auch gar nicht mehr soll  am Ende des Lebens,  die dann getan wird, wenn man nichts mehr vor sich und alles hinter sich sieht. Diese Äußerung mißfiel mir nicht nur, weil sie mein Erahnen, das ich seit zwanzig und weit mehr Jahren mit mir herumtrug, wieder so unmittelbar auffrischte, sondern auch deshalb, weil ich ihr nichts hätte entgegensetzen können als ein akzeptierendes, beruhigendes, gleichzeitig verärgertes Ja, ja. Wie war in einer Nacht wie jener mit solchen Übermittlungen, die  und mir war das sehr gut bewußt  aus tiefer innerer Not und Bedrängnis aufgestiegen und in die Nacht gekommen waren, umzugehen? Das doch sagte mir, daß meine Mutter insgeheim selbst daran zweifelte, daß sie sich fragen mußte, ob es stimmte, was sie mir als ihre Ansicht ihres Lebens in diesem einen Satz sagen wollte. Dachte sie, ich könnte sie aus irgendwelchen Gründen nicht achten, ich würde sie als lebensängstliche, schwache Persönlichkeit sehen? Etwas in dieser Art? Und es stimmte, aber nur für Augenblicke, für die ich mich danach selbst zur Rechenschaft zog: manchmal verwünschte ich die Ängste, die sie beherrschten, und die Depressionen, und ihre oft nur mühseligen und unbrauchbaren Versuche, sich von ihnen nicht bis in die tiefste Seele  die Seele umfaßt das Bewußtsein  hinein zerstören zu lassen. Ich verfluchte dann die Verhältnisse, in denen meine Mutter lebte (zu denen auch ich meine negativen Stimmungen  doch wer kann diese ganz von sich fernhalten?  beitrug), sie schienen mir nichts anderes als ein Neurosensyndrom zu sein, in dem sie und ich und alle Handlungen, Gedanken und Abwehrhaltungen meinerseits sich verstrickt hatten. Meine Mutter litt auch an mir und ich an ihr; beide wußten wir das, und ein Entkommen aus dieser Lage war nicht möglich. Nicht möglich? Es war möglich  der Tod bot diese Möglichkeit. Mama wußte, daß ich Biberach fliehen wollte; ich kann hier nicht vierzig werden, war es eines Tages im Jahr 1983 aus mir heraus gebrochen, in einem meiner unterdrückten Wutzustände, in denen mir mein Leben als ganz falsch geführt und als Wüste vorkam. Sie hatte irgendwann in einem anderen Jahr, als ich in der Karpfengasse das freie Leben zu haben glaubte (aber auch nicht so richtig), gesagt: Hier ist doch deine Heimat, und sie hatte die Wohnung damit gemeint, in die wir 1975 gezogen waren; aber ich konnte mir gut denken, daß auch sie diese lächerliche Wohnblockwohnung nie als Heimat betrachten konnte, denn die war  für sie übrigens ein zweites Mal  mit dem Verlust der Lindelestraßenwohnung verloren gegangen. Wollte meine Mutter mir die Freiheit verschaffen, Biberach verlassen zu können; wenn sie nicht mehr lebte? Hatte sie ihren Schritt in den Tod nicht in unsäglicher Verzweiflung, sondern auch aus mütterlicher Hoffnung für mich, die in ihren Leiden an der Welt noch immer vorhanden war, getan? Ich habe oft darüber nachgedacht und werde diese Frage, die ich mir bald stellte, als sie nicht mehr da war, nie beantwortet bekommen. (Der Pfarrer, der mich vor dem Begräbnis besuchte und dessen Worte ich mir höflich anhörte, sagte, meine Mutter habe ihm, als er sie gefragt habe, ob sie an einer kirchlichen Angelegenheit, die er im Gespräch zwar erwähnte, die ich freilich auch vergessen habe, teilnehme, geantwortet: Da bin ich weg!, und das weg! wiederholte der Pfarrer zweimal, weil ihm der Ton so merkwürdig vorgekommen sein mochte; ich sagte ihm nichts von den leeren Schachteln.) Meine Mutter war seit acht Jahren tot, als ich in Biberach doch  doch  vierzig Jahre alt wurde. Es war ein mieser Geburtstag, den ich mit einer Flasche Dimple begoß. &lt;br /&gt;
- Etwas Sonnenschein, kalt-feucht.&lt;br /&gt;
20.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-19T23:01:00Z</dc:date>
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    <title>19.12.2002</title>
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    <description>In der Märzmitte von 1984 gab ich meine Kinokammer auf. Wieso denn, du kannst doch da bleiben!?, entgegnete A.K. auf diesen Entschluß. Aber ich war so sauer auf den Job, er fiel mir so auf die Nerven, daß ich entschieden hatte, die Räumchen-Episode zu beenden. Thomas half mir, die beiden blauen Sessel  die schon in der Karpfengasse samt dem dazugehörenden langen Sofa gestanden hatten  und Bett, Schreibmaschinentischchen, Stehlampe (mit dem uralten zerschlissenen safrangelben Schirm), Kühlschrank und einen Stuhl hinunter zu tragen und in seinem Auto zu verstauen. In zwei Fuhren erledigten wir das. Die Bücher, die drei Jahre und zweieinhalb Monate auf einem Regal neben dem Bett, unter der Schräge des Daches, aufgereiht gewesen waren, fanden nun auch wieder ihren Platz in der Wohnung. Das auseinander genommene schwere alte Bettgestell kam in den Keller, der von den überflüssigen und in Jahrzehnten von meiner Mutter angesammelten Dingen überquoll. In meinem Zimmer stand ja ein Bett. Das Schlafzimmer und seine Möbel ließ ich unberührt. (Frau H. kümmerte sich im Sommer darum, die Möbelstücke zu verkaufen.) Dieses Zimmer wurde bis zu meinem Auszug am Ende des Augusts nicht benützt. Im Frühjahr setzte ich es durch, daß ich vormittags nicht mehr zur Arbeit  in diesen Stunden ohnehin oft nur ein Zeittotschlagen gewesen war  erscheinen mußte. Es gab deswegen für einige Zeit schlechte Laune auf beiden Seiten, doch die, doch das, war ich ja längst gewöhnt ... Jeden Tag dachte ich daran, wie ich aus dem Job wieder herauskäme, doch meine Schulden, die jetzt wieder einmal angewachsen waren  mit der Ausnahme einiger unbezahlter Rechnungen und der Wohnungseinrichtung hatte meine Mutter mir ja nichts hinterlassen können  , hielten mich vor unbedachten Aktionen zurück. Zwar war ich nun ungebunden und frei, mußte auf niemanden mehr Rücksichten nehmen (nur auf den Kater und mich), doch frei und ungebunden war ich eben doch nicht, das herkömmliche Leben  und das sogenannte freie der siebziger Jahre, dessen Folgen die Schulden und somit der Job waren  fesselte mich unerbittlich in diesen Verhältnissen, und ich verfügte auch über keine klaren Vorstellungen  hatte ich je klare Vorstellungen von meinem Leben gehabt?  von einer eventuell anderen Existenzweise, denn daran, daß ich plötzlich vom Schreiben leben hätte können, war gar nicht erst zu denken, und ich hätte mich, denn schließlich kannte ich die Nichtmöglichkeiten, die das Städtchen bot, gut genug, schwer getan, auf einer anderen Stelle zu Lohn und Brot zu kommen. Und auch der Kinobetreiber wußte das natürlich. So rauften wir uns nach den Auseinandersetzungen, die er und ich, aus mancherlei Gründen, die detailliert auszuführen hier der Ort nicht ist, und sie entzündeten sich ja immer nur an Lächerlichkeiten, ausfochten, in einer Lautstärke zuweilen, die ich für meinen Teil während der Monate bei der Bundeswehr erlernt hatte (und ich konnte beachtlich brüllen ...), die unsere Stimmbänder beanspruchten, stets zusammen; er hatte mir in einer schwierigen Situation geholfen und ich fühlte mich dadurch verpflichtet, meine Abmachung einzuhalten und konnte schon aus diesem Grund nicht fahnenflüchtig werden; außerdem mußte ich ja von irgendetwas mein Kümmerleben, wie Klaus L. dazu sagte, fristen; und A.K. hatte, alles in allem, in mir einen engagierten und zuverlässigen (und billigen) Angestellten.&lt;br /&gt;
- Sonnenwetter.&lt;br /&gt;
19.12.2002</description>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4467786/">
    <title>16.12.2002</title>
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    <description>Im frühen dunklen Abend eilte ich hinab zum Mühlweg, an dessen Ende die großen Hallen der Liebherr-Werke liegen und das dazugehörende Verwaltungshochhaus, das meines Wissens am Ende der fünfziger Jahre dort gebaut worden war. Dem Wohnblock gegenüber, auf den ich zuschritt, den es ja noch immer gibt, ragt das Liebherr-Hochhaus, ein Wohngebäude im typischen Stil der Endfünfziger und ein markanter Punkt in der Stadt, auf. (Wenn ich mich nicht irre, ist diese Straße, die in alten Tagen ihren Namen von der Gauppschen Mühle an der Riß, die dort durch das Tal fließt, erhalten hatte, inzwischen nach jenem oberschwäbischen Entrepreneur genannt worden, dessen Kräne auch die Lasten für die Bauten am Potsdamer Platz hievten; die Familie ist milliardenschwer, ihre in- und ausländischen Werke produzieren nicht nur Kräne; im Zimmer der Tagesklinik der Inneren der Charite, das aufzusuchen mir in den zurückliegenden Monaten seit Beginn letzten Jahres wegen der prinzipiell wöchentlichen Chemotherapie-Gaben  obwohl dieses Prinzip immer wieder wegen der Nebenwirkungen der Medikamente durchbrochen werden muß  , die mir noch für eine Zeitlang das Überleben ermöglichen sollen, nicht erspart bleibt, steht ein kleiner Liebherr-Kühlschrank  so werde ich dort immer an meine Geburts- und Lebensstadt erinnert; ich sagte das den Ärztinnen und Ärzten. Einige von ihnen kennen Biberach dem Namen nach, nur Frau Dr. F. ist einmal in Biberach gewesen: das Pharmazieunternehmen Boehringer-Ingelheim hat hier einen bedeutenden Standort, der in den achtziger Jahren dem Großbetrieb zugeordnet worden war und davor viele Jahre lang als Thomae der Stadt ein unverzichtbarer Gewerbesteuerzahler gewesen war und das heute mehr denn je ist. Die Firma betreibt an der Riß neben der Herstellung von Medikamenten aller Art auch eine der weltweit wichtigsten  und fragwürdigen  gentechnischen Forschungsstätten. In der Hermann-Volz-Straße besaßen wir einen Liebherr-Kühlschrank, hergestellt in der Fabrik in Ochsenhausen, einer wirklich kleinen Kleinstadt (ein Kleinstadtdorf eigentlich nur) nicht allzu weit von Biberach in östlicher Richtung entfernt.) Ich drückte den Klingelknopf rechts von der Haustür des vierstöckigen Genossenschaftswohnblocks, der zwischen anderen, aufgebaut in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, stand; steht. In einem von ihnen wohnt seit einiger Zeit Thomas.) Ich klingelte bei Lüring, bei Tante Emmi, der Cousine meiner Mutter, der kleinen zierlichen, stets unverheirateten und frommen Frau, die an einer Schulter einen kleinen Buckelansatz hatte. In Schlesien war sie Schneiderin gewesen, hatte in den Sechzigern auch hin und wieder in Biberach geschneidert. Ihre Eltern, mit denen sie Ende der fünfziger Jahre nach Biberach gekommen war, lagen schon lange unter der Erde. Ich ging die Treppe hinauf, betrat ihre Wohnung, das Wohnzimmer, in dem die Möbel eng standen. Vor vielen Jahren waren hier Geburtstagsfeste mit so vielen Gästen, daß das Zimmer sie kaum hatte aufnehmen können, gefeiert worden. Nur wirkte den Wohnraum eigentümlich verwaist. Ich stand vor ihr und sagte: Mama ist tot. Sie sah mich an, von unten, denn sie war ja kleiner als ich, setzte sich dann auf einen Stuhl. Ach Kusinchen ..., sagte sie nach einer Weile leise in die dunkle Stube hinein. Ich sagte noch etwas; was? Wir saßen am massiven Wohnzimmertisch und schwiegen. Sie war vor ein paar Tagen hier, sagte meine Verwandte (die einzige, die ich nun in Biberach hatte) dann, sie wollte es da schon tun. Ich nickte traurig. Der Alkohol, den ich mir gegeben hatte, kreiste in meinem Kopf. Ich war keineswegs betrunken. Ich sagte, daß der Arzt und die Leute vom Bestattungsinstitut da gewesen seien; die Dinge nähmen nun ihren Lauf. Ich war in einem Zustand, den man aufgekratzt nennt. Wieder waren wir still. Schließlich verabschiedete ich mich und ging in der Rollinstraße zur Innenstadt, in sie hinein zum Storchen, in dem schon die ersten Abendtypen herumhockten und vereinzelt den Tresen mit ihren Ellbogen beschwerten. Till stand an der Theke. Ich stellte mich neben ihn. Bestellte Rotwein. Er und ich wechselten ein paar Worte. Meine Mutter ist heut gestorben, sagte ich und kam mir mit diesen Worten seltsam vor. Er sah nur kurz zur Seite. Hart, meinte er. Ob er mitginge, eine Pizza oder sowas zu essen, ich würde ihn einladen. Er müsse sehr bald gehen, fahre mit der Bahn zurück zum Studienort. Ich hatte gar nicht gewußt, daß er in der Stadt war. Ob ich ihm fünf Mark leihen könne. Ich gab ihm fünf Mark. Ich war gar nicht sehr enttäuscht, ich kannte ja seine Art. War ihm nicht böse. Er trank sein Glas leer und ging. Ich schaute ihm nach und dann durch die Kneipe, ich wollte nur mit jemandem ein bißchen reden. Anselm, ein junger, etwas gedrungener, pausbäckiger Typ spanischer Abstammung, mit dem ich seit zwei, drei Jahren gelegentlich Backgammon im Alten Haus spielte, der der Literatur etwas abgewinnen konnte, kam an die Theke, um mich in seiner immer etwas theatralischen Art zu begrüßen. Sie störte mich nicht. Man konnte sich mit ihm unterhalten. Ihn fragte ich, ob er mir Gesellschaft leiste; meine Mutter ... Wir verließen dieses letzte Biberacher Freaklokal und gingen ein paar Schritte um ein paar Ecken und setzten uns in eine altbekannte Pizzeria, in der wir zu dieser Stunde noch die einzigen Gäste waren. Ich bestellte einmal Wein und Grappa. Sagte etwas, sagte wieder etwas ..., war aber eher einsilbig. Anselm hörte verständnisvoll zu, entgegnete Sätze, die nicht übertrieben mitfühlend in einem fast sachlichen Ton daherkamen, und das beruhigte mich ein wenig. Ich zitterte innerlich, jedoch nicht die Winterkälte war die Ursache dafür. Wir  aßen Pizza. Ich mußte etwas zu mir nehmen. Tranken Grappa. Vor der Pizzeria ging A. dann nach links, ich nach rechts. Nun war der Abend älter geworden. Ich mußte noch zum Kino, um die Publikumsdiskussion über den letzten Film des an diesem Abend beendeten Nazi-Film-Seminars mit Dr. Albrecht vom Deutschen Filminstitut zu protokollieren. Der Alkohol summte in meinen Neuronen, ich war nicht betrunken, nur von der Welt etwas fortgerückt. Ich vertrug damals eine Menge. Du verträgst einen Stiefel, hatte der Kinobesitzer einmal zu mir gesagt; er sah es nicht gern, daß ich stets etwas alkoholisiert zur Arbeit erschien, fand sich, nach süffisanten Bemerkungen über meine Fahne, zuweilen aber damit ab. Ich war Spiegeltrinker. In der hintersten Sitzreihe des Urania-Kinos belegte ich einen der Klappstühle, zog Notizblock und Filzstift aus der Anoraktasche und protokollierte. Meine Mutter ist tot, und ich sitze hier, als sei nichts geschehen, dachte ich. Alles war &lt;i&gt;strange&lt;/i&gt;. Alles war absurd. Das ganze Leben ist ja absurd; so dachte ich seit langem. Nach Schluß der Diskussion ging ich aus dem Kino, durch die frostkalten Straßen, über den Marktplatz, zur Diskothek Take Five. Dort konnte man noch einen Schluck zu sich nehmen. Ich stellte mich an die Theke des verschummerten Ladens, die in kantiger Hufeisenform um den Barbereich verlief und orderte Rotwein. Es war spät, als ich aufbrach. Roland R., der Disko-Betreiber, schrieb die zehn Mark, die ich vertrunken hatte, an, ich hatte kein Geld mehr dabei. Ich war ja seit vielen Jahren Gast. Mein Weg führte in der Winternacht durch die menschenleere Stadt zur Wohnung an der Hermann-Volz-Straße; nie mehr würde dort meine Mutter nachts mein Zimmer betreten, um mich müde bittend zu veranlassen, doch zu Bett zu gehen. Mein Leben würde sich nun, ab diesen Minuten, in denen ich durch die Straßen ging, verändern. Es war eigenartig. Ich war sehr einsam.&lt;br /&gt;
- Grauer Tag, nicht mehr gar so kalt.&lt;br /&gt;
16.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-15T23:01:00Z</dc:date>
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    <title>15.12.2002</title>
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    <description>In der Mittagspause des Donnerstags ging ich durch die Stadt zu M.S., wie Manfred Schmidt bald nach seiner Ankunft im Herbst 1972 in Biberach bei den Genossen der  politischen Gruppe genannt wurde. In dieser Zeit damals erhielt ich die Kürzel KD, wobei ich dann, als es sich etabliert hatte unter jenen, die auch in BC gegen das Establishment waren, oft an KD Wolff, den früheren SDS-Aktivisten und späteren Verleger, denken mußte, dem ich das KD keineswegs streitig machen wollte (und will). Ich ging zu M.S., um mir fünfzig Mark abzuholen, denn er hatte damit begonnen, seine Schulden aus der Karpfengassenperiode, die zunächst bei mir zu Buche geschlagen waren, in längeren Abständen an mich abzustottern, obwohl er kaum Geld, und das aus der Sozialhilfe, hatte, doch verlangte der Stolz, das zu tun. Es war ein heller und kalter Wintertag. M.S. hauste nun, nach einer anderen Zwischenstation, mit seinen Tieren in einer dunklen Bruchbude am Weberberg, in winzigen zwei Zimmern und einer Küche aus Urgroßmutters Zeiten, die zivilisatorischen Standards höhnisch zeigte, wie es auch noch ginge. Mich störten diese Wohnverhältnisse nicht. Er übergab mir das Geld, wir plauderten ein paar Worte, mit dem Bus fuhr ich zum Hühnerfeld. In der Wohnung angekommen machte ich mir etwas zu essen: Blut- und Leberwürste mit Kartoffeln. Meine Mutter sah ich nicht. Am frühen Vormittag war meine Mutter in mein Zimmer gekommen, um mich, der wieder die halbe Nacht gesessen hatte, zu wecken. Ich  lege mich noch einmal hin, hatte sie in schwachem Ton gesagt. Tu das, hatte ich geantwortet, noch im Bett liegend. Ich verzehrte das Mittagsmahl, trank Wein und einen Schnaps dazu. Die Mittagszeit verrann, ich hatte zu gehen. Ich streichelte noch einmal dem Kater über das Fell; er lag auf dem Küchentisch und blickte kaum auf. Ich verließ die Wohnung, ging die Treppe hinab, zur Wohnblocktür hinaus  und hielt inne.&lt;br /&gt;
Ein seltsames Gefühl war plötzlich über mich gekommen. Irgendetwas stimmte nicht. Stimmte ganz und gar nicht. Ich kehrte um in die Wohnung, öffnete leise die Tür zum Schlafzimmer meiner Mutter. Sie lag in ihrem Bett, ein Bein war angewinkelt. (Seit wir diese Wohnung bezogen hatten, benutzte sie das linke Bett der Doppelbettkonstruktion; in der Lindelestraße war es das rechte gewesen. Im linken Bett war ihre Mutter, meine Großmutter, gestorben.) Ich trat näher. Ein Grausen stieg in mir auf. Mein ahnungsvolles Gefühl hatte sich nun in einen kalten Zustand des Horrors angesteigert. Ich trat nahe an das Bett heran. Meine Mutter bewegte sich nicht. Die Augen waren halb geöffnet. Ich berührte sie an der Schulter, schüttelte sie ein wenig. Langsam stieg die Trauer und Verzweiflung in mir empor, füllten mich aus. Mama, sagte ich halblaut, dann, lauter, noch ein Mal: Mama! Sie bewegte sich nicht. Ihre Augen bewegten sich nicht. Ich berührte sie an der Stirn; sie war schon erkaltet. Meine Mutter war tot. Sie war gegangen  für immer. Kein Leiden mehr, keine fruchtlosen Ermahnungen mehr für den unwirschen Sohn, die Einsamkeit war gewichen, sie ging dorthin, wohin wir alle gehen, wo niemand  ein Gott nur?  von uns weiß, wo auch das Nichts nichts ist. Ihre Augen unter den halbgeöffneten Lidern sahen an mir vorbei, das Leben hatte sich aus ihnen geleert, die Not, die Pein, die Freude, die Erinnerung. Das sind die Blicke der Ewigkeit. Ich stand und sah auf meine Mutter. Es war geschehen, was ich seit vielen Jahren gefürchtet hatte. Möge dich dein Gott aufnehmen, sagte ich zu ihr; etwas in dieser Art, ich erinnere mich nicht genau; in diesem Schlafzimmer, das für ein paar Sekunden wie aus der Zeit gefallen schien. Ging hinaus, in die Küche, wo der Kater herumstrich. Panama, meine Mutter ist tot, sagte ich zu ihm. Ich ging in mein Zimmer; was war jetzt zu tun? Ich ging zurück ins Schlafzimmer, sah auf meine Mutter, schloß ihr die Lider. Noch kamen keine Tränen, die Beherrschung, dies in den Alltag einordnen zu können, war vorhanden. Ich verließ die Wohnung und läutete gegenüber. Eine junge Frau öffnete, ich fragte, ob ich telefonieren könne, meine Mutter sei gestorben. Sie sah mich groß an, ließ mich herein. Ihre zwei kleinen Kinder spielten im Flur. Ich rief den Kinobesitzer an, sagte, was vorgefallen war; ich erhielt zwei Tage Urlaub. Er und meine Mutter hatten einander geschätzt; übrigens waren sie, in verschiedenen Jahren, am selben Tag geboren worden ... Der Arzt, den ich anrief, praktizierte im Nebengebäude. Ich dankte der Nachbarin, gab ihr eine Münze, ging in die Wohnung, die, wie mir unvermittelt bewußt wurde, jetzt mir gehörte, mir allein, von mir bezahlt werden mußte. Wartete in einem Zustand der Unwirklichkeit auf den Arzt. Er kam, trat an das Bett, sah auf meine tote Mutter, die eine seiner Patientinnen gewesen war. Erst kürzlich sei sie noch in der Praxis gewesen, sagte er leise. Ich hörte zunächst kaum richtig hin. Dann verhandelten wir, wie wir diesen Tod deklarieren sollten. Ich hatte schon die zurecht gelegten Kleider wahrgenommen: meine Mutter hatte sie über das Fußende des Bettes gelegt, in ihnen wollte sie bestattet werden; das war offensichtlich. Der Arzt, nervös, fahrig, diagnostizierte als Todesursache Herzversagen. Und das stimmte ja auch, ihr war das Herz gebrochen, über Jahre hinfort. Ich bestärkte den Arzt in seiner Formulierung für den Totenschein. Eine Obduktion käme gar nicht in Frage, ich wollte das nicht, sagte ich ihm. Der Arzt ging. Auch ich trat bald danach aus der Wohnung, ging durch den kalten Nachmittag; Rauhreif an Bäumen und Büschen. Ich ging zu einer anderen Straße unterhalb des Stadtfriedhofs in der Nähe, wo, wie mir bekannt war, ein Bestattungsunternehmen zu finden war, klingelte dort. Beauftragte diesen Dienst. Kehrte um. Meine Erregung hatte den ganzen Körper erfaßt, ich zitterte innerlich. Meine Mama war tot. Kein Abschiedsbrief in der Wohnung zu finden. Die schwarz gekleideten Männer des Bestattungsunternehmens kamen, in gedämpften Worten redend. Sie nahmen meine Mutter aus dem Bett  das war doch meine Mutter !  und trugen sie, wie ein Stück Holz, wie einen Teil einer Pieta, die Treppe hinunter, ich folgte ihnen ein Stückchen nach, wie kann man einen toten Menschen, wie kann man Mama so durch das Treppenhaus tragen, wie eine Puppe, wie einen Einrichtungsgegenstand, dachte ich entsetzt. Ich flüchtete in die Wohnung. Sie hatten Mama fort getragen  für immer. Sie hatte mich verlassen. Ich lege mich noch einmal hin  das waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört hatte. Keine Chancen mehr für Worte von mir. Warum war es nicht möglich gewesen, noch über so vieles miteinander zu sprechen? Irgendwann hätte es doch noch möglich sein müssen.&lt;br /&gt;
Später, der Tag dunkelte bereits, man schrieb den 15. Dezember 1983, entdeckte ich in einer Schlafzimmerecke eine der Schachteln. Ich versäumte, Frau H., die langjährige Freundin meiner Mutter, anzurufen. Aber am nächsten Tag war sie in der Wohnung. Sie hatte von Tante E. davon erfahren. Sie fand eine andere Schachtel. &lt;br /&gt;
- Wintergrauer Tag.&lt;br /&gt;
15.12.2002</description>
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    <dc:date>2007-12-14T23:01:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tagumtag.twoday.net/stories/4467769/">
    <title>14.12.2002</title>
    <link>http://tagumtag.twoday.net/stories/4467769/</link>
    <description>In den ersten Monaten des Jahres 1990 versuchten der Philosoph Kraft, der Maler Pavle B. und ich  Stefan H. in Berlin gehörte auch zu den Initiatoren  ein Kreatives Forum in der Biberacher Kreisstadtkunstszene einzurichten. Der Veranstaltungsort dafür war das große Maleratelier von Pavle in einem der Gebäude auf dem Grundstück von Uli G. am Bismarckring (in einem der Häuser hatten sechzehn Jahre zuvor Falk, Gerd und Heinrich gewohnt, und 1990 wohnte Heinrich nach wie vor im Dachgeschoß), das sich in der Bebauung zur parallel zum Ring verlaufenden Mondstraße ausbreitete. Das Atelier in einem lang gezogenen Backsteinbau (eingeschossig, mit einem Dachboden aber) erstreckte sich längs des linken oberen Endes der Mondstraße (wenn man von unten, von der Wieland-Straße, die ansteigende kleine Straße hinaufgeht) und hatte einen kleinen büroartigen Raum innerhalb dieses Ateliers, in dem Pavle saß und las oder einen Whisky zu sich nahm, wenn er eine Pause einlegte. Den ersten der Abende, die übers Jahr folgten, bestritt ich, eingeleitet mit der Lesung von Celans Todesfuge und eigenen poetischen Versuchen, dann las ich eine im Jahr 1979 oder 1980 entstandene längere Geschichte, die von der Lektüre einiger Prosawerke Stifters angeregt worden war. Eine größere Anzahl von Neugierigen und Kunstinteressierten  Künstler, Lehrer, der Lokalchef des Ortsblattes (Redakteur D.) und andere  saßen auf Holzstühlen an groben Holztischen, tranken Bier und Wein und hörten sich das an. Zwei Tage später lobte der Zeitungsmann diese neue Initiative in der Stadt und wir planten die nächsten Abende. In einem zeigten zwei blutjunge Gymnasiasten, Christoph H. und Lukas S., ihren zweiten Amateurvideofilm, wieder, wie schon ihr erster, der 1989 im Sternchen gespielt worden war und viel Volk zum Kinogehen veranlaßt hatte, eine Agentenfilmpersiflage. Ein anderes Mal trug Kraft etwas vor, danach sprach der Künstler Heilig über die seiner Meinung nach unzulässige Art der Altstadtsanierung samt pastellfarbengeschönter Fassadengestaltung. Herbert Meise  der etliche Jahre später in unserem Film den Mephisto mimen sollte  trug seine skurril-schwarzen Minidramen vor. So kam der Herbst herbei. Er traf mich in niedergeschlagener Stimmung an. Mein schöner Kater, der so einen guten Charakter hatte, war sehr krank geworden. Er, der alle die Jahre seit 1976 mein treuer Gefährte gewesen war, hatte stark abgenommen, die Konsultation der Tierärztin hatte keinen hinreichenden Befund ergeben, aber ich fürchtete das Schlimmste. Anfang November hielt Klaus Leupolz im VHS-Gebäude einen satirischen Vortrag über Zombies. Der Weitgereiste, der auch Lateinamerika kannte, sich im Lande Panama auf dem Isthmus auf einem Schiff als Smutje eingeschifft hatte, fand die Zombies jedoch eher unter der westeuropäischen Alltagsbevölkerung als auf Haiti und in der Dominikanischen Republik (Papa Doc Folterstaat), und wäre ich  Meise und ich hatten uns mit Theaterschminke zu Zombies hergemacht, und vor lauter Kummer fühlte ich mich wie ein Untoter  mit meinen Gedanken nicht immer bei meinem armen Kater gewesen, der in den diesem Tag vorgelagerten Stunden sich schon immer wieder im unteren rechten und schubladenfreien Bereich des Schreibmaschinentischchens verkrochen hatte, wie es Tiere tun, wenn sie sterben, hätte ich mehr schmunzeln können; so aber hockte ich verzweifelt auf dem Stuhl, während die andere Zuhörer vor sich hin grinsten. Während der sich anschließenden Zusammenkunft in einer Gaststätte um die Ecke bewegte ich mich wie in Trance; betäubt von dem Gedanken, daß ich am nächsten Tag den Kater einschläfern lassen wollte. Doch ich wollte es gar nicht tun müssen. Alles in mir widersetzte sich diesem Gedanken, und doch wollte ich das Tier nicht länger leiden lassen. Aber litt er denn? Gab es kein Mittel, ihn gesund zu machen? Seine grünen großen Augen waren jetzt schwarz, aber kein Laut des Klagens war zu hören. Sehr dünn war er geworden, mein Dicker. Hatte er Krebs? Mit gedämpftem Bewußtsein hockte ich in der angeregten Runde und fürchtete mich vor dem folgenden Tag. In der Nacht streichelte ich den Kater, und er verkroch sich wieder in den Hohlraum, den der Schubladenteil des Schreibmaschinentischchens unten wegen der vor Jahren schon herausgenommenen Laden bot. Ich betäubte mich mit Whisky, nachdem ich in der Wirtschaft schon etliches an Alkohol konsumiert hatte. Die Nacht schwand ..., ich schlief dem Morgen entgegen, der graue Anfangsnovembertag legte sich über das Land, am Nachmittag fuhr Thomas G., der zuhause zu erreichen war  am Abend zuvor hatten wir vereinbart, daß ich ihn anrufen würde, wenn ich ihn tatsächlich an diesem Tag brauchen würde  , den Kater und mich zur Tierärztin nach Ummendorf (eine stattliche ländliche Gemeinde südlich von Biberach). Der Kater sträubte sich in meinen Armen, wie er es immer getan hatte, wenn wir in einem Auto gesessen hatten. (Schon zwei Jahre zuvor hatte ich ihn einmal schnell zu dieser Tierärztin gebracht, weil sein ganzes Fell am Darmausgang verklebt war und er nicht mehr seine Notdurft hatte verrichten können. Damals war höchste Eile geboten gewesen.) Und dieses Mal ... (Als ich ihn von der Karpfengasse 24 im Sommer 1978 in einer Reisetasche, die neben mir auf einem Bussitz gestanden hatte, transportiert hatte und ich an der Haltestelle vor dem gelbgrünen Wohnblock mit der Wohnung meiner Mutter darin, die ab diesem Monat auch wieder die meine zu werden begann, ausgestiegen war, hatte sich der Lümmel doch hurtig aus der natürlich nicht geschlossenen Tasche herausgewunden und war mit langen Sätzen über den Gehweg entfleucht; ich war, selber große Sätze machend, ihm hinterhergejagt und hatte ihn am Nackenfell ergreifen können. In die Tasche hatte er nicht mehr wollen, also hatte ich ihn, der ganz schön groß war und mühelos auf der Platte des Holztischchens, das Herbert K. mir bei seinem Auszug aus der Karpfengasse eineinhalb Jahre davon überlassen hatte, nach etwas hatte fischen können, wenn er sich auf den Hinterbeinen erhob, in den Armen, ihn gut festhaltend, in die Wohnung,  zu der es glücklicherweise nur ein paar Schritte gewesen waren, getragen.) Können  wir nicht doch noch etwas machen?, fragte ich, in hoffnungsloser Stimmung, die Tierärztin, was hat er denn nur? Sie schüttelte den Kopf. Sehen Sie, es ist ja gar nichts mehr an ihm dran, entgegnete sie in nicht eben gefühlvollen Worten. Panama hüpfte über den Tisch und floh vor dem Tod. Ich mußte ihn einfangen. Nehmen Sie ihn auf die Knie und streicheln Sie ihn, sagte die Veterinärin. Ich brach in Tränen aus, als sie die beiden Spritzen setzte. Ich streichelte und fühlte, wie mein armer Freund schlaffer wurde. Es war schrecklich. Thomas verließ den Raum. Ich konnte den Anblick nicht ertragen, sagte er ein paar Tage später. Ich wartete. Mein Kater war tot. Ich trug ihn ins Auto. Ging zurück, um die Tierärztin zu bezahlen. Sie schüttelte den Kopf. Ist schon in Ordnung. Vielleicht haben Sie ja mal wieder ein Tier, und dann wissen Sie ja, wo ich zu finden bin, falls nötig. Ich dankte ihr, nun gefaßter. Während der Rückfahrt, als Panama auf meinen Beinen lag, glaubte ich plötzlich, noch eine Regung zu spüren; aber er war tot. Ich bahrte ihn in der Wohnung in einem Karton, der auf dem Teppich mitten im Zimmer stand, auf. Ich mußte zur Arbeit. In einer Pause telefonierte ich mit Elian, die mir den Kater im Sommer 1976 geschenkt hatte. Sie wohnte wieder in ihrem Elternhaus in Reinstetten östlich der Stadt. Ob sie eine Stelle wüßte, wo der Kater seine Ruhestätte bekommen könnte. Sie sagte, ich solle anderntags kommen. Nachts betrachtete ich den toten Kater. Vierzehneinhalb Jahre waren wir zusammen gewesen. Ich fotografierte ihn. Als Grabbeigaben legte ich eine Dose Katzenfutter und eine Minipackung Milch in den Karton. Mit der IBM schrieb ich ein Gedicht, das ich dazu legte. Ich machte keine Kopie davon. Dieses Gedicht war nur für Panama. &lt;br /&gt;
Am Nachmittag des nächsten Tages konnte ich für drei Stunden der Kinoarbeit fern bleiben. Ich holte einen Spaten aus dem Anbau am Filmtheater. Thomas und ich fuhren nach Reinstetten. Dort im Gastraum der stillgelegten Wirtschaft, die Elians (und Joachims) Eltern betrieben hatten, tranken wir ein paar Gläser Trollinger auf den Kater. Dann brechen wir jetzt auf, sagte die alte Freundin. Wir erreichten in zwei Autos ein abgelegenes Waldstück in der Nähe des Dorfes und gingen eine kleine Strecke auf einem Weg hinein. Oberhalb seines Verlaufs, an einem Hang, grub ich ein Loch aus, in dem der Karton Platz hatte. Ich senkte ihn in die Erde, schüttete die ausgehobenen Brocken der oberschwäbischen Krume darüber, trat alles fest, pflanzte etwas Gras und Gesträuch darauf, damit die Stelle nicht zu erkennen wäre. Regnerisch war es an jenem Tag. Ich hoffte, das Aufgepflanzte würde anwachsen. Wir fuhren in die Stadt zurück. Meine Stiefel waren mit Lehm beschmiert, ich wischte sie ab, als ich den Spaten in den Geräteanbau stellte. Ging ins Kino und führte Filme vor. &lt;br /&gt;
An die Zeilen des Gedichts, das ich in jener Nacht schrieb, konnte ich mich nie mehr erinnern. Es war für alle Zeit nur für Holden Panama Johnson geschrieben worden.&lt;br /&gt;
- Unangemessen heiteres Wetter.&lt;br /&gt;
14.12.2002</description>
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    <title>13.12.2002</title>
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    <description>In einer anderen Nacht, in einem viel späteren Jahr, ganz am Ende des Januars von 1996, saß ich im Einzimmer-Appartment  ich sage doch eher Einzimmerwohnung dazu, alles andere klänge ja nur übertrieben  wieder über einer Lektüre, als das Telefon klingelte. Am frühen Abend des hinter der Mitternacht versunkenen Tages war ich bei Klaus Leupolz gewesen, der beabsichtigte, am folgenden Tag zu einer Australien- und Asienreise  aufzubrechen, um noch einmal die Länder, Regionen und Stätten zu sehen, die er als jüngerer Mann in den sechziger und siebziger Jahren bereist hatte. Sein jüngerer Bruder Helmut, der die Fünfzig überschritten hatte, war anwesend gewesen; wir kannten uns schon, von einer Begegnung bei Klaus L. einige Zeit zuvor; sie hatten noch Details für die mehrmonatige Abwesenheit von Klaus besprochen, und ich war hinzugekommen, um ihn zu verabschieden. Anschließend war ich ins Cafe Weichardt, nur ein paar Schritte vom Leupolz-Haus entfernt, gegangen, wo ich Jürgen Kraft, den Philosophen, sah; er hatte mich danach in die Amriswilstraße gefahren. Ich saß über einer Lektüre, über welcher, das weiß ich nicht mehr, als das Telefon seine absonderliche Lautfolge absonderte. Ich hob ab, verwundert, wer zu solch fortgeschrittener Stunde noch anrief. Mir ...isch ... was ... passiert ..., hörte ich die leise und gequält sich anhörende Stimme von Klaus, den ich, seine Abreise am nächsten Tag bedenkend, längst schlafend wähnte; ich erschrak. Mühsam, stockend, erklärte er mir, daß er auf der steinernen Kellertreppe gestürzt, aber nun oben in der Wohnung sei. Verhalte dich ruhig, sagte ich, ich rufe den Notarzt an. Ich erkannte sofort, daß er dazu kaum in der Lage war, und telefonierte mit dem Roten Kreuz. Sie sagten, sie kümmerten sich umgehend um den Verletzten. Ich rief Klaus an, er konnte abheben, ich teilte ihm mit, der Arzt und die Helfer kämen sofort; ob er in der Lage sei, ans Fenster zu gehen und den Hausschlüssel hinunterzuwerfen? Er sagte undeutlich, das sei möglich. Ich versicherte ihm, daß ich in einer halben Stunde wieder beim Notdienst anriefe, um zu erfahren, ob der Transport ins Krankenhaus auch vollzogen sei. Wie dieser Sturz hatte geschehen können, wußte ich nicht. Ich hoffte nur, daß alles klappte. Nach der Frist telefonierte ich mit den Leuten vom Roten Kreuz. Ja, wir haben den guten Mann ins Krankenhaus gebracht, sagte der Diensthabende in der Riedlinger Straße, wo sich die Rettungsstelle befand, dort wird er jetzt untersucht. Ich war erleichtert, fragte mich aber, was genau vor sich gegangen war. Beunruhigt legte ich mich zur Nachtruhe nieder. Am nächsten Tag fuhren Thomas G. und ich zum Krankenhaus, fanden das Zimmer, in dem unser Freund untergekommen war. Er lag im Bett, mit einem Verband um den Kopf; die rechte Gesichtshälfte war rot und bläulich, er hatte Abschürfungen und Prellungen erlitten. Erklärte, immer noch mit einiger Mühe formulierend, er habe noch einmal nachsehen wollen, ob das Wasser auch wirklich abgestellt worden sei (nachts war es frostig), bevor er abreise. Plötzlich sei er gestürzt. (Stand die mittlere Wohnung seines Hauses zu dieser Zeit auch unvermietet leer? Ja. Die im ersten Stock war inzwischen auch unbewohnt, aber noch belegt; der lang-jährige Mieter, Herr G., war im Januar ins Krankenhaus oder Pflegeheim gekommen, im Alter von mehr als achtzig Jahren.) Ich ging hinaus auf den Krankenhausgang und wartete darauf, daß einer der Ärzte vorbeikäme. Einer kam, ich fragte, was diagnostiziert sei. Ob ich zur Familie gehörte? Ich sei ein sehr guter Freund. Bedaure, entgegnete der etwa dreißigjährige Arzt, Sie sind nicht befugt, Auskünfte zu erhalten. Aber sagte vage, sie hätten etwas im Kopf entdeckt. Sicherlich ein Anzeichen für einen Schlaganfall?, hakte ich nach. Das stelle sich noch heraus, er könne darüber nichts sagen. Er ging weiter, ich betrat das Krankenzimmer und sagte von dieser halben Auskunft nichts. Nach einer Weile verabschiedeten wir uns mit dem Versprechen, übermorgen wieder zu kommen. Nach ein paar Tagen wurde Klaus L. nach Ravensburg ins Elisabethen-Krankenhaus verlegt. Manfred S. und ich fuhren hin. Er konnte wieder gehen, saß mit uns in der Cafeteria, verzehrte auch ein Stück Kuchen. Operation, sagte er. Ein Hirntumor war festgestellt worden. Ich war entsetzt, Manfred sah betreten drein. Klaus ließ sich nichts anmerken, wie es seine Art war. Er nahm es hin. Er wurde operiert. Danach besuchten M.S. und ich ihn wieder. Eine halbrunde Narbe war in der Schädelhaut zu sehen. Haare hatte er ja fast keine mehr gehabt. Sonst keine Zeichen der Krankheit. Er saß mit uns in der Cafeteria. Wir redeten über Biberacher Begebenheiten. Er blieb noch einige Zeit in der Klinik, kam dann zurück in seine Wohnung. (Die Anspannung vor der fix und fertig geplanten Reise hatte den Tumor wohl aktiviert und der, beziehungsweise die Situation im Kopf, hatte dann den Sturz verursacht. Einen Bollen haben die da rausgeholt ..., sagte er zu M.S. und mir. Er ging zum Einkaufen, besuchte meine Lesung im März. Im April flog er, allein, mit kleinem Gepäck, nach Australien, zu Freunden von früher. Wann, wenn nicht jetzt?, sagte er in den Tagen davor zu mir. Er rief mich im Mai an, vom Flughafen in Sidney, er fliege nun nach Malaysia. Dort trampte er durch den Dschungel. War in Kuala Lumpur bei Bekannten. Er hatte Adressen in dieser Weltgegend. In Thailand suchte er den Tempel auf, in dem er vor Jahrzehnten als buddhistischer Mönch auf die vierte Stufe der Erkenntnis gelangt war. Nach fast drei Monaten war er zurück. Auch in Asien sei es nicht mehr so wie damals in den Sechzigern, sagte er enttäuscht. Aber so manches kleine Abenteuer hatte er noch einmal erlebt. In englischer Sprache schrieb er einen mehrseitigen Text darüber. Ich tippte ihn im Sommer von 1997 in den Computer (ein altes gebrauchtes Ding, das ich Jahre zuvor von Ralph H., Stefans Bruder, übernommen hatte). Mein Nadeldrucker war kaputt. Raphael S. druckte den Text auf seinem Gerät aus. Nach diesem Sommer dehnte sich das Gliablastom trotz zweiter Operation aus. Klaus bekam Cortison. Er wußte, daß er nicht mehr viel Zeit hatte.&lt;br /&gt;
- Sonnig und kalt. Minus 3 Grad.&lt;br /&gt;
13.12.2002</description>
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    <title>12.12.2002</title>
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    <description>Und noch etwas sagte meine Mutter in jener Nacht zu mir: Ich will doch auch, daß du glücklich wirst. Es war dies ein Satz, der sich aus dem Gespräch heraushob; das nicht nur eine nicht besonders bedeutende Wendung hin zur Gottesfrage genommen hatte, sondern auch, wahrscheinlich, weil ich, unglücklich über Tills Unauffindbarkeit und verweigernde Haltung, eben auf das Glücklichsein auch kam, und ich, erbittert und vom Wein nicht gemildert, sagte, daß ich mir schon einen anderen angelacht hätte; sie hatte vom Affärchen mit T. natürlich nicht die geringste Ahnung gehabt; und es stimmte auch gar nicht, was ich da behauptete. Wieso sagte ich es dann? Um mir selbst eine Illusion aufzubauen? Es war einer dieser Augenblicke, in denen man sich selber einredet, es müsse doch so sein. Ich vermutete in jenen Jahren, daß meine Mutter sich Vorwürfe machte, daß ich so geworden sei, eben diese Neigung hatte, schon immer gehabt und nicht erst erworben hatte, denn sie hatte einmal herausgelassen, was sie in meiner Erziehung falsch gemacht habe. Nichts, hatte ich darauf geantwortet, um ihr wenigstens diesen Kummer auszureden. Es gebe verschiedene Theorien darüber, niemand wisse im Grunde darüber etwas Verbindliches, etwas Gültiges, es sei eben, wie es sei, und keiner könne auch dafür. Was aber in jener Nacht zutage trat, war, so begriff ich es auch sofort, ihre Akzeptanz meiner Veranlagung. Es muß lange in ihr gearbeitet haben, bis sie sich zu dieser mütterlich-liebenden Einstellung hatte durchringen können. Ich wußte auch, daß sie seit Jahren darunter litt (eine Sorge und Enttäuschung mehr), daß aus mir nichts wurde, wie es ganz offensichtlich den Anschein hatte. Obwohl sie nie ein Wort darüber verlor, konnte ich mir denken, daß sie meine Filmvorführerexistenz nicht eben als das ansah, zu dem ich in ihrer Vorstellung befähigt war. Sie dachte, ich sei vom Weg abgekommen und fände nun nicht mehr auf einen anderen; oder dachte sie das nicht? In jener Zeit benahm ich mich nicht immer so, wie ein Sohn, mit seiner Mutter, die zudem leidend war, umgehen sollte. Ausbrüche von Jähzorn ließen sie in Tränen zurück. Ich haßte mich dann nur noch mehr. Es war eine sehr schwierige Zeit. Früher warst du so nett, und jetzt bist du so böse, hatte sie an einem Tag irgendwann vor dieser Nacht traurig gesagt. Mein  Gemüt war verfinstert. Und ich wußte ja: an dieser Entwicklung war ich selber schuld; insofern man schuldig wird, wenn man versucht, andere Wege als die Herde zu gehen und an etwas festzuhalten, trotz aller Widrigkeiten, das man als seine Lebensbestimmung sieht. Meine Mutter war aber auch halbwegs froh, daß ich wenigstens diesen Job hatte, wenn er auch kaum Geld einbrachte. Das war das Unbefriedigende an dieser Arbeit: keine Zeit mehr und dennoch kein ausreichendes Geld zu haben; denn natürlich zahlte ich vom kargen Gehalt, das weit unter tausend D-Mark betrug, meine Schulden ab, und was ich hatte, wurde versoffen, oder, selten genug, in Bücher investiert. Ich werde nie glücklich werden, war meine Antwort auf ihre Hoffnung, und ich fürchte, so kam es auch. Wobei man sich freilich darüber unterhalten kann, was als Glück zu bezeichnen wäre; was dem einen als Glück gilt, ist für einen anderen nur eine abgeschmackte Selbstverständlichkeit, nicht des Redens und Schreibens, in Form von Liebesbriefen vielleicht, wert; jeder hat seine eigene Vorstellung vom Glück und seinen Ingredienzien, wenn er sie nicht sowieso unerfragt sofort aus den Klischees des Alltäglichen nimmt.&lt;br /&gt;
- Schönes Wetter, kalt, blaue Dämmerung.&lt;br /&gt;
12.12.2002</description>
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    <title>11.12.2002</title>
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    <description>Im Herbst 1983 hatte sich der Zustand meiner Mutter, nach einem trügerischen inneren Aufschwung im Sommer 1982 und danach, wieder verschlechtert. Ihre Depression, ihre Selbstvorwürfe und die Vorwürfe vermutlich auch an ihr früher Nahestehende (auch an mich, die sie mir gegenüber nicht äußerte, die ich nur zweimal über Dritte erfuhr), die sie sich wegen der christlichen Demutshaltung ja nicht erlauben durfte, wie ich ihre Lebenseinstellung einschätze, hatten sich zu einem unauflöslichen Syndrom selbstquälerischer Verzweiflung zusammengeballt, und sie verfiel zusehends auch körperlich. Aß kaum noch, lag in ihrem Bett, auch auf der Coach im Wohnzimmer, schlafen, schlafen ... Ich hätte mich intensiv um sie kümmern müssen und war dazu nicht in der Lage. Seit Jahren schon fühlte ich mich von  ihrem immerwährenden Krankheitszustand fast belästigt und krankte selbst an solchen Gedanken und verstohlenen Empfindungen, die ich mir kaum eingestehen durfte; ich litt mit ihr und wollte doch nicht auch noch wegen der Lebensmüdigkeit meiner Mutter verzweifeln müssen; ich war oft unleidig und verhalten aggressiv gegenüber meiner Mitwelt, in mir brodelte die Unzufriedenheit mit meinem Leben, mit dem Job, der mir kaum Luft für meine literarischen und erotischen Bedürfnisse ließ, mit der Enge des Kaffes Biberach, in dem es keine jungen Schwulen gab, mit meiner komplizierten Art, die Verhältnisse zu sehen und immer ergründen zu wollen, wo doch die ganze Welt nur besinnungslos drauflos lebte und tat, was sie für richtig hielt, ohne Rücksichten auf meine feineren Gefühle und moralischen Ansprüche. Längst vereinsamt durch ihre schlechte Verfassung, obwohl noch nicht ganz ohne Bekanntschaften, wußte sie  aber letztlich konnte und kann ich das wiederum nicht genau wissen  nicht, wie sie mit ihren Gefühlen für ihren Sohn, an dem sie inzwischen sehr wohl sein Leiden an den Verhältnissen erkannt hatte, und daß er nicht zu den einfach gestrickten Leuten gehörte, umgehen sollte; einerseits versuchte sie sich, wie so viele Mütter, unbewußt an ihr Kind zu klammern, andererseits war ihr klar, daß ich mein eigenes Leben zu leben hatte und der Ablösungsprozeß, von meiner Seite seit Jahren Stück für Stück betrieben, und von ihrer Seite aus unumgänglich war. Und sie akzeptierte das auch, versuchte es jedenfalls, hatte mir ja in den Siebzigern alle die Freiheiten gelassen, die ich beansprucht hatte, aber tiefinnerlich konnte sie es nicht, wie auch ich das nicht wirklich konnte. Wir hingen aneinander auf immer schmerzlichere Weise. Ich übernachtete wieder häufiger in meinem Zimmer in der gemeinsamen Wohnung, weil ich mich auch von der Kinoatmosphäre distanzieren wollte, weil ich nun Kino oft kaum ertragen konnte; meine vieljährige Sympathie und Leidenschaft für Kino hatte gelitten. Im Herbst 1983 hielt ich mich fast nur noch tagsüber für einige Minuten in der Kinokammer auf, wie es die Arbeit eben erlaubte. Außerdem war es kalt geworden und ich hatte nicht das Geld für die genügende Menge Briketts, die notwendig gewesen wäre, die kleine Bude durchgehend zu beheizen. Nach der Arbeit mußte ich, sofern es sich zeitlich noch lohnte, durch die Kneipen ziehen, in den tiefen Samstagabendnächten stand ich, mit einem Glas Rotwein in der Hand, im Flackerlicht der Diskothek Wurzelmax in Warthausen, bis ich eine Rückfahrgelegenheit in einem Auto hatte. Martina G., Schwester von Thomas G., mit der ich vom Storchen nach Warthausen gefahren war, fragte mich in einer dieser Nächte, wie es meiner Mutter gehe. Schlecht, aber das ist mir egal, antwortete ich roh. Ich war voller Zorn und Verachtung für alle Welt. In einer anderen Nacht im späten November kam meine Mutter in mein Zimmer, sie konnte eben nicht schlafen, die Unruhe ließ sie durch die Wohnung streifen, sie sah nach, was ich tat. Ich saß an der IBM  aber stand sie nicht auf dem Schreibmaschinentischchen vor dem Dachfenster der Kinokammer, wie immer in jener Zeit, oder hatte ich sie mittlerweile wieder in die Wohnung geschafft?  und tippte, nachts nach zwei Uhr, noch an einem Text herum, Kater Panama lag schlafend unter der Schreibtischlampe neben der Schreibmaschine, Zigarettenrauch hing im Zimmer, die Rotweinflasche war halb voll. Du sitzt ja noch immer, sagte meine arme Mutter, die abgemagert war, und ihre Gesichtszüge  die in ihrer Jugend so hübsch und ebenmäßig gewesen waren, wie ich sie auf ihren Fotos vor langer Zeit gesehen hatte   waren sehr scharf geworden. Sie dauerte mich zutiefst. Und rauch nicht so viel, du wirst noch krank werden, sagte sie mit schwacher Stimme. Ich stand mit dem Weinglas in der Hand auf und trat beruhigend an sie heran. Irgendwann muß ich doch was machen, entgegnete ich, halb resigniert, weil ihre Ängste mich eben nicht kalt ließen, und ich konnte sie ihr aber auch nicht nehmen, sonst kommt ja nie etwas zustande. Wir gerieten plötzlich, ich weiß nicht mehr wie, in ein kurzes Gespräch über den Segen, der zu einer Arbeit gehöre und Gott, und dieses Thema konnte ich nicht leiden. Mußte sie mir noch immer damit kommen, wo ihr meine Ansichten dazu seit langem geläufig waren? Von solchen Äußerungen fühlte ich mich peinlich berührt. Es gibt keinen Gott, sagte ich und trank einen Schluck. Meine Mutter  wieso mußte ich ihr das antun?  trug ihren Schmerz und ihre Trauer im Gesicht, als sie sprach: Wenn du wüßtest, wie weh mir das tut, wenn du so etwas sagst. Natürlich gibt es Gott. Geh nun schlafen, sagte ich zu ihr, geh schlafen. Du aber auch bald, forderte sie bittend und verließ das Zimmer. Ich trank die Flasche leer, tippte dazu ein bißchen auf der IBM  wenn ich denn tippen konnte, und wenn nicht, las ich weiter in einer Zeitung, nur dieses nächtliche Gespräch, gespensterhaft, blieb in meiner Erinnerung  , verfluchte den Umstand, daß es ja tatsächlich schon wieder so spät war und ich nichts mehr machen konnte und um neun Uhr wieder aufzustehen und mit dem Stadtbus zum Kino zu fahren hatte, um dort Maschinen zu putzen und andere sinnlose Zeitverschwendungen zu praktizieren.&lt;br /&gt;
- Schönes Sonnenwetter, blauer Himmel, kalt.&lt;br /&gt;
11.12.2002</description>
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    <title>9.12.2002</title>
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    <description>Auf der anderen Seite des kleinen Dachbodenflurs, von dem aus diese Kammer zu betreten war (rechts vor ihrer Tür ging ich manchmal in die enge Toilette hinein), liegt der sehr viel größere Teil des Dachgeschosses, ein langer Raum, in dem das Observatorium eingebaut worden war. Das Filmtheater vorne an der Waldseerstraße war in den Jahren 1939 bis 1941 erbaut worden; die lange Bauzeit erklärte sich daraus, daß zu Kriegsbeginn die Rohstoffe knapp geworden waren. Ein Luftschutzbunker befindet sich noch heute unter dem Kino. Das Urania-Kino war am 31. Dezember 1955 mit dem vom Kinoerbauer, Filmregisseur und Astronomen Anton Kutter Mitte der fünfziger Jahre fertig gestellten Film Das Lied von Kaprun eingeweiht worden. Anton Kutter war der Erfinder des Kutterschen Schiefspieglers, was Sternguckern etwas sagen dürfte. Die Sternwarte war zunächst von einem Professor Strauß  wie oft denke ich an die Gaststätte gleichen Namens!  und Anton Kutter in Pullach  Kutter sen. hatte sich während seiner Zeit bei den Bavaria-Studios oft in München aufgehalten  errichtet und einige Jahre später, als wegen der unklaren Nachatmosphäre über der kleinen Großstadt München die Sicht ins Weltall nicht mehr möglich gewesen war, zeitgleich mit dem Bau des Urania-Kinos an die Saudengasse geschafft worden, wo sie für etliche Jahre, bis in die Sechziger, noch in Betrieb blieb, freilich nur für Privatforscherzwecke. Dann war eine Sternbeobachtung auch in Biberach, wegen der zunehmenden Helligkeit des nächtlichen Stadtgebiets, neben anderen Gründen auch, nicht sinnvoll, die Sternwarte hatte ausgedient. Ihre silber glänzende Kuppel charakterisiert das Gebäude. Urania, Sternchen, Stardust  diese Kinonamen leiten sich natürlich aus dem astronomischen Interesse des Regisseurs Anton K. ab, den ich noch als alten Herrn zuweilen sah, als ich Ende der Siebziger meine Vorführerexistenz allmählich begann. Also besitzt dieses Kino einen mythologischen Urgrund. Urania, die Muse der Sternkunde, wacht über ihm, und da Uranismus in früheren Zeiten das Wort für Homosexualität war, paßte ich ja ganz gut in dieses Haus ... Auch in der Liebe tat sich hier etwas, unter der Dachschräge ..., und vielleicht, weil Urania der Beiname der Aphrodite, der Göttin der Liebe, ist? Übrigens schuf Anton Kutter 1937 einen der ersten utopischen Filme: Weltraumschiff 1 startet. Es startete und landete nach dem Flug zum Mond am Bodensee, weil dort die Zeppelin-Werke standen. Ich führte die alte Kopie einmal im Sternchen vor, sie knatterte und schnatterte in der Lautstärke eines startenden Zubringerschiffs, dessen Antrieb nicht weiß, ob er nun auf volle Kraft schalten oder den Start abbrechen soll. Dann wurde sie wieder sorgfältig, denn sie ist eine echte Rarität, in ihre braune Schachtel gelegt und aus dem Vorführraum getragen.&lt;br /&gt;
- Sonnig, blaue Atmosphäre, Kälte.&lt;br /&gt;
9.12.2002</description>
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    <title>8.12.2002</title>
    <link>http://tagumtag.twoday.net/stories/4467416/</link>
    <description>Dösen ... Im hohen Sessel, der etwas nach hinten wippen kann, wegdösen ... Sehr fern, wie durch die undurchlässigen Okulare eines Fernglases, die Halb- und Viertelsfiguren, die heranschleichen, nein: nur ihre Stimmen, nur eine Idee von ihnen; sie sind gar nicht, nie, ausgeformt, ausgebildet in der Schwärze, in seltsamen Wortkombinationen, plötzlich in einer sich sehr sinnvoll vom Beobachter in der oberen Ferne, von dem man nun noch immer weiß, daß er doch das eigene Ich ist, anhörenden Äußerung einander Vorschläge machen, Pläne schmieden, deren Sinn noch nicht erkannt werden kann, und kommen andere Stimmen hinzu, vage Umrisse in der gleichbleibenden Schwärze dieses fremden, fernen Marionettenspieltheaters, das winzig klein ist, nur bruchstückhaft in einem anderen, entrückteren Zeitverlauf zu entdecken... Schwere, wohlige Schwere; größere Bestandteile des halb schlummernden Bewußtseins sinken immer tiefer in die schwarze Welt hinein, zu den Stimmen, den nur da und dort fertigen Umrissen ... Man sagt etwas zu ihnen, denkt sich ihnen zu, sie hören offenbar nichts ...  Ich habe hier gewohnt. Ja. Ich kann mich nicht entsinnen.  &lt;br /&gt;
... In einer Nacht im Jahr 1979 nahm ich aus der Kneipe, in der ich mich zu dieser Zeit bevorzugt aufhielt, einen jungen Mann mit in die Wohnung, die meine Mutter und ich seit Herbst 1975 auf dem Hühnerfeld hatten; in mein Zimmer. Seit einiger Zeit kannte ich ihn, der um fünf oder sechs Jahre jünger als ich war, und mit dem ich mich über Literatur und Film unterhalten konnte und der eigentlich nicht der Typus war, der mich erotisch ansprach, aber wir kamen gut und freundschaftlich auf einer unverfänglichen Ebene miteinander aus; bis wir an jenem Abend, aufgrund welcher Ursache auch immer, auf das schwule Thema zu sprechen kamen, ein Wort das andere ergab, was eine gewisse unterschwellige Stimmung herstellte; kurz und gut, der junge Mann war neugierig und hatte es sich offensichtlich in den Kopf gesetzt, den schwulen Sex einmal auszuprobieren. Auch der inzwischen konsumierte Rotwein war daran beteiligt, bei ihm, bei mir. Wir stiegen spätnachts vor der Kneipe in ein Taxi, das der Tresendienst für mich bestellt hatte, fuhren vor die Wohnung, stiegen aus, ich betrat die Wohnung mit einem unguten Gefühl, hoffte darauf, daß meine Mutter längst schliefe. Der junge Mann, heterosexuell, aber eben in dieser Nacht auf Abenteuer aus, und ich gingen ins Bett, im dunklen Zimmer. Kater Panama schlief in der Küche, nebenbei bemerkt. Wir begannen mit dem Spiel der Körper  als die Tür, die ich nicht abgeschlossen hatte, geöffnet wurde und meine so  sehr unruhige Mutter, nichtsahnend, nur wieder von Gedanken gequält, die sie nicht schlafen ließen, durch die Wohnung getrieben und dabei vor meinem Zimmer nicht haltmachend, plötzlich neben dem Bett stand und erstarrte. So wie wir in einer Schrecksekunde verharrten, ich nur ein meinerseits gequältes Mama ... hervorpreßte und diese peinlichste aller möglichen Situationen einigermaßen fassungslos zu ertragen hatte, bis der junge Mann sich erhob (meine Mutter flüchtete), sich wortlos anzog und aus der Wohnung verschwand. Die Erkenntnis hatte meine Mutter in ihrem Schlafzimmer aufs Bett geworfen. Ich versuchte zu erklären ..., ich sah ein, daß dies in dieser Nacht unmöglich war. Nun wußte sie es. Nie hatten wir darüber gesprochen. Mein Coming out hatte ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis vor Jahren schon ohne Schwierigkeiten absolviert, nur meiner nervenschwachen Mutter gegenüber hatte ich mich nie zu offenbaren in der Lage gesehen. In jedem Fall, in jedem jüngeren Jahr auch, hätte die Konfrontation  mit der Tatsache, einen schwulen Sohn zu haben, ihre seelische Notlage verschärft. Nun weiß sie es, war mein halb bedauernder, halb trotzig-erleichterter Gedanke, als ich in mein Zimmer ging, mich niederlegte und bald in den alkoholgedämpften Schlaf sank. Drei Tage blieb meine Mutter im Bett, der Schock war zu groß gewesen. Am Tag nach dieser Nacht ging ich in ihrem Schlafzimmer hin und her, wanderte unruhig herum, versuchte, ihr das alles beizubringen. Seit Jahren hatte sie ja miterlebt, daß ich mitunter in starken Spannungen befangen war, mit unterdrückten Enttäuschungen, zu denen auch meine schwule Situation beitrugen, in schwieriger Lage lebte; alle wissen es, die mich kennen, sagte ich, was los ist. Das sollte ihr zum Trost gereichen. Nun wisse sie es, endlich, auch. Mit starrem Gesicht lag meine Mutter im Bett und sah mich an, ohne etwas zu entgegnen, weinte wieder, ich sagte, das alles sei nun wirklich kein Grund, sich Sorgen zu machen. Ich ging in mein Zimmer und nahm etwas Whisky zu mir, auch meine Nerven waren mitgenommen. Irgendwann wäre es ja geschehen, ich hätte ihr die Wahrheit doch nicht auf immer ersparen können; nur war es auf solche, für mich nicht eben glorreiche Weise, getan.&lt;br /&gt;
Am Abend nahm ich das Unterhemd, das der junge Mann in der Eile anzuziehen vergessen hatte, mit auf meinen Weg in die Kneipe. Er war dort. Nun galts, mich ihm gegenüber zu erklären, mich für den Vorfall zu entschuldigen. Er hatte ihn einigermaßen mit Fassung ertragen. Wortlos nahm er das Unterhemd, das ich ihm unauffällig zusteckte, entgegen, verstaute es mit einer Bewegung in seiner Jacke, die mir signalisierte, wie unmöglich er das fand. Keine ausgesprochenen Vorwürfe aber. Ich lud ihn auf einen Drink ein. Später, als meine Mutter sich damit abgefunden hatte, sagte sie zu mir: Ich habe es ja schon lange geahnt. Der unangenehme, wiewohl letztlich sinnvolle Augenblick hatte mir deutlich gemacht, daß ich wieder zu einer eigenen Bude, der mütterlichen Wohnung entfernt, kommen mußte. Das geschah dann, als der Kinobesitzer mir im Winter 1980 eine der beiden Dachkammern im Urania-Kino kostenfrei überließ. Ende Dezember half Manfred S. mir, sie bewohnbar zu machen; tapezierte, strich, ich legte die roten Filzfliesen auf den Bretterboden. Anfang Januar 1981 besaß ich wieder eine Stadtwohnung.&lt;br /&gt;
- Sonnig, kalt.&lt;br /&gt;
8.12.2002</description>
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    <title>7.12.2002</title>
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    <description>Zogen die Herbste und Winter in die zwei Jahre vor und nach der Jahrzehntmitte der Neunziger ein, kaufte ich Samstagvormittag im Supermarkt am Marktplatz zu B. ein Netz voller Orangen oder Mandarinen oder Clementinen ein und trug die Früchte durch die Wielandstraße zum Souterrain-Unterrichtsraum der Jugendkunstschule im dunkelblauen Pestalozzihaus, wo kurz vor 10.30 Uhr die Kinder meiner Literaturwerkstatt eintrudelten, aus den Autos ihrer Väter oder Mütter krabbelten und sich auf den Zwergenstühlchen um den großen quadratischen und niedrigen blauen Tisch einfanden. Hatte ich ab 1993 zunächst einen Ganzjahreskurs, nur von den das Schulleben und also dieses freiwillige Jugendkunstschulleben auch unterbrechenden  Ferien in größere Wochenblöcke eingeteilt, gegeben, in dem ein Dutzend Kinder um mich herumgesessen und -gegangen, -gesprungen waren, so war dieser das ganze Jahr umfassende Kurs in einem der Jahre danach in Frühjahrs-, Sommer-, Herbst- und Winterkurse aufgeteilt worden. Ich hatte begabte Kinder in meinen Kursen. Über ihr tägliches Pflichtpensum hinaus hatten sie noch Zeit und Lust und Willen, einmal in der Woche sich in neunzig Minuten auf Sprache einzulassen, auf das Spielen mit der Sprache und das Formulieren von Sprache. Auch an den Samstagvormittagen (in zwei, drei Jahren nachmittags an einem Wochentag), wenn andere ihres Alters froh waren, die Lernwoche hinter sich gebracht zu haben. Wir vertrieben uns diese neunzig Minuten beispielsweise mit Buchstaben-, Wörter-, Satzspielereien, die Jungen und die Mädchen schrieben mit den Ergebnissen dieser oft lustigen Übungen kleine Geschichten und Gedichte; zu manchen dieser Spracherzeugnisse zeichneten und malten sie auf Din-a-3-Zeichenblockblättern, die ich ihnen aushändigte; illustrierten so die sprachlichen Einfälle; oder sie fertigten aus Zeitungen, die ich von zuhause  genug alte Exemplare diverser Provenienz lagen da ja herum  mitschleppte, Montagen und Collagen an. Im Winter 1996 fotokopierte ich fünf Gedichte aus dem Buch Das besessene Alter von Friederike Mayröcker: Winterserie I bis Winterserie V, legte die Blätter den Kindern vor, wir lasen die Gedichte laut, dann schnipselten und klebten und zeichneten alle  ich jedoch nicht, ich ging im Raum auf und ab und sah zuweilen über Kinderschultern und ließ ein paar Wörter, Wörter aus den Gedichten auch, wie Schneeflocken, die draußen vor den Fenstern in weiten Abständen voneinander auf das nicht sehr ausgedehnte Areal der Jugendmusikschule zwischen den Gebäuden auf wintergrünes Jahresende sanken, auf den Linoleumboden des niedrigen Raums fallen, in der Hoffnung, sie würden noch in der Raumluft von den Kindergedanken aufgeschnappt und in jungen Neuronen eingebaut werden; und das funktionierte auch. Oben in einer der beiden Ecken der großen Mal- und Collagenblätter wurde eine Zeile aus einem Gedicht der Wienerin geschrieben, sie  die Zeile, die Wörterfolge  war das Ausgangsmotiv für die visuelle Gestaltung. Als schier unerschöpfliches Spiel- und Erkenntnismaterial erschien uns die Sprache, die wir auseinanderpflückten (während die Clementinen geschält und verspeist wurden) und in anderen Formen mit verändertem Sinn im Niedergeschriebenen, in anderen Buchstaben- und Wortkombinationen, auf Papier unterschiedlichen Formats speicherten. Viele Geschichten, schöne Gedichte entstanden. Als die Wiener Dichterin im Jahr 2001 den Büchner-Preis zugesprochen bekam, erfuhr sie, wie in Oberschwaben mit einigen ihrer Gedichte umgegangen worden war.&lt;br /&gt;
- Sonnig und sehr kalt, der Ostwind verstärkte die Kälte. In der Abenddämmerung breite zerfaserte rosafarbene Reste von Jet-Kondensstreifen.&lt;br /&gt;
7.12.2002</description>
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    <title>3.12.2002</title>
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    <description>Warum blieben mir von meiner Kindheit nur so wenige, und so vage, wie hinter einer Glaswand, in dem sich etwas spiegelt, das auch nicht zusammen zu bringen ist, und die die Gestalten und Räume, die hinter ihr schemenhaft existieren, erst recht verunklart, liegende Erinnerungen? Ist es doch bedauerlich, und mehr als das: traurig  wenn man vom Heute aus das Kind, das gewesen zu sein man der Unwahrscheinlichkeit, die man dabei empfindet, wenn man daran denkt, nicht ganz abstreiten kann, nicht betrachten kann. Ich wüßte doch gern, wie ich ausgesehen und wie ich bestimmte Wörter und Sätze ausgesprochen hatte, und die wenigen Fotografien, dich ich von mir im Kindesalter, also von einem Alter unter zehn Jahren, denn nur diese Lebensjahre gehören in meiner Vorstellung zur richtigen Kindheit, besitze, vermitteln mir überhaupt gar keine Einsicht in mein kindliches Benehmen und Wesen und Empfinden und Sehen und Denken; irgendetwas muß ich doch schon in solchem Alter gedacht haben, und warum bleiben uns solche Kindheitsgedanken nicht erhalten, mit Ausnahme freilich einiger weniger. Andere Leute mögen aber einen größeren Erinnerungsschatz aufbewahrt haben; Sätze, in denen sich ein paar Gedanken in außerordentlichen Situationen oder Plötzlichkeiten geformt hatten und die schließlich in den Jahren des Älterwerdens sich nicht hatten von den Myriaden von Gedanken, von denen die überwältigende Mehrzahl sowieso nichts taugte (ich spreche nur von mir), die seither durch das Hirn schwebten, überlagern lassen. Aber auch diese prägnanten, vielleicht sogar prägenden Gedanken stehen mir zumindest gar keine zur Verfügung, jedenfalls nicht so unmittelbar abrufbar, und wenn sie das nicht sind, dann gehören sie vermutlich nicht zu dieser besseren Sorte von Gehirntätigkeit. Mir bleiben aus der Kindheit eher einige Bilder und Szenen, wie ich eine ja zu Beginn dieses Jahrs der Aufzeichnungen geschildert habe, vor dem inneren Auge. (Wieso schreibt man eigentlich nicht: Augen?) Und im Erinnerungsempfinden oder in den erinnerten Gefühlen, wobei en passant die Frage nach den Unterschieden zwischen Empfindung und Gefühl aufkommt, die man sich besser in Musils großem Buch annähernd beantworten läßt. Blieben also die visuellen Eindrücke besser als die sie doch wohl begleitenden und einordnenden Gedankenfetzen, -sätzen in meiner Innenwelt haften? So hängen die Gemälde der Alten Meister im Zwinger zu Dresden noch immer groß und prächtig in meinem Gedächtnisraum (auch ich hatte sie damals nur einmal, an einem Nachmittag in den frühen sechziger Jahren, betrachtet), aber das, was die Erläuterungen der Museumsführerin dazu an Denkerischem in mir hervorgerufen hatten, ist mir gänzlich entflohen. Ich dachte  diese Möglichkeit sollte nicht ganz ausgeschlossen werden  wahrscheinlich gar nichts; oder nicht so viel, und von dem nichts, was der Aufbewahrung wert gewesen wäre? Aber das waren ja zwei Stunden einer, meiner, Zeit, die am Ende der eigentlichen Kindheit stattfanden und gehört demzufolge nicht mehr hierher. Eine Szene in den fünfziger Jahren ist sehr deutlich geblieben: meine Großmutter, meine Mutter und ich sitzen in einer Hochsommernacht am Küchentisch und meine Großmutter murmelt Gebete, während vor dem mit einer Gardine verdunkelten Fenster ein heftiges Unwetter donnert und blitzt und kracht und kaum enden will. Für mich war diese Naturentladung das Urgewitter, der Prototyp eines Gewitters gleichsam, meines Lebens, und sie hatte eine kräftige Impression in mein kindliches Gemüt geblitzt, und für Kinderjahre danach hatte ich immer ein etwas mulmiges Gefühl  oder nur eine Empfindung?  , wenn diese sommerliche Erscheinung über die düstere Hemisphäre zuckte und  ein Phänomen, das mich faszinierte  zeitverzögert dann der Donner hin- und herrollte, von einer Ecke des Firmaments in die andere. So denkt und fühlt man sich in einem beginnenden Winter in glückliche Sommer zurück; die auch ihre Schatten hatten.&lt;br /&gt;
- Ein scheinbar immerwährendes Grau liegt auf diesen Tagen.&lt;br /&gt;
3.12.2002</description>
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    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://tagumtag.twoday.net/topics/KD&quot;&gt;KD&lt;/a&gt;</dc:subject>
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    <dc:date>2007-12-02T23:01:00Z</dc:date>
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    <title>2.12.2002</title>
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    <description>Aus der Sternchen-Post Nr.143 vom 25.11.1983 entnehme ich das Filmprogramm der FTB Kutter, das für die erste Dezemberwoche galt:&lt;br /&gt;
Under Fire von Roger Spottiswood gezeigt, im Filmtheater lief der Disney-Klassiker Schneewittchen und die sieben Zwerge, im Stardust Herkules, in der Sternchen-Ab