27
Dez

27.12.2002

Es mag sein, daß mein nicht geglücktes Leben zwischen Kneipe, Kino und Kosmos in der Kleinstadt, etwa sechzig Kilometer vom Bodensee entfernt, wenn ich auf der Landkarte den südlichen Orientierungspunkt nehmen will und nicht den nördlichen der Stadt Ulm, aus dem ich nicht – wie ich es oft dachte – „rechtzeitig“ flüchten konnte, in der ich Gefahr lief, in meinen Empfindungen so grau zu werden wie die Häuser der Stadt an den engen Straßen (grau zumindest in den sechziger und siebziger Jahren des forteilenden Jahrhunderts), mich vor Aids und vor einem noch früheren Tod bewahrte. Denn wie hätte ich es getrieben, wäre ich 1979 oder 1980 meinen als unzulänglich betrachteten Verhältnissen entronnen? In Stuttgart, wo ich ja eventuell weiterstudiert hätte in Jahren schon zuvor, oder in Köln, München, West-Berlin, wohin es mich, dessen bin ich mir sicher, verschlagen hätte, oder das Leben auf der ummauerten Insel wäre dort ganz normal mit abschließenden Semestern weitergegangen? Nur zwei Entscheidungen hatten für meine den siebziger Jahren folgenden zwei Jahrzehnte in Biberach die Weichen gestellt: die Aufgabe des Studiums, der Einzug in die Wohngemeinschaft der Karpfengasse 24. Wären die erst einmal von großstädtischer Schwulenszene erodierten Hindernisse der Moral und des „Anstands“ und der zaudernden Zurückhaltung, die zuviel Rücksicht auf das zarte Innenleben spätpubertierender Jünglinge nahm, denen ich mich doch nicht aufdrängen durfte, wie ich meinte, und sicherlich war dieser Vorbehalt nicht ganz unangebracht – ich hätte es vermutlich schauerlich getrieben. (Aber das ist die Vorstellung eines Zurückgebliebenen, der sexuell zu wenig gekommen war. Andererseits interessierten mich die geistigen Genüsse stets mehr als die körperlichen. Ich war Kopfmensch.) Das Provinzleben, ohne Ausflüge in große Städte, in die Szene der Bars und Darkrooms geführt, ließ den Virus nicht an mich heran; obwohl es auch um B. herum in den Achtzigern Infizierte gab, doch wenige, und nie hatte ich Kontakte, in denen ich mir die gefürchtete Krankheit hätte holen können, gehabt. Till – einmal berichtete er mir, daß er von einem Mittvierziger aus der Gegend nach München in den „Ochsengarten“ mitgenommen worden war – und ich waren 1983 sofort auf dem neuesten Stand der unheilvollen Entwicklung gewesen, und es ist wahr: mein „vernünftiges“ Verhalten schloß Abenteuer grundsätzlich aus, ich verbot mir den Sex, der vielleicht da und dort doch durchaus zu haben gewesen wäre. Kam T. nach Wochen oder Monaten einmal wieder zu mir, hatte ich aber Bedenken. Liebe konnte tödlich enden. Nicht in der Weise rührseliger Melodramen, sondern in den grausamen Variationen des Siechtums. Vor Aids blieb ich verschont, dafür hat etwas anderes in meinem Körper Platz genommen; und sich vom Frust genährt? (Übrigens ist mir bis heute kein Aidskranker begegnet.) Wie Aids dürfte auch der Krebs eine unbewußte Form der Selbstaufgabe sein. (Der Liebesakt ist ja eine Hingabe, in welcher Intensität auch immer.) Die einen saufen und rauchen, bei anderen ist es das Vögeln, das sie ruiniert. Und auch wenn ich B. in früheren Jahren den Rücken gekehrt hätte, wäre damit nicht gesagt, daß ich mir die Seuche geholt hätte. Und was will man, um darauf ein letztes Mal zurück zu kommen, als „Glück“ definieren? Vielleicht camouflierte das Glück sich so gut vor mir, daß es zwar da war, ich es aber nicht als das, was es war, erkennen konnte; weil ich es in meiner frühen kritischen Fixierung auf die negativen Aspekte des Lebens – und woher kam die? – gar nicht für möglich hielt, daß es in meiner Nähe war, weshalb ich schließlich weder Gespür noch Blicke dafür hatte, wenn es sich einmal unverhüllt vor mir zeigte?
- Im späteren Vormittag und über die Mittagszeit etwas helles Licht, dann Eingrauung.
27.12.2002
Klaus-Dieter Diedrich (1951-2006): "Die Biberacher Zeit"

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